Über die Zeitung geschimpft wird immer

Sie haben es ja nicht böse gemeint, die Elferräte in Wiesensteig, als sie am Fasnetsdienstag beschlossen, der GEISLINGER ZEITUNG einen Leserbrief zu schreiben. Aber frustriert waren sie schon, das geben sie offen zu.

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Die Wiesensteiger Elferräte Markus Fuhrmann, Thomas Wiedmann und Daniel Beckert (von links) am Konferenztisch der Lokalredaktion, an der Wand das Corpus Delicti.  Foto: 

Ihre Heimatzeitung hatte diesmal nicht über die Weiberfasnet am Gombiga Doschdig berichtet. Und vom Rosenmontagsumzug hatte die GZ zwar viele tolle Bilder veröffentlicht, aber schon die Schlagzeile signalisierte offenbar Langeweile: "Bunt und entspannt" sei das närrische Spektakel gewesen, hieß es da. Das Urteil des Elferrats war vernichtend: Der Artikel sei "lustlos" und "lieblos" geschrieben.

Das (und einiges mehr) wollte die Zeitung nun allerdings nicht auf sich sitzen lassen. Sie veröffentlichte den Leserbrief und lud den Elferrat zugleich ein, ihr Nachhilfe in närrischer Berichterstattung zu geben. So kam es, dass sich nun, 14 Tage nach Aschermittwoch, die Beteiligten wie bei einem Gütetermin vor Gericht am Konferenztisch der Lokalredaktion gegenüber saßen. Die Kläger waren vertreten durch die Elferräte Daniel Beckert und Markus Fuhrmann sowie ihren Elferratspräsidenten und Vorsitzenden der Fasnetsgesellschaft Wiesensteig, Thomas Wiedmann. Die Sache der Zeitung vertraten Redaktionsleiter Karsten Dyba und die Redakteure Thomas Hehn, Ralf Heisele und Hartmut Alexy. Als Zuhörerin war die Redaktionspraktikantin Özge Koc erschienen. Zu trinken nahm sich niemand etwas, obwohl Gläser und sechs Flaschen Wasser auf dem Tisch standen.

Ein Beamer projiziert das Corpus delicti - die Extra-Seite mit dem Bericht über besagten Fasnetsumzug - an die Wand. "Wir haben eine sehr traditionelle Fasnet in Wiesensteig", beginnt Elferrat Beckert seine Erklärung. Zwei Prunksitzungen an aufeinanderfolgenden Samstagen, die Weiberfasnet mit dem "Maschgra" in sämtlichen Wirtschaften und im komplett ausverkauften Festzelt am Gombiga Doschdig, die Narrenmesse und der Rathaussturm am Fasnetssonntag und schließlich der große Umzug am Rosenmontag: Das alles stehe bei ihnen auf dem Programm. Für das "Maschgra" hätten sich die Gruppen, die zum Teil schon seit vielen Jahren bestehen, wieder fantasievolle Kostüme genäht und wenn sie gewusst hätten, dass niemand von der Zeitung kommt, hätten sie doch auch selbst Fotos davon gemacht - aber das wusste vorher eben keiner.

Oder doch? Im Leserbrief stand schließlich: "Aus der Redaktion der GZ hieß es nur lapidar, Wiesensteig sei halt Randgebiet, deshalb darf man da keine Berichterstattung verlangen." Dem widersprechen die Redakteure energisch. Einer von ihnen habe das auf keinen Fall gesagt. Elferrat Beckert verspricht, den Urheber ausfindig machen. Bis Redaktionsschluss haben wir von ihm aber nichts mehr gehört.

Dafür haben unsere Besucher eine Menge über das Zeitungsmachen erfahren. Karsten Dyba fasst seine Erfahrung als Journalist und als einer, der "im Häs und mit der Fasnet aufgewachsen" ist, in drei Grundregeln zusammen. Erstens: Bei der Fasnet wird immer über die Zeitung geschimpft. Zweitens: Die Nachbarzeitung berichtet immer besser als die eigene. Drittens: Leider sind die Interessen der verschiedenen Häs- und Wagengruppen nur schwer unter einen Hut zu bringen.

"Lustlos" würden die Redakteure ihre Arbeit ganz gewiss nicht tun, im Gegenteil: Obwohl sie immer unter Zeitdruck stünden, gingen sie allen Details nach. Auf der Bilderseite war jede Gruppe mit ihrem Namen benannt - viel Arbeit für den Fotografen und den Redakteur, die man der Zeitung am nächsten Tag nicht ansah. Daniel Beckert lenkt ein. "Das sollte kein persönlicher Angriff sein", sagt er und meint damit die Kritik am Umzugsbericht. "Aber er war trocken geschrieben." "Nicht überschwänglich", relativiert Karsten Dyba und dabei blieb es.

Etwas leichter machen könnten es die Vereine den Zeitungsleuten freilich schon, findet der Redaktionsleiter, und zwar durch Information. Was gibt es Neues im Verein? Was ist der Hintergrund des Altbekannten? Und wo kann die Zeitung mal hinter die Kulissen schauen? Als Basisinformation bei Veranstaltungen seien Pressemappen gut, essentiell in allen Fällen die Handy-Nummern der Ansprechpartner.

Eine Nachhilfestunde ist aus dem Gespräch nun doch nicht geworden. Aber das macht nichts. Wir wären uns dabei doch närrisch vorgekommen.

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