"Hier bin ich richtig"

Gruibingen.  Magdalena Smetana, die Pfarrerin von Gruibingen, ist eine vielschichtige Frau mit bewegter Lebensgeschichte. Mit 18 mittendrin in der tschechischen "Samtrevolution", dreimal studiert, Mutter von vier Kindern.

Als Magdalena Smetana im März 2011 das erste Mal in Gruibingen den Gottesdienst besuchte, fühlte sie sofort: "Das ist meine Kirche, hier bin ich richtig."

"Vielleicht, weil mich sowohl das Straßendorf Gruibingen als auch das Ensemble Kirche-Pfarrhaus-Kirchplatz an den Ort in Tschechien erinnern, an dem ich die ersten Jahre meines Lebens verbracht habe", überlegt die schlanke, sportlich wirkende Frau mit den langen hellbraunen Haaren und den leuchtenden Augen.

Heute, fast ein Jahr später, hat sich dieses Gefühl bei Magdalena Smetana - inzwischen die neue Pfarrerin in der evangelischen Martinsgemeinde - verfestigt. Die 40-Jährige, ihr Mann und ihre zwei Mädchen Noemi und Lia zogen im August von Esslingen hierher und haben im schönen alten Pfarrhaus direkt neben der Martinskirche eine neue Heimat gefunden, in der sie sich wohl und willkommen fühlen.

Dass sich Magdalena Smetana einmal in so einem unauffälligen Ort niederlassen und auch, dass sie dies als Pfarrerin tun würde, war in ihrem Leben lange nicht abzusehen. Sie war acht, als die Familie von Mähren nach Prag übersiedelte. Bis in die achte Klasse besuchte die Pfarrerstochter die Grundschule, wechselte dann aufs Gymnasium. Sie war die einzige ihrer Schule, die aus Überzeugung nicht bei der "Sozialistischen Jugend" war. "Wir hatten viel Kontakt ins Ausland und oft Besuch", erinnert sich Smetana, deren Akzent trotz schwäbischer Ausdrucksweise noch immer durchschimmert. Sie erlebte mit, wie der Vater nach solchen Besuchen verhört wurde. Sie bekam mit, dass man ihre Nachbarn über die Familie ausgefragt hatte oder sie wusste auch, dass ihr Telefon abgehört wurde.

Wegen dieses familiären Hintergrunds war die Abiturientin "eigentlich automatisch" von jeglichem Studium ausgeschlossen. Dennoch bewarb sie sich an die Philosophische Fakultät - und bekam einen von sieben Studienplätzen, für den sich an die 400 Schüler beworben hatten. "Das ist nur eines von ganz vielen Mosaiksteinchen, die Gottes Wirken in meinem Leben anzeigen", sagt Magdalena Smetana und kann noch einige mehr davon nennen. Gerade mal zwei Monate besuchte sie die Uni, als am 17. November 1989 die sogenannte "Samtrevolution" in Tschechien begann und die Studentin in einen Strudel der Ereignisse riss: Demonstrationen, Prügel durch Militärs, der Sturz des kommunistischen Präsidenten Gustav Husak, Engagements innerhalb der verschiedenen Studentengruppen, um weitere Schritte zu planen, und Mitarbeit bei der neu entstandenen Zeitung "Respekt".

Diese Mitarbeit führte dazu, dass ausgerechnet sie, vermutlich wegen ihrer Deutschkenntnisse, den neuen Präsidenten Vaclav Havel im Journalistenpulk auf seiner ersten Auslandsreise nach Berlin und München begleiten durfte. Später in diesem "dichten Jahr 1990" kehrte sie zu ihrem Studium der Sprachen mit Schwerpunkt "Dolmetschen" zurück. Doch noch vor Beendigung dieses Studiums bewarb sie sich als Au-pair-Mädchen nach Stuttgart, um Deutsch in der Praxis zu lernen - und blieb dort. Die fröhliche, kontaktfreudige Frau fand schnell Freunde. In Stuttgart begann sie an der Berufsakademie ein neues Studium, diesmal "Sozialpädagogik".

Eine aufregende Zeit in zweierlei Hinsicht: Zum einen absolvierte die Studentin ein viermonatiges Praktikum in Neuseeland. Zum anderen musste sie für das Studium eine Praxisstelle nachweisen und bewarb sich dafür bei der Lebenshilfe in Esslingen. Der dortige Geschäftsführer - das fand sie mit der Zeit heraus - war "ein ganz Netter". 1998 heiratete die inzwischen diplomierte Sozialpädagogin den Witwer, der zwei Mädchen, sechs und acht Jahre alt, mit in die Ehe brachte. Weil sie sich ein Jahr vorher entschieden hatte, ein drittes Mal zu studieren - diesmal Theologie -, aber für Mann und Kinder da sein wollte, nahm Magdalena Smetana ihr neues Ziel in Form eines Fernstudiums in Angriff - und zwar in Prag.

"Finanziert haben wir das Studium, indem ich als gesetzliche Betreuerin freiberuflich tätig war", erklärt die Pfarrerin, die all diese Herausforderungen als "spannend" empfand. "Man wächst mit den Aufgaben", sagt sie schmunzelnd.

Drei Jahre später kam die erste gemeinsame Tochter Noemi zur Welt. Dennoch zog die "Familienmanagerin" ihr Studium durch. Doch bei der evangelischen Landeskirche Baden-Württemberg bekam sie danach "aus verschiedenen Gründen" keine Vikariatsstelle. "Gott hat aber auch in dieser verfahrenen Situation neue Möglichkeiten aufgezeigt", lächelt Magdalena Smetana. Zuerst jedoch kam das zweite Baby, Lia, zur Welt. Durch den Dekan ihrer Wohngemeinde in Esslingen, der sie durch ihre vielseitigen ehrenamtlichen Einsätze kennengelernt hatte, bekam sie den Tipp: "Machen Sie Ihr Vikariat - egal wo." Als sie kurz darauf von einer freien Vikariatsstelle in Prag erfuhr, ergriff die junge Mutter die Gelegenheit beim Schopf, bewarb sich und bekam die Stelle.

Mit den beiden kleinen Kindern im Gepäck zog sie für ein Jahr zurück in die alte Heimat, wo ihre Eltern auf die Enkel aufpassten und ihr Mann sie jedes Wochenende besuchte. Und es funktionierte, sodass sie bei ihrer Rückkehr eine bewegliche Pfarrstelle in Esslingen zugeteilt bekam, und jetzt seit August zu 75 Prozent in Gruibingen Pfarrerin zur Anstellung sein darf. Ein Beruf, der für die energiegeladene 40-Jährige die "Vielfalt des Lebens" einschließt, weil man von der Taufe bis in den Tod die Menschen begleiten kann. Und das will sie sein: eine "Begleiterin" für die Menschen.


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Autor: CLAUDIA BURST | 04.02.2012

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