„Außer sich“ von Salzmann: Identität in der Revolte

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Sasha Marianna Salzmann.  Foto: 

Über Ali kann man wissen, dass man sie am besten in ein Auto setzt, wenn es ihr schlecht geht. Dass sie ein Kind russischer Juden ist, dass sie ihre Eltern nur in Symbiose mit dem Zwillingsbruder Anton überstand, dass sie boxt und mit Männern und Frauen schläft und mit Menschen, die auf dem Weg sind vom einen zum anderen Geschlecht. Das alles kann man wissen und wird noch immer keine Ahnung haben, denn es hat Gründe, dass Sasha Marianna Salzmann ihr Buch „Außer sich“ genannt hat. Sind doch fast alle ihre Figuren mehr oder weniger außer sich – weil sie trinken, weil sie in der Fremde leben, weil sie in den falschen Beziehungen oder Körpern stecken oder als Epileptiker geradezu aus ihnen heraustreten.

Das Debüt der Hausautorin des Berliner Gorki-Theaters steht auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis und verhandelt das Thema der Identität, indem es sie verflüssigt – ihre Vorbilder nennt Salzmann: Bachmann, Bolano, Eugenides, Preciado. Das Schöne ist, sie nähert sich der Sache mit Lust, mit Freude an sprachlichen Kapriolen und mit einem Humor, der durch die Formulierungen spitzt, als könne sie ihn gar nicht zurückhalten: „Alis Erinnerungen legten sich aufeinander wie Folien und verrutschten. Sie ergänzten und widersprachen sich, ergaben neue Bilder, aber sie konnte sie nicht lesen, auch Kopfschütteln brachte nichts.“

Alis Erinnerungen unterfüttert Salzmann mit den Erinnerungen der ganzen jüdischen „Mischpoche“, die sie auf ökonomischen 365 Seiten unterbringt. In Schlaglichtern erzählt sie von den Urgroßeltern, die als berühmte Ärzte in der Sowjetunion arbeiteten, bis zu den Eltern, die in den 90ern als Kontingentflüchtlinge nach Deutschland kamen.

Die ruinierte Ehe der Eltern, die Prügel des Vaters, die Asylheime, den Alkohol stehen Ali und Anton nur durch, indem sie in einem punktuell inzestuösen Verhältnis „wie unter einer schalldichten Glocke“ leben. Umso schmerzhafter ist es, als Anton nach dem Selbstmord des Vaters abhaut. Auf der Suche durchkämmt Ali Istanbul – eine  Stadt der Clubs, die an die Filme Fatih Akins erinnert,  ein Ort, an dem Kulturen sich aneinander reiben, eine Stadt in der Revolte, in die auch die Geschwister unabhängig voneinander geraten. Bis sie endlich doch eins werden: Ali verwandelt sich mittels Testosteronspritzen in ihren Bruder. Durchlässige Grenzen, schwebende Existenzen, fragile Identitäten, wo die Wahrheit ist? Die ist eine hässliche Alte, so erzählt man in Afrika. Wer sie aufstöbert, dem trägt sie auf: „Sag ihnen, ich bin jung und schön.“

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