Collage aus GZ-Artikeln

Aus der Zeitung wird Kunst: Im Aufhausener Pflegeheim Sonnenblick hat Betreuungsassistentin Heiderose Kaiser zusammen mit den Heimbewohnern eine Collage aus GZ-Artikeln gebastelt. Dahinter steckt weit mehr als nur ein Zeitvertreib.

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Zeitungs-Kunst: Heiderose Kaiser bastelt zusammen mit Elisabeth Sandhövel (links), Barbara Bleher und Horst-Peter Braun eine Collage.   Foto: 

Heiderose Kaisers Blick geht in die Runde: „Wo soll der Boxer hin?“, fragt sie. „Der Boxer“, das ist ein Foto aus dem Sportteil einer alten GZ, ein Zeitungsschnipsel, den zuvor Horst-Peter Braun ganz akkurat ausgeschnitten hat. Barbara Bleher hebt zögerlich den Arm, streckt ihre Hand vor. Ihr Finger schiebt sich langsam über die große, gerahmte Bildleinwand, die vor ihr auf dem Tisch liegt und hält schließlich inne. „Da“. Sie lächelt. „Ja, das passt richtig gut“, sagt Heiderose Kaiser, greift sich die Flasche mit Klebstoff, streicht das Papierstück ein und presst es fest auf die Leinwand. Einer von mehreren hundert weiteren Schnipseln, Artikel, Fotos, Anzeigen aus der GZ, vierfarbig, schwarz-weiß, groß, klein. Am Ende steht ein Kunstwerk: eine Collage aus Sprengseln der Zeitgeschichte.

Heiderose Kaiser ist Betreuungsassistentin im Pflegeheim Sonnenblick Aufhausen, Barbara Bleher und Horst-Peter Braun sind zwei von insgesamt 17 Bewohner des Heims. Die Collage, an der sie arbeiten, soll später einmal eine Wand im Flur zieren. „In der Mitte haben wir Artikel über unser Heim, drumherum zu Geislingen und Umgebung, zum Rand hin dann zu ganz Süddeutschland“, erzählt Heiderose Kaiser. Doch die Collage ist weit mehr als nur das Ergebnis einer Bastelei, eines Zeitvertreibs. „Eine der Aufgaben in meinem Beruf ist die sogenannte Aktivierung“, erklärt Heiderose Kaiser. Ziel ist es, durch unterschiedliche Beschäftigungsangebote die motorischen und koordinativen, aber auch geistigen Fähigkeiten älterer Menschen möglichst lange zu erhalten oder eben zu aktivieren, wenn schon vieles brach liegt. Die Wurzeln ihres Berufs liegen in der Betreuung Demenzkranker, sagt Heiderose Kaiser, „aber natürlich profitieren von dieser Arbeit alle Älteren“.

Dass Heiderose Kaiser die GZ ausgewählt hat, kommt nicht von ungefähr. „Für unsere Bewohner ist es die Zeitung, die sie schon immer gelesen haben“, sagt sie, „und die Lektüre ist nach wie vor wichtiger Bestandteil des Alltags: Selbst wenn die Älteren nicht mehr mobil sind, nur noch selten rauskommen, haben sie dennoch das Gefühl, Teil der Gesellschaft zu sein, an ihr teilzuhaben, nicht abgehängt zu sein.“

Die Collage aus GZ-Artikeln ist nicht das erste Kunstwerk, das die Heimbewohner gemeinsam erschaffen haben. Heiderose Kaiser hält eine weitere Leinwand hoch – eine Zeitkapsel, übervoll mit Erinnerungen an Kindheit und Jugendjahre der Heimbewohner, aber auch an die ersten Jahrzehnte der Bundesrepublik. Unten tummelt sich Heinz Erhardt, der Urkomiker der Deutschen, neben Marlene Dietrich, die unsterbliche Diva mit ihrem schweren Lidschlag. Ein Stück weiter sind der sowjetische Staats- und Parteichef Leonid Breschnew und der DDR-Staatsratsvorsitzende Erich Honecker beim inniglichen sozialistischen Bruderkuss zu sehen, der an anderer Stelle getoppt wird von Clark Gable und Vivien Leigh, die sich auf dem Filmplakat des Klassikers „Vom Winde verweht“ anschmachten. Über all dem wachen John F. Kennedy und das Rotbäckchen-Mädchen.

Die Gespräche am Tisch sind schwerer, drehen sich um das Ende des Dritten Reiches, um Flucht und Vertreibung, um die anfänglichen Spannungen zwischen den Einheimischen und den Vertriebenen. „Sie stammen doch auch ursprünglich aus Ungarn. Ist Ihnen auch Hass entgegengeschlagen, als Sie hier ankamen?“, fragt Heiderose Kaiser eine der Damen am Tisch. „Nein, mir ist das nie passiert“, antwortet die.

Was sich für Außenstehende wie eins der typischen Gespräche der Großeltern-Generation anhört, hat einen ernsten Hintergrund: „Da kommen Erinnerungen und Gefühle hoch, die schon lange verdrängt waren – positive wie negative. Und es entwickeln sich daraus Gespräche zwischen Menschen, die ansonsten nicht mehr viel reden“, sagt Heiderose Kaiser. Für die positiven Gefühle sorgt die Collage mit Heinz Erhardt und Konsorten. „Mit der Nachkriegszeit und dem Wirtschaftswunder verbinden die Älteren schöne Erinnerungen. Es war die Zeit, in der sie verliebt waren, in der sie geheiratet und eine Familie gegründet haben.“

Für Heiderose Kaiser ist das Basteln nur ein Ausschnitt ihrer Arbeit. Kochen, Backen, Bildbände anschauen, Erinnerungsspiele, Vorlese-Stunden („Viele mögen Märchen“) – die Spanne ist groß. Und das nächste Kunstprojekt schon in Planung: „Ein Baum mit Fotos der Bewohner oder der Heim-Mitarbeiter.“ Platz an den Wänden hat es schließlich noch jede Menge.

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