"Mein Ziel war: Raus aus dem Dorf"
Ulm. In Ulm ist das Ehepaar Kaplan bekannt dafür, sich zu engagieren, einzumischen. Jetzt hat Halil Ibrahim Kaplan ein Buch geschrieben: über die Jugend in der Türkei und die Hürden, in Deutschland anzukommen.
Einfach war es nicht. Nicht das Leben in der Türkei und erst recht nicht die ersten Jahre in Deutschland. Einfach war es auch nicht, die Erlebnisse niederzuschreiben, bis daraus ein Buch entstanden ist. Dass sie das Werk nun endlich auch auf Deutsch in den Händen halten können, ist eine Erleichterung für Halil Ibrahim und Rukiye Kaplan - die gesamte Familie hat mit Herzblut daran gearbeitet. "Das Dorf in der Ferne" heißt das Buch, mit dem Dorf ist Esencay gemeint, gelegen im Nordosten der Türkei.
In Esencay sind die Kaplans geboren, im Buch beschreibt Halil Ibrahim Kaplan seine schwere Kindheit dort. Geschrieben hat er es auch, um der nachfolgenden Generation zu zeigen, wie es den Eltern oder Großeltern ergangen ist. Und die deutschen Leser dürfte interessieren, welche Schicksale sich hinter dem schnell gemachten Stempel "Gastarbeiter" verbergen können.
Wie es etwa war, in Armut zu leben, körperlich arbeiten zu müssen, bei Kälte oder Hitze. "Mein Ziel war immer: raus aus dem Dorf!", sagt Kaplan. Daran hat er zäh gearbeitet, hat darum gekämpft, weiter in die Schule gehen und später auf eine Berufsschule gehen zu können.
Schließlich ist daran die Beziehung zu seiner Familie abgekühlt, der Vater schickt den Sohn eines Tages fort, er solle das Dorf so schnell wie möglich verlassen. Von seiner Verzweiflung schreibt Kaplan im Kapitel "Der leidvolle Herbst". Wie es ihm damals gegangen ist, "das vergesse er nie".
Überhaupt: Das ganze Buch ist eine sehr emotionale Angelegenheit. "Es war schwer, alles nochmal zu durchleben. Ich hatte beim Schreiben oft Tränen in den Augen", sagt er. Denn nicht nur von der Familie wurde er verstoßen, auch in Deutschland wurde Kaplan oft ausgegrenzt. "Man hat ihn Eseltreiber genannt, im Betrieb wollte sich beim Essen keiner neben ihn setzen", erzählt seine Frau.
Zu Deutschland. Das "gelobte Land", wie man in der Türkei damals dachte, entpuppte sich für Halil Ibrahim Kaplan zunächst als Riesen-Enttäuschung. Gerade hatte er es geschafft, in der Türkei eine gute Stelle als Facharbeiter in einem modernen Stahlwerk zu bekommen, als er Ende der 60er Jahre dem Lockruf nach Deutschland nachgab. Er erzählt, wie die türkischen Fachkräfte von deutschen Anwerbern rekrutiert wurden - um dann einem erniedrigenden Auswahltest ausgesetzt zu werden, bei dem sich Kaplan bis auf die Unterhose ausziehen musste.
In Deutschland landete er in einer Fabrik mit veralteter Technik - einsam und der Sprache nicht mächtig. Kaplan wollte umkehren, war aber durch den Arbeitsvertrag an seine Stelle gefesselt, wie man ihm per Dolmetscher mitteilte. Er machte das beste aus der Situation, versuchte Deutsch zu lernen und eine bessere Position in der Fabrik zu bekommen. Aber das Herz blieb in der Heimat, er heiratete ein Mädchen aus seinem Dorf - Rukiye.
Am Ende, das Paar lebte bereits ein Jahr getrennt, kam dann Rukiye nach Deutschland. "Das war für mich nicht schlimm, wir wollten alle nur weg vom Dorf, ob nun Istanbul oder Deutschland - für mich war das alles eins." Gemeinsam wurde das Leben besser, die Kaplans entwickelten sich allen Widrigkeiten zum Trotz zum verschworenen Kämpferteam.
Die beiden Kinder folgten, zuerst der Sohn, drei Jahre später die Tochter. "Unseren Kindern haben wir immer vermittelt, wie wichtig Lernen ist", sagt Kaplan. Dafür setzten sich die Eltern leidenschaftlich ein. Kaplan beschreibt, wie er und seine Frau dagegen gekämpft haben, dass die erste Jahrgangsstufe der Tochter in eine deutsche und eine ausländische Klasse geteilt wurde. Sie setzten gemischte Klassen durch.
Dass sie aber nie den Konfrontationskurs wählten, zeigt die Fortsetzung der Geschichte. Rukiye Kaplan schaffte es, sich mit der erbosten Rektorin anzufreunden und führte mit ihr sogar Deutschkurse für türkische Mütter ein. Später organisierte sie eine Hausaufgabenhilfe für Kinder, die mit Deutsch Schwierigkeiten hatten. Die Kinder gaben schließlich den Ausschlag für die Eltern, endgültig in Deutschland zu bleiben - eines Tages zurück in die Türkei zu kehren, war trotz allem Engagement der beiden bis dahin eine leise gehegte Hoffnung gewesen. Dabei waren sie emotional bereits eng mit Deutschland verbunden. Das vermitteln etwa die Passagen über das herzliche Verhältnis zu den Nachbarn, die im Buch liebevoll "Oma und Opa" genannt werden. Das ältere Ehepaar hatte sich von Anfang an um die Kinder mitgekümmert und war praktisch Teil der Familie geworden.
Zu Tränen gerührt war Halil Ibrahim Kaplan, als ihn seine Kollegen mit einer Geldspende überraschten. Das Haus der Kaplans war kurz zuvor in Brand geraten, die Einrichtung größtenteils zerstört. Es ging Kaplan aber nicht ums Geld, sondern vielmehr um die Geste - hatte er sich doch von seinen Kollegen stets zurückgewiesen und wenig geliebt geglaubt. Als seine Frau dann zum Dank einige Bleche Börek mit in den Betrieb gab, war das Eis vollends gebrochen.
Einfach waren sie nicht gewesen, die ersten Jahre in Deutschland. Aber den Kaplans ist es gelungen, auch mit dem Herzen anzukommen, mit Stolz blicken sie auf ihr Lebenswerk zurück. Und nicht zuletzt auf das Buch, das davon erzählt.
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Autor: YASEMIN GÜRTANYEL | 03.02.2012
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