Auf dem Weg zum Bioenergie-Dorf

Wird Gussenstadt zum ersten "Bioenergiedorf" in der Region? Die Älbler sind auf dem besten Weg dazu: Bald könnte eine genossenschaftliche Biogasanlage 60 Haushalte im Ort mit Fernwärme versorgen.

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Biogasanlagen sind nichts Neues mehr. Wenn sich aber Bauern und Bürger zu einer "Energiegenossenschaft" zusammentun, um mit einer Biogasanlage mit Blockheizkraftwerk nicht nur Strom zu erzeugen, sondern ihr Dorf mit Fernwärme zu versorgen, lässt das aufhorchen. In Gussenstadt "gärt" derzeit ein solches Projekt in den Köpfen. Sollte sich die Idee von Ortsvorsteher Werner Häcker tatsächlich als "ausgegoren" erweisen, wäre den Älblern energiepolitisch die Quadratur des Kreises gelungen: Abgekoppelt vom Preisdiktat der großen Energiekonzerne bliebe auch die Wertschöpfung bei der Energiegewinnung vor Ort. Ein Geschäft, von dem alle profitieren: Die Landwirte hätten als Lieferanten von Gülle, Mist und Mais ein weiteres Existenz-Standbein. Die Bürger würden als Kunden nicht nur Wärme beziehen, sondern als gleichberechtigte Mitglieder in der Genossenschaft auch über den Wärmepreis mitbestimmen. "Über die Verwendung der Gewinne - ob Rückvergütung oder Dividende - entscheiden am Ende des Geschäftsjahres immer die Mitglieder", versichert Häcker. "So kann keiner über den Tisch gezogen werden, die Gewinne werden ja nur von der rechten in die linke Tasche gewirtschaftet", versichert der Initiator der Energiegenossenschaft. Bei den großen Konzernen hat Häcker in dieser Hinsicht seine Zweifel: "Haben Sie schon mal erlebt, dass Ihr Energieversorger am Ende des Jahres eine Rückvergütung gewährt hat, weil Sie zu viel gezahlt haben?", fügt er süffisant an. Weitere Vorteile für die "Kunden" unter den Genossen: Da die Genossenschaft die Wärme "frei Haus" liefert, braucht man keine Heizanlage oder Öltanks mehr und muss somit auch keine Kosten für Wartung und Kaminfeger mehr einkalkuieren.

Die vom Ortsvorsteher propagierte "Energiegenossenschaft" stößt im Dorf auf positive Resonanz: So hatte Häcker nicht nur zwölf Landwirte als Lieferanten bald beisammen. Nach einer Informationsveranstaltung (die GEISLINGER ZEITUNG berichtete) und einer Besichtigungsfahrt zu einem bereits verwirklichten Biogas-Fernwärme-Projekt in Bittelbronn bei Haigerloch haben sich schon jetzt 59 Interessenten gemeldet, die an das geplante Fernwärmenetz anschließen würden.

Damit wären die Voraussetzungen für die Biogas-Fernwärmeversorgung bereits erfüllt, zumal mit Grundschule, Turnhalle, Kindergarten und Feuerwehrmagazin drei "Großabnehmer" schon feststehen. Wie viele Haushalte darüber hinaus noch ans Wärmenetz angeschlossen werden können, soll nun ein Fachbüro berechnen. So lange können auch noch keine detaillierten Zahlen vorgelegt werden, was die Fernwärmeversorgung den Abnehmer kostet, erläutert der Ortsvorsteher. In Bittelbronn beträgt der "Arbeitspreis" für eine Kilowattstunde zwischen 6,9 und 8,4 Cent und der Grundpreis 240 Euro pro Jahr. Hinzu kommen einmalig 1500 Euro als Geschäftsanteil an der Energiegenossenschaft. Den Anschluss samt Wärmeübergabestation und Wärmemengenzähler im Haus übernimmt in Bittelbronn die Genossenschaft.

Diese Zahlen sind allerdings nur Orientierungswerte. Schließlich wollen die Gussenstadter ihre Biogasanlage nach einem anderen Prinzip als die Bittelbronner betreiben: Während im Haigerlocher Ortsteil überwiegend energiereiche Substrate wie Getreide, Mais und Grassilage vergärt werden, setzen die Gussenstadter in erster Linie auf Gülle und Mist und wollen ihre Gärbottiche nur zu 30 Prozent mit Mais und Getreide "füttern". Das bringt zwar keine so hohe Methan-Ausbeute, ist aber umweltfreundlicher. Und dafür gibt es Bonuspunkte vom Staat: In der aktuellen Fassung des Erneuerbaren Energien Gesetz (EEG) bekämen die Gussenstadter als Einspeisevergütung über die Grundvergütung in Höhe von 12,3 Cent noch weitere 8 Cent für den Einsatz von Mist und Gülle. Nachwachsende Rohstoffe wie Mais und Getreide werden nur mit 6 Cent gefördert.

Was ebenfalls nicht zu unterschätzen ist: Vergorene Gülle enthält weniger Fettsäuren und stinkt deshalb auch nicht mehr so, wenn die Gärreste aus der Biogasanlage als Dünger auf dem Acker landen. Angesichts des hohen Gülleanteils werde es sicher nicht zu einer in Zusammenhang mit Biogasanlagen kritisierten "Vermaisung der Landschaft" kommen, versichert Häcker. Und da die Gussenstadter Biogasanlage nur von Landwirten in einem Umkreis von sechs Kilometern beliefert werden soll, rechnet der Ortsvorsteher auch mit keiner nennenswerten Zunahme des Verkehrs: "Die Güllefässer sind schon vorher durchs Dorf gefahren, künftig machen sie auf dem Weg zum Acker eben einen Umweg über die Biogasanlage."

Für ihr ökologisch durchdachtes Konzept sind die Gussenstadter sogar von Umwelt- und Naturschützern schon ausdrücklich gelobt worden. Zu Irritationen führte allerdings der geplante Standort rund 350 Meter nordöstlich vom Ortsrand entfernt. Der Kreisvorsitzende des NABU bemängelt, dass die Anlage auf einem "flächenhaften Naturdenkmal" errichtet werden soll. Häcker weist die Kritik zurück: Das Naturschutzgebiet bestehe bestenfalls noch auf dem Papier: "Da gibt es überhaupt nichts mehr zu schützen!" Das letzte Naturdenkmal in dem Gebiet - eine alte Buche - sei schon 1990 von Orkan Wiebke gefällt worden. Den vom NABU vorgeschlagenen alternativen Standort lehnt Häcker ab, weil er für die geplante Nahwärmeversorgung zu weit weg vom Dorf liegt und auch keine Einspeisemöglichkeit für den erzeugten Strom in der Nähe ist.

Häcker ist indessen zuversichtlich, dass man letztendlich auch den Naturschutz überzeugen kann. Dann wäre der Weg frei für eine Energiewende, die bislang einmalig ist in der Region: Bislang profitieren von Biogasanlagen meist nur Einzelne, in der Energie-Genossenschaft würden alle gewinnen. "Langfristig ist das auch die günstigste Wärme", ist Häcker überzeugt.

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