Katharina von Bora, die stolze Lutherin

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Im Kloster schwor sie zuerst „allen Freuden dieser Welt ab“, floh dann mit Luthers Hilfe aus dem Orden und heiratete schließlich den Reformator: Das Leben der Katharina von Bora war Thema eines Vortrags an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt (HfWU) in Nürtingen.

„Männer machen Geschichte, Frauen werden geheiratet – eine immer noch weit verbreitete Sichtweise“, sagt Referent Martin Treu – nur um mit Katharina von Bora diese These zu widerlegen: Sie selbst war es, die auf den Ehebund mit Luther drängte und war mit ihm in vielen Belangen auf Augenhöhe.

Schon vor dem Reformationsjahr 1517 kommt Katharina mit den Schriften von Luther in Kontakt. Sie sind in das Zisterzienserinnenkloster bei Grimma geschmuggelt worden, in dem Katharina ihr Leben fristet. Die Pamphlete, in denen Luther für die Ehe und gegen den Zölibat wettert, beeindrucken die Ordensschwester. Luthers Ansicht nach fordert Gott niemals einen Zwangsdienst. Zudem „solle die Sexualität dem Menschen gewährt werden“. In ihr sieht er einen besonderen Gottesdienst.

Es wird aber noch Jahre dauern, bis Katharina Luther um Hilfe zur Flucht bittet. Schließlich gelingt es ihr in einer Nacht- und Nebelaktion mithilfe eines Mittelsmanns von Luther zu entkommen – gemeinsam mit weiteren Nonnen. Was nicht ungefährlich ist: Auf die Entführung von Nonnen steht die Todesstrafe.

Ihren Fluchtpaten zu heiraten: dem steht Katharina zu diesem Zeitpunkt fern. Zuerst gilt es ganz alltägliche Probleme zu lösen. Die geflohene und konvertierte Katharina kann nicht in ihre Familie zurückkehren. Eine Mitgift oder ein Einkommen hat sie nicht. Diverse Eheanbahnungen scheitern, auch eine von Luther vermittelte – mangels Sympathie. Schließlich nimmt sie den Junggesellen Luther ins Visier. Dessen Ansinnen selbst eine Adelstochter von Schönfeld zu ehelichen, ist erfolglos geblieben. Die Eheschließung folgt damals vor allem weltlichen Überlegungen und hatte wenig mit der heutigen Vorstellung von Liebe zu tun. So willigt Luther 1525 in die Eheschließung ein.

An der Seite des Freigeists nimmt Katharina fortan nicht nur die Rolle der Ehefrau, sondern auch die einer Geschäftsführerin eines mittelständischen Unternehmens ein. Das Kloster bei Wittenberg, in das die beiden gezogen sind, baut sie aus und vermietet Zimmer an Studenten. Sie kauft Land, organisiert die Produktion von Lebensmitteln und stockt so das schmale Einkommen Luthers auf. Für die gemeinsamen Kinder überträgt ihr Luther die Vormundschaft und Vorerbschaft. Die von Luther übersetzte Bibel zu lesen, dafür habe sie keine Zeit, soll die geschäftstüchtige Frau ihrem Mann bekundet haben. Luther versteht und gibt ihr 50 Gulden, damit sie sich mit der Heiligen Schrift beschäftigt. In männlichen Tischrunden macht sie sich schnell als gescheite Rednerin einen Namen und wird als „stolze Frau“ hoch geachtet.

„Ihr Einfluss auf Luthers Theologien ist vermutlich größer als bisher gedacht“, so ein Fazit von Martin Treu. Sie sei mehr gewesen als nur seine Gattin, vielmehr eine gebildete, emanzipierte Partnerin.

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