Gussenstadt gibt Gas mit Biogas

Gussenstadt gibt "Gas" auf dem Weg zum Bioenergiedorf: Im Dezember ging aus der genossenschaftlichen Biogasanlage der erste Strom ins Netz, Ende Oktober soll auch das Nahwärmenetz in Betrieb gehen.

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"Ende Oktober könnte die bereits erste Wärme ins Netz gehen." Thomas Häcker, Vorstand der Energiegenossenschaft Gussenstadt (EGG), ist zufrieden. Bislang lief alles nach Plan auf dem ehrgeizigen Weg der Albgemeinde zum ersten "Bioenergiedorf" im Landkreis Heidenheim. Der Bau der großen Biogasanlage bei der Kläranlage im Gewann "Häule" ging ebenso glatt über die Bühne wie der Start der Stromproduktion: Nach dem Baubeginn im Mai 2013 wurde am 18. Dezember 2013 die erste Kilowattstunde (kWh) Strom ins Netz eingespeist. Am 12. April 2014 stand der Zähler schon bei einer Million kWh, gestern um 10 Uhr wurden exakt 2 478 662 kWh angezeigt. Unterm Strich erzeugt die Biogasanlage der EGG so viel Strom wie rund 1000 Haushalte im Jahr verbrauchen.

Aber die Gussenstadter wollen nicht nur Strom produzieren, sondern auch die Abwärme sinnvoll verwerten, die in vielen Biogasanlagen ungenutzt verpufft. Um das 3,6 Millionen-Projekt zu verwirklichen, wurde eigens eine "Energiegenossenschaft" gegründet. Die Idee, dass sich Bauern und Bürger als Energielieferanten und Energiekunden zusammentun, fand regen Zuspruch im Ort: Mittlerweile sitzen 26 Landwirte und 62 Gebäudebesitzer als Abnehmer in einem Boot.

Auch die Gemeinde Gerstetten ist Mitglied in der EGG geworden - und das nicht nur aus purem Idealismus: Abgesehen vom Kindergarten sind die Heizungen im Feuerwehrhaus, Turnhalle, Grundschule und Rathaus in Gussenstadt derart marode, dass sie eh komplett ersetzt hätten werden müssen. Ortsvorsteher Werner Häcker schätzt den Aufwand dafür allein auf umgerechnet 200 000 Euro. Da fiel dem Gemeinderat der Entschluss, die öffentlichen Gebäude an die Nahwärmeversorgung anzuschließen, nicht schwer. Die noch intakte Ölheizung im Kindergarten soll ausgebaut und in einem anderen Kindergarten der Kommune zum Einsatz kommen.

Nachdem genügend Mitglieder beisammen waren, wurde Mitte Mai diesen Jahres mit dem Ausbau des Nahwärmenetzes begonnen. Inzwischen sind 3,5 Kilometer verlegt und neben den öffentlichen Einrichtungen auch 61 private Gebäude angeschlossen. Ein Dutzend weiterer Interessenten hat sich "Anschluss-Stutzen" legen lassen und kann sich somit ohne größeren Aufwand auch später für die Nahwärme entscheiden.

EGG-Geschäftsführer Thomas Häcker ist überzeugt, dass alle von der Genossenschaft profitieren werden: Die Landwirte, die das Substrat für die Biogasanlage anliefern, haben ein weiteres Standbein zur Sicherung ihrer Existenz. Pro Jahr werden im Häule rund 13 000 Tonnen Gülle und Mist sowie 3700 Tonnen Mais und 2200 Tonnen Ganzpflanzensilage (Gras und grünes Getreide) vergärt. Die Abnehmer wiederum sparen bares Geld: Wer mit Öl heizt, bis zu 800 Euro im Jahr. Bei älteren Gasthermen seien es immer noch 300 Euro, versichert Häcker. Nur bei modernen Brennwertthermen im Haus rechne sich die Umstellung noch nicht.

Wer EGG-Fernwärme in Gussenstadt beziehen will, muss zunächst Mitglied bei der Energiegenossenschaft werden. Die Mindesteinlage beträgt fünf Anteile à 500 Euro. Der Kunde kann dann unter vier Tarifen wählen, die gestaffelte Kosten für den Hausanschluss und Wärmepreis enthalten. Bei Tarif 1 sind die Anschlusskosten am niedrigsten, dafür der Wärmepreis pro Kilowattstunde am höchsten. Bei Tarif 4 ist es umgekehrt. Für interne Anpassungen des Heizungs-und Warmwassersystem im Gebäude an die Wärmeübergangsstation muss der Hausbesitzer mit zusätzlichen Umstellungskosten in Höhe von 1800 bis 2000 Euro rechnen.

Wärmepreis und Anschlusskosten sind weitgehend kostendeckend orientiert. "Da werden keine großen Gewinne gemacht", versichert Häcker. Für ihn würde es auch gar keinen Sinn machen, über hohe Wärmepreise zunächst hohe Überschüsse zu erwirtschaften, um sie dann den Genossen über Gewinnausschüttungen und Dividenden wieder zurückzuzahlen. "Da macht nur der Staat über die Kapitalertragssteuer ein Geschäft." Da Erzeuger und Kunden als Genossenschaft in einem Boot sitzen, kann auch keiner über den Tisch gezogen werden. Im Gegenteil: Weil jedes Mitglied, egal mit wie vielen Anteilen, in der Generalversammlung nur eine Stimme hat, "besitzen die Abnehmer immer die Mehrheit", betont der Geschäftsführer.

66 Gebäude hat die EGG inzwischen angeschlossen, die nächsten Kunden stehen schon Schlange: 2015 sollen noch drei Straßenzüge ans Fernwärmenetz angebunden werden. Häcker rechnet hier mit weiteren 15 Abnehmern. Vielleicht werden es auch mehr, denn schon zuletzt haben sich einige spontan entschieden anzuschließen, als vor ihrem Haus gegraben wurde. Reserven hätte die Biogasanlage noch: Sie stößt erst mit 100 Hausanschlüssen an ihre Kapazitätsgrenze.

Die Gussenstadter sind für ihr vorbildliches regeneratives Energieprojekt im Februar als "Bioenergiedorf" ausgezeichnet worden und haben 200 000 Euro Fördermittel vom Land erhalten. Der in der Biogasanlage erzeugte Strom wird mit 19,95 Cent pro Kilowattstunde vergütet. Zum Zeitpunkt der Genehmigung der Anlage war das der Höchstsatz nach dem Erneuerbaren-Energien-Gesetz. Diesen Höchstsatz bekamen nur solche Biogasanlagen, die

mit mindestens 60 Prozent Gülle und Festmist gefahren werden oder

mindestens 60 Prozent der Abwärme für ein Nahwärmenetz nutzen, beziehungsweise

eine flexible Stromeinspeisung gewährleisten.

Die Gussenstadter erfüllen nicht nur eine, sondern gleich alle drei Kriterien.

Strom und Wärme bieten optimale Nutzung

Das Herzstück der Biogasanlage der Energiegenossenschaft Gussenstadt (EGG) bilden zwei große Motoren. Die beiden Gasturbinen mit jeweils 400 und 200 Kilowatt Leistung erzeugen im Jahr rund 3,2 Millionen Kilowattstunden (kWh) Strom, der flexibel ins öffentliche Netz eingespeist werden kann.

Die Abwärme bei der Verbrennung des Biogases wird zum Aufheizen eines 60 000 Liter fassenden Pufferspeichers genutzt, aus dem 88 Grad heißes Wasser über ein 3,5 Kilometer langes Leitungsnetz zu den Abnehmern fließt und anschließend wieder zur Biogasanlage zurückgeführt wird. Dort beginnt der Kreislauf wieder von vorne.

Bei Störungen in der Biogasanlage steht als Notfallsystem ein Ölbrenner bereit, der die Nahwärmeversorgung auch im Winter aufrecht erhalten kann.

SWP

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