CDU siegt trotz schwerer Verluste im Landkreis Göppingen

Hermann Färber (CDU) verliert kräftig, verteidigt aber sein Direktmandat. Auch Heike Baehrens (SPD) schafft den Wiedereinzug in den Bundestag. Neu in Berlin ist der AfD-Mann Volker Münz.

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    Betretene Miene trotz Gewinn des Direktmandats: Hermann Färber (CDU). Foto: 
  • Leidet mit ihrer Partei, zieht aber wieder in den Bundestag ein: Heike Baehrens (SPD). 2/4
    Leidet mit ihrer Partei, zieht aber wieder in den Bundestag ein: Heike Baehrens (SPD). Foto: 
  • Hat den Sprung in den Bundestag geschafft: Volker Münz (AfD) (v.l.n.r.) 3/4
    Hat den Sprung in den Bundestag geschafft: Volker Münz (AfD) (v.l.n.r.) Foto: 
  • Das sieht nicht gut aus: Auch beim SPD-Landtagsabgeordneten Sascha Binder sinkt die Stimmung angesichts des Parteiergebnisses in den Keller.  4/4
    Das sieht nicht gut aus: Auch beim SPD-Landtagsabgeordneten Sascha Binder sinkt die Stimmung angesichts des Parteiergebnisses in den Keller. Foto: 
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Die CDU bleibt stärkste Kraft im Landkreis Göppingen, doch die Freude über den Sieg bei der Bundestagswahl am Sonntag fällt verhalten aus. Partystimmung sieht anders aus. Das liegt daran, dass die Christdemokraten im Kreis sowohl bei den Erst-, als auch bei den Zweitstimmen zum Teil erdrutschartige  Verluste hinnehmen müssen. In Aichelberg etwa saust Hermann Färber gegenüber der Wahl 2013 um 15 Prozentpunkte nach unten. Auch anderswo fällt das Minus zweistellig aus. Selbst in seinem Heimatort Böhmenkirch verliert Färber 6,3 Prozent, dort holt er aber trotzdem stattliche 62,1 Prozent der Erststimmen.

Färber kann zwar das Direktmandat im Wahlkreis Göppingen trotz der Verluste mit großem Abstand zu seinen Konkurrenten verteidigen, doch  der Sieg dürfte bitter schmecken. Das liegt vor allem an den massiven Gewinnen der AfD. Die rechtspopulistische Partei, die im Wahlkampf vor allem gegen eine ihrer Meinung nach verfehlte Zuwanderungspolitik zu Felde gezogen war, gewinnt massiv dazu, holt bei den Erst- und Zweitstimmen zweistellige Ergebnisse und schneidet in manchen Kommunen im Kreis  besser ab als auf Bundesebene: 16,1 Prozent  der Zweitstimmen in Zell u.A., 17,3 Prozent in Uhingen und Eislingen, 15,8 Prozent in Göppingen, 15,6 Prozent in Lauterstein. Das ist mehr als ein Protestlüftchen. Es ist ein Sturm – auch mit Blick auf die fast überall gestiegene  Wahlbeteiligung.

Der schwächelnden SPD im Kreis kommt da fast zugute, dass sie schon 2013 schwach abgeschnitten hatte. So ging es zwar weiter nach unten, aber der Sinkflug hielt sich am Sonntag in Grenzen. Mancherorts sind die Verluste minimal, in Wangen zum Beispiel mit minus 1,1 Prozent der Zweitstimmen. Es gibt aber auch Abstürze: minus 7,3 Prozent in Gammelshausen, minus 5,7 in Albershausen, minus fünf in Uhingen, minus 5,4 in Bad Boll.

Die Voralbgemeinde bleibt auf den ersten Blick die Oase grüner Glückseligkeit: Mit 20,9 Prozent konnte die Partei des Landesvaters in Bad Boll im Vergleich zur Bundestagswahl 2013 sogar um 3,2 Prozentpunkte zulegen. Die AfD konnte allerdings auch in Bad Boll kräftig punkten und gewann 10,5 Prozent der Zweitstimmen und 10,4 Prozent der Erststimmen. Bleiben wir bei den Grünen: Sie haben in vielen Gemeinden deutlich besser abgeschnitten als im Bundesschnitt: 15 Prozent in Aichelberg, 11,7 Prozent in Uhingen, 14 Prozent in Gruibingen, 13,6 Prozent in Wangen, um nur einige Beispiele zu nennen. Auch in Geislingen (12 Prozent) und Göppingen (13 Prozent) stehen die Grünen gut da.

Kräftige Gewinne holt die FDP und landet bei 17,8 Prozent in Aichelberg, 15,5 Prozent in Gruibingen, 13,1 Prozent in Wangen, 13,3 Prozent in Bad Boll, 14,4 Prozent in Albershausen, 12,7 Prozent in Göppingen. Die Liberalen sind wieder da. Entsprechend gefeiert wurde bei der Wahlparty im Restaurant „Quellenhof“ in Salach.

Leichte Zugewinne gibt es auch für die Linke: plus 0,7 Prozentpunkte in Geislingen (6,6 Prozent), plus 1,2 Prozentpunkte in Göppingen (6,3 Prozent), plus 1,2 Prozentpunkte in Eislingen (5,9 Prozent), plus 1,1 in Rechberghausen (4,6 Prozent).

Das vorläufige Gesamtergebnis des Wahlkreises Göppingen ließ am Sonntag länger auf sich warten als bei vorangegangenen Wahlen. Eschenbach und Mühlhausen waren die letzten beiden Kommunen, die ihre Zahlen ins Landratsamt übermittelten. Kurz vor 22 Uhr war es dann soweit: Die CDU stürzt demnach kreisweit auf 33,3 Prozent ab, die SPD kommt nur noch auf 17,6 Prozent, Grüne und FDP liegen fast gleichauf (12,3 und 12,6 Prozent). Die AfD schafft 14,7 Prozent, die Linke fünf Prozent. Die Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands (MLPD) kommt kreisweit auf 0,1, die rechtsextreme NPD auf 0,3, die Piraten auf 0,6 Prozent.

137 587 Bürger haben am Sonntag gewählt. Das entspricht einer Beteiligung von 77,1 Prozent – gegenüber 2013 ein Plus von 3,1 Prozentpunkten. Die Zahl der ungültigen Stimmen stieg von 1649 bei der Bundestagswahl vor vier Jahren auf aktuell 2130.

LEITARTIKEL von Helge Thiele: Schwieriger Dialog

Der Landkreis Göppingen wird künftig mit drei Abgeordneten in Berlin  vertreten sein. Eine Überraschung ist das nicht, entspricht das Wahlergebnis im Kreis doch dem bundesweiten Trend. Hermann Färber hat sein Direktmandat für die CDU trotz zum Teil schmerzhafter Verluste mit Abstand verteidigt. Die SPD-Abgeordnete Heike Baehrens schafft den Wiedereinzug in den Bundestag über die Landesliste. Beides war so zu erwarten. Das gilt auch für den Erfolg des AfD-Kandidaten Volker Münz, der auf Platz acht der AfD-Landesliste von vornherein sehr gute Aussichten besaß, ein Ticket nach Berlin zu lösen.

Sein Sprung ins Parlament bedeutet für den Landkreis jedoch eine Zäsur. Münz muss nun zeigen, dass er seine Ankündigung, in Berlin fair und sachlich arbeiten zu wollen, wahr macht. Dazu muss sich Münz in einer noch schwer einzuschätzenden AfD-Fraktion womöglich ziemlich freistrampeln. Denn der Uhinger, der gerne betont, kein Hardliner innerhalb der Partei zu sein, wird neben einigen Fraktionskollegen Platz nehmen, die sich mit den Rechtsextremen in dieser Republik sehr gut verstehen. Münz steht also unter Beobachtung, welchem Flügel er folgt, und ob er sich dort, wo dies dringend nötig ist, deutlich abzugrenzt.

Die alten und neuen Wahlkreisabgeordneten Hermann Färber und Heike Baehrens werden angesichts ihres neuen Parlamentskollegen und des Wahlergebnisses der AfD  im Kreis  nicht zur Tagesordnung  übergehen können. Der Erfolg der AfD ist kein Betriebsunfall. Er zeigt vielmehr die große Verunsicherung und die Angst in Teilen der Bevölkerung –  verursacht durch die Herausforderungen bei der Zuwanderung und anderen Zukunftsthemen. Sympathisanten und Wähler der AfD müssen deshalb von den übrigen Parteien ernst genommen werden – auch wenn es in der Tat verstörend wirkt, wie viele von ihnen offenbar wenig oder keine Probleme mit den teils rassistischen Aussprüchen mancher AfD-Politiker haben.

Man sollte versuchen, diese Bürger mit Fakten davon zu überzeugen, dass es kaum der richtige Weg sein kann, Deutschland, dessen Wirtschaft wie kaum ein Land von der Internationalität profitiert, auf den Pfad des dumpfen Nationalismus zu führen. Der schwierige Dialog, der auch im Landkreis geführt werden muss, sollte vielleicht damit beginnen, AfD-Wähler nicht automatisch als demokratiefeindliche Rechtsextreme  zu behandeln.

LEITARTIKEL von Kathrin Bulling: Jetzt muss was passieren

Das war ein Schlag ins Gesicht: Zwar haben es Hermann Färber (CDU) und Heike Baehrens (SPD) wieder in den Bundestag geschafft – er als ­Gewinner des Direktmandats, sie über die Landesliste. Das ­miserable Abschneiden ihrer Parteien aber ist ein eindeutiges Signal der Wähler: Liebe CDU, liebe SPD, von euch fühlen wir uns nicht mehr gut genug ­vertreten.

Überraschend ist dieses ­Ergebnis angesichts aller Prognosen und Umfragen genauso wenig wie jenes für die AfD und ihren Göppinger Kandidaten Volker Münz.

Die Menschen, die sich abgehängt fühlen und Angst vor der Zukunft haben, fühlen sich allem Anschein nach bei der AfD besser aufgehoben, als bei einer der etablierten Parteien. Viele Wähler haben die Floskeln und Parteitaktiken satt. Es wird Zeit, dass die Parteien wieder mehr an Kontur gewinnen. In unserer postfaktischen Zeit ist es dringend geboten, Klartext zu sprechen – auch mal emotional, aber immer gut begründet.

Die AfD aber muss zeigen, ob sie mehr drauf hat als Stimmungs- und Panikmache. Wer als gleichwertige, demokratische Partei behandelt werden will, muss konstruktiv im ­Bundestag mitarbeiten, anstatt einzelne hochrangige Parteimitglieder ungestraft dumpfe Stammtischparolen und rechtsextremes Gedankengut äußern zu lassen. Wie wird sich Volker Münz in einer Partei mit Höcke und Gauland positionieren? Er hat erklärt, fair und sachlich ­arbeiten zu wollen. Wir sind ­gespannt.

Die Gemeinden Wiesensteig, Drackenstein und Hohenstadt haben einen gemeinsamen Briefwahlbezirk. Dies ist notwendig, weil bei kleinen Gemeinden wie Hohenstadt und Drackenstein die Möglichkeit besteht, dass die Zahl der Briefwähler sehr gering ist. In diesem Fall wäre das Wahlgeheimnis nicht mehr gewährleistet. Deshalb muss auch die Wahlbeteiligung in den drei Gemeinden im Laufe des Wahlabends vom Landratsamt entsprechend korrigiert werden.

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