Warten auf Luchas Machtwort

Sozialminister besucht Göppinger Kliniken und kündigt erneut eine „zeitnahe“ Entscheidung im Schlaganfall-Streit an.

|

Der Streit um die Schlaganfall-Versorgung im Landkreis könnte – zumindest vorläufig – bald beendet sein: Sozialminister Manne Lucha (Grüne) war am Donnerstag zu Gast in der Klinik am Eichert und im Christophsbad und hat sich nochmals die Standpunkte der Krankenhäuser darlegen lassen. Am Dienstag und Mittwoch waren Vertreter der Kliniken zu Gesprächen im Sozialministerium. Ein Ergebnis: Das bislang geheime Gutachten des Berliner Neurologen Darius Günther Nabavi wird von Dienstag an öffentlich ausgelegt.

Eigentlich hatte Lucha bereits Ende November entschieden, dass – zunächst befristet auf zwei Jahre – alle Schlaganfall-Patienten im Christophsbad behandelt werden sollen. Damit sollte ein mindestens 15 Jahre währender Streit beider Kliniken beendet werden. Doch in der Klinik am Eichert und im Kreistag regte sich Protest, Lucha hat deshalb bislang den Bescheid noch nicht erlassen, nur angekündigt, dass dies „zeitnah“ geschehen solle.

Seitdem sind rund sechs Wochen vergangen. Am Freitag nun gab Luchas Ministerium in einer mit den beiden Göppinger Krankenhäusern abgestimmten Pressemitteilung bekannt: „Wir werden nun zeitnah auf Grundlage der Gespräche und der Ergebnisse des Gutachtens von Professor Nabavi eine Entscheidung treffen.“ Dass diese anders ausfallen wird als im November, ist nicht zu erwarten, wie auch von Insidern aus dem Ministerium zu erfahren war.

Sehnlicher Wunsch

„Intensiv“ hätten er und seine Mitarbeiter sich mit den jeweiligen Argumenten auseinandergesetzt, „die wir sehr ernst nehmen“, betonte der Sozialminister. Gutachter Nabavi war zu dem Schluss gekommen, dass es für den Göppinger Raum keine Alternative zu einer so genannten „Ein-Pforten-Lösung“ gebe. Deshalb appellierte Lucha: „Ich wünsche mir nichts sehnlicher, als dass die beiden Kliniken einen gemeinsamen Weg finden und dazu im konstruktiven Dialog bleiben. Das wird ohne Zugeständnisse beider Seiten kaum gelingen. Daher sollte es in diesem Prozess keine Denkverbote geben und Partikularinteressen überwunden werden.“

Damit richtet der Minister seinen Blick bereits in die Zukunft: Nach der zweijährigen Übergangszeit empfiehlt Nabavi als Ideallösung „die Einbettung einer Neurologischen Abteilung mit Stroke-Unit in ein Krankenhaus, das somatische Fachdisziplinen vorhält und eine interdisziplinäre Notaufnahme betreibt“. Strittig ist noch immer, wie und wo dies geschehen soll. Das Christophs­bad plädiert dafür, den Neubau der Klinik am Eichert neben der neurologischen Fachklinik zu errichten, was der Landkreis und die kreiseigenen Alb-Fils-Kliniken strikt ablehnen.

Vertreter beider Krankenhäuser bekräftigen in der Pressemitteilung ihre Absicht, ihrer „großen Verantwortung für eine bestmögliche Schlaganfallversorgung im Kreis Göppingen gerecht zu werden und die aktuelle Diskussion im Sinne der Patienten zu einem guten Ende zu bringen“.

LEITARTIKEL: Lucha hat keine Wahl

Der Mann ist nicht zu beneiden: Seit Sozialminister Manne Lucha im November verkündete, dass Schlaganfall-Patienten im Kreis Göppingen künftig ausschließlich im Christophsbad behandelt werden sollen, ist ein regelrechter Proteststurm über ihn hinweggefegt. Natürlich nur aus Richtung Landkreis und Klinik am Eichert – die hatte im 15 Jahre währenden Streit den Kürzeren gezogen. Eine Resolution des Kreistags, ein offener Brief der Chefärzte, Pressegespräche, Besuche in Stuttgart – nichts ließen die Verantwortlichen unversucht, um Lucha umzustimmen.

Jetzt war er auch noch zu Besuch in Göppingen. Ursprünglich war die Visite geplant wegen des Klinik-Neubaus, doch nun stand auch die Schlaganfall-Versorgung auf der Tagesordnung. Zumindest für die Öffentlichkeit ist nicht viel herausgekommen: Bereits im November hatte Lucha angekündigt, seine Entscheidung „zeitnah“ rechtskräftig in die Tat umzusetzen. Gestern hieß es wieder: „Zeitnah“ werde entschieden. Wenigstens dürfen interessierte Bürger nun von Dienstag an einen Blick in jenes Gutachten werfen, auf dem die Entscheidung des Ministers basiert. Natürlich war nicht zu erwarten, dass Lucha nach seinem Besuch umgehend eine Entscheidung verkündet. Das wäre undiplomatisch gewesen und auch unfair: Schließlich haben sich die Verantwortlichen beider Kliniken viel Mühe gegeben, ihr Haus gut darzustellen. Diese neuen – und alten – Argumente muss ein Minister bei seiner Entscheidungsfindung berücksichtigen. Auch, um allen Beteiligten die Möglichkeit zu geben, ihr Gesicht zu wahren.

Doch auch Lucha will und wird sein Gesicht wahren. Seine im November getroffene Entscheidung kann er nicht mehr zurücknehmen, zumal das Gutachten ihm gar keine andere Wahl lässt: Nur im Christophsbad arbeiten die Experten für Schlaganfälle, nur dort ist die bestmögliche Versorgung gewährleistet.

Der Gutachter sagt auch, dass mittelfristig eine Ein-Pforten-
Lösung in einem Krankenhaus mit interdisziplinärer Notaufnahme dringend geboten ist. Deshalb will Lucha die Lösung im Christophsbad auf zwei Jahre befristen. Bis dahin müssen die beiden Kliniken einen fruchtbaren Dialog führen und zu einer gemeinsamen Lösung kommen. Das erwartet nicht nur der Minister. Das erwartet vor allem auch die Bevölkerung im Landkreis. Und sie hat einen Anspruch darauf.

Einsicht Sowohl im Christophsbad als auch in der Klinik am Eichert und im Landratsamt Göppingen kann die Öffentlichkeit von Dienstag, 16. Januar, an das Gutachten einsehen. Auch im Stuttgarter Ministerium für Soziales und Integration wird dies möglich sein. Bislang hatten nur Kreisräte in einem Leseraum die Möglichkeit, das Papier zu lesen. Auch der Presse war es vorgestellt worden.

Niveau Während das Christophsbad laut dem Gutachter die Kriterien für eine überregionale Schlaganfall-Einheit in fast allen Punkten erfüllt, schafft dies die Klinik am Eichert nicht. Bei vielen Parametern erreicht sie nur das niedrigste Level einer lokalen Einheit.

Rufschaden Gutachter Nabavi warnt auch vor rechtlichen Folgen: Immer öfter komme es zu Klagefällen, wenn Patienten zu spät eine Thrombolyse-Therapie nach einem Schlaganfall bekommen. Das bisherige Zuweisungskonzept – der Rettungsdienst entscheidet derzeit, in welche Klinik die Patienten gebracht werden – könnte somit auch zu einem juristischen Problem für die Verantwortlichen und die Krankenhäuser werden: „Hier muss die Klinik, neben einem Rufschaden, mit empfindlichen Entschädigungsforderungen rechnen“, schreibt Nabavi.

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Messebesucher sind heiß aufs Wandern

ESA und der Kreis Göppingen werben auf der CMT mit den Löwenpfaden. Für Göppingen steht Märklin im Mittelpunkt. weiter lesen