Am Denkmal kratzen

Generalfeldmarschall Erwin Rommel fehle bei näherer Betrachtung der Vorbildcharakter, sagt Ulrich Seemüller vom Ulmer Stadtarchiv und plädiert für eine Umbenennung der Rommelkaserne in Dornstadt.

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Wo Erwin Rommel am 14. Oktober 1944 zur Selbsttötung gezwungen wurde, steht an der Straße nach Wippingen (Erwin-Rommel-Steige) ein von der Dornstadter Rommel-Kaserne angelegtes Denkmal. Dieses wird mittlerweile nicht mehr vom Militär, sondern von der Gemeinde gepflegt.  Foto: 
Es ist gang und gäbe, Straßen, Hallen, Plätze und auch Kasernen nach herausragenden Persönlichkeiten zu benennen. Was aber, wenn der Lack Kratzer bekommt und sich bei näherer Betrachtung herausstellt, dass der Mensch gar nicht als Vorbild geeignet ist?

Nach der Ausstrahlung des Rommel-Filmes in der ARD wird wieder darüber diskutiert, ob Wehrmachtsgeneral Erwin Rommel taugt als Namensgeber für die Bundeswehrkasernen in Dornstadt und Augustdorf (Nordrhein-Westfalen). Die Grünen-Fraktion im Bundestag fordert erneut, die Kasernen umzubenennen: Rommel sei im „Dritten Reich“ ein Aushängeschild der Wehrmacht gewesen.

„Die Karriere Rommels hängt eng zusammen mit der enormen Förderung durch Adolf Hitler“, sagt Ulrich Seemüller, stellvertretender Leiter des Ulmer Stadtarchivs. Hitler und Rommel hatten sich anlässlich eines Manövers bereits im September 1933 in Ulm getroffen. Der Österreicher und der Süddeutsche – Lehrersohn Rommel stammte aus Heidenheim – seien sich sympathisch gewesen. Wohl auch, weil beide bei der Wehrmacht-Elite (adligen Generälen mit Ländereien) nicht mithalten konnten. Die Gunst Hitlers habe Rommel bis in den Rang eines Generalfeldmarschalls geführt. Rommel habe sich aber als „unpolitischen Soldaten“ betrachtet. Seemüller: „Er hat vor der politischen Wirklichkeit die Augen verschlossen und nicht darauf geachtet, in wessen Dienst er steht.“

Dabei sei die Geschichte Rommels aufs Engste verknüpft mit der Geschichte der Ulmer Juden, zum Beispiel mit der von Alfred Moos. Er war der Sohn von Hugo und Jenny Moos, beide wurden aus dem jüdischen Altersheim in Herrlingen deportiert, Hugo Moos starb qualvoll in Theresienstadt, Jenny Moos in Auschwitz. Der Sohn war mit seiner Frau rechtzeitig nach Palästina emigriert, ebenso Hugo Rosenthal, Leiter des jüdischen Landschulheims in Herrlingen. Als Rommel bei seinem Nordafrika-Feldzug nach Ägypten vordrang, saßen sie wie viele andere wieder auf gepackten Koffern: in Panik, dass Palästina in deutsche Hand gerät. „Das war kein sauberer Krieg, den Rommel geführt hat“, sagt Seemüller. Nicht auszumalen, welche Katastrophe es für die Flüchtlinge bedeutet hätte, wenn Rommel den Feldzug gewonnen hätte.

Rommel sei überzeugt gewesen von seiner guten Beziehung zu Hitler. So legte er diesem 1944 offen die auswegslose militärische Lage dar. Rommel habe geraten, den Krieg zu beenden und die politischen Konsequenzen zu ziehen. Das erforderte „großen persönlichen Mut“. Hitler reagierte jedoch anders, als Rommel dies erwartet hatte: Er ließ ihn fallen. „Rommel war ein Handlanger Hitlers bei dem Griff nach der Weltmacht“, sagt Seemüller. Es sei grundsätzlich sinnvoll, herausgestellte Vorbilder genau zu betrachten. Im Fall Rommel ist Seemüllers Meinung klar, es wäre richtig, die Kasernen umzubenennen. Erwin Rommel habe keinen Vorbildcharakter.

Vor allem auf die Auseinandersetzung mit der Person Rommel kommt es Nicola Wenge an. Sie ist die Leiterin des Dokumentationszentrums Oberer Kuhberg in Ulm. „Jeder sollte sich Gedanken darüber machen, wo er steht.“ Eine Umbenennung der Kasernen steht für sie somit nicht als erstes Ziel an, als Ende eines Diskussionsprozesses fände Nicola Wenge dies durchaus gut.

„Man darf Rommel nicht in den Himmel heben“, sagt die Herrlinger Ortsvorsteherin Mechthild Laur. Eine Umbenennung der nach ihm benannten Kasernen hält sie „nicht unbedingt für notwendig“. Wichtig sei, sich mit Rommel als Person des „Dritten Reichs“ auseinanderzusetzen. Einerseits sei er loyaler Soldat gewesen, andererseits habe er sich Befehlen Hitlers widersetzt. In Herrlingen wohnte Rommel mit Frau Lucie und Sohn Manfred von Oktober 1943 an in einem Gebäude, das zu dem 1939 aufgelösten jüdischen Landschulheim gehörte. Nach dem Krieg fanden Witwe und Sohn vorübergehend Unterkunft bei der Unternehmerfamilie Wieland in der Herrlinger Villa Lindenhof. In dem Gebäude, das heute der Gemeinde Blaustein gehört, ist das Rommel-Archiv untergebracht. Gezeigt werden Tagebücher, Korrespondenzen und Karten von Rommel sowie Schrift- und Bilddokumente zu seiner Biografie und zum zeitgeschichtlichen Hintergrund.

Die Ausstellung, die die Ortsvorsteherin als „klein und einfach“ bezeichnet, hat jährlich 400 bis 500 Besucher, viele davon kommen aus dem Ausland. Laur führte schon Chinesen, Franzosen, Kanadier und vor einigen Monaten den Handelsminister aus Bangladesch durch die Räume. „Rommel genießt im Ausland höheres Ansehen als bei uns.“ Für ausländische Besucher sei er der Stratege, der „Wüstenfuchs“. Viele hätten vom Kontext des Nationalsozialismus keine Ahnung. So weise sie bei Führungen auf die Geschichte des jüdischen Landschulheims der Reformpädagogin Anna Essinger hin, die 1933 zusammen mit ihren Schülern nach England emigrierte. Mit einer neuen Konzeption für die Villa ist daran gedacht, der jüdischen Geschichte eine Ausstellung zu widmen.

Hans Walter Roth, Ulmer CDU-Stadtrat, beteiligt sich an der Diskussion: Er werde alles dafür tun, „dass Rommel bleibt“, kündigt er in einem Schreiben an. Deshalb erbittet Roth von seiner Fraktion „Vorschläge zum Gegenangriff“.

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