Handschrift aus der Stauferzeit entdeckt

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Die Stadt Ebersbach darf sich seit kurzem über den Besitz einer Rarität aus der Stauferzeit, genauer aus  der zweiten Hälfte des zwölften Jahrhunderts freuen. Das heißt, im Besitz dieser Handschrift ist sie schon recht lange, nämlich seit 1643. Nur wusste es bisher niemand.

Stadtarchivar Uwe Geiger hat die überraschende Entdeckung gemacht und sich auf Spurensuche begeben. Das Ergebnis: Das unverhofft gefundene Dokument ist eine Abschrift aus den „Sententiae“ des Theologen Petrus Lombardus, entstanden zwischen 1160 und 1180. Somit ist das an manchen Stellen etwas zerschlissene, rund 32 mal 44 Zentimeter große Pergament das weitaus älteste Schriftstück, das die Stadt Ebersbach besitzt, sagt der Diplom-Restaurator (FH). „Schriften aus dieser Zeit sind in einer gewöhnlichen Landgemeinde wie Ebersbach normalerweise nicht erhalten. Hier gab es ja keine Klosterschule oder ähnliches. Insofern ist das schon etwas Besonderes für die Stadt.“

Woher aber stammt das Schriftstück? Es handelt sich um ein frühes Beispiel von Recycling. „Wir pflegen unsere Archivalien regelmäßig“, erzählt Uwe Geiger. „Ein Amtsbuch von Bünzwangen aus dem Jahr 1643 war sehr zerfleddert. Man musste es neu binden lassen, sonst wäre es auseinandergefallen.“ Darin aufgelistet sind Grundstücke und Liegenschaften, die dem Land Baden-Württemberg abgabepflichtig waren. Nichts ungewöhnliches also. Doch als der Papierrestaurator es gereinigt und neu gebunden zurückbrachte, fiel dem Stadtarchivar die Schrift auf dem Einband auf, die vorher gar nicht sichtbar und teilweise von einem Papieraufkleber verdeckt war. „Ich erkannte, dass es eine mittelalterliche Schrift war, die als Makulatur für den Einband verwendet worden ist,“ so Geiger. Das habe man früher häufig gemacht. Denn Pergament, der Vorläufer unseres Papiers, besteht aus nicht gegerbter Tierhaut und ist extrem robust.

Uwe Geiger wandte sich an den Geschichtsprofessor Mark Mersiowsky von der Universität Stuttgart, der auf mittelalterliche Handschriften spezialisiert ist. Dieser stellte fest: Das Textfragment gehört zu einer Handschrift des Petrus Lombardus, genauer gesagt aus dessen vierbändigem Werk „Sententae“ (= Sentenzen). „Das war ein theologisches Lehrbuch und damals sehr weit verbreitet“, weiß Geiger. Wann genau die Abschrift gemacht wurde, musste aber erst noch genauer untersucht werden.

„Da war mir zum Glück die Handschriftenabteilung der Landesbibliothek in Stuttgart behilflich“, freut sich der Stadtarchivar. „Sie konnten die Zeit eingrenzen auf etwa 1160 bis 1180. Ganz exakt kann man es nicht bestimmen. Auf jeden Fall kurz, nachdem Lombardus die Schrift im Jahr 1158 fertiggestellt hatte.“ Damit war klar, welche große Bedeutung der Fund hat: „Es ist ein frühes Textzeugnis einer liturgischen Schrift aus der Stauferzeit.“ Die Schrift ist schwarz, einzelne Buchstaben sind mit roter Tusche hervorgehoben. „Illustrationen sind keine darin, leider,“ bedauert Geiger.

Damit hat die detektivische Spurensuche aber ihr vorläufiges Ende gefunden. Denn wie genau nun das beidseitig auf lateinisch beschriftete Pergament knapp 500 Jahre später seinen Weg nach Bünzwangen gefunden hat, kann Uwe Geiger nicht sagen. „Wo das Amtsbuch gebunden wurde, habe ich leider nicht herausgefunden. Wir wissen auch nicht, wo der Buchbinder die Pergamente her hatte. Es war ja aus vier Blättern zu einem großen Stück zusammengeklebt.“ Dass das Amtsbuch aus dem Jahr 1643 stammt und das Papier in Bad Urach geschöpft worden war, konnte der Diplom-Restaurator anhand des Wasserzeichens feststellen. „Damals haben Buchbinder alte Pergamente von Händlern aufgekauft. Eventuell war irgendwo eine Klosterbibliothek aufgelöst worden, oder es handelte sich um ein Reststück.“ Nicht ausgeschlossen übrigens, dass auch das Kloster Adelberg einst eine Kopie der „Sententiae“ besaß. Es war im 12. und 13. Jahrhundert ein theologisches Standardwerk.

Eines würde Uwe Geiger aber vielleicht noch gern machen: Das Pergament mit naturwissenschaftlichen Methoden durchleuchten lassen. „Interessant wäre, ob es noch eine frühere Erstverwendung gab, also ob sich unter der sichtbaren Schrift noch ein ausradierter Text befindet.“ Weil Pergament so wertvoll war, wurden häufig ältere Texte ausradiert und neu überschrieben. Derzeit ist er auf der Suche nach einer Universität, die ihn dabei unterstützt.

Verständlicherweise hat Uwe Geiger nach diesem Sensationsfund einen genaueren Blick auf die Ebersbacher Archivalien geworfen. Was, wenn sich noch mehr Schätze hinter unscheinbaren Bucheinbänden verbergen? Aber: „Leider habe ich sonst nichts derartiges finden können. Das ist wohl ein Unikum.“

Im Stadtmuseum, dessen Leiter Geiger auch ist, wird das Fundstück wohl nicht ausgestellt werden. Es ist fragil und lichtempfindlich, auch hat es keinen direkten Bezug zur Stadtgeschichte. Es lagert künftig in einem Schrank im Stadtarchiv.

Verfasser Petrus Lombardus wurde um 1100 in Lumellogno bei Novara geboren und starb am 20. Juli 1160. Er war ein scholastischer Theologe, Leiter der Kathedralschule von Notre Dame in Paris undab 1158 Bischof von Paris. Nach dem Titel seines Hauptwerkes, der vier Bücher der Sentenzen, darin enthalten vor allem Bibeldeutungen und Psalmerklärungen, wird er auch Magister sententiarum genannt. Das Lehrbuch war bis zur Zeit Luthers in Gebrauch. In Solothurn/Schweiz gibt es eine komplette digitalisierte Ausgabe.

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