Kamen Killer-Bakterien aus Kanal?
Erpfenhausen. Wurde eine Krankheit, die seit Jahren reihenweise Rinder auf dem Hof von Klaus Schiele dahinrafft, durch einen Kanalüberlauf der Gemeinde Gerstetten ausgelöst? Drei Gutachten geben dem Milchbauern recht.
"Ich weiß nicht, wie es weitergehen soll." Klaus Schiele ist verzweifelt. Seit Jahren rafft eine heimtückische Krankheit auf seinem Hof in Erpfenhausen bei Gerstetten reihenweise Rinder hinweg. Allein in den letzten drei Monaten hat der Milchbauer sechs Kühe und 18 Kälber verloren. Die Krankheit ist längst erkannt: Schieles Rinder verenden an Botulismus (siehe Info). Auch die Ursache ist längst klar - für Schiele zumindest: Ein von der Gemeinde Gerstetten über Jahrzehnte hinweg betriebener Regenüberlauf eines Abwasserkanals soll das Gras auf zwei Wiesen mit Botulismus-Erregern verseucht haben. Zu diesem Ergebnis kommen mittlerweile auch drei Gutachten, die der Landwirt in dem seit Jahren andauernden Rechtsstreit mit der Gemeinde in Auftrag gegeben hat.
Erkannt wurde die Erkrankung bereits 2002: Als damals innerhalb von wenigen Monaten mehrere Kühe verendeten, stellte der Tiergesundheitsdienst zunächst die Seuche und dann als Auslöser mit Botulinumtoxin verseuchtes Gras und Gras-Silage auf Schieles Betrieb fest. Gleichzeitig wurden in Bodenproben um den Auslaufbereich des Kanalüberlaufs Botulismus-Erreger gefunden. Schiele verlangte daraufhin Schadensersatz von der Gemeinde: "Bürgermeister Polaschek hat nur seine Hosentaschen umgestülpt und gesagt, die Gemeinde habe kein Geld. Wir sollten uns einen Rechtsanwalt nehmen", erinnert sich Schieles Frau Annette. Die Schieles nahmen den Schultes beim Wort: Drei Jahre ging die Sache hin und her - bis man sich im Mai 2005 auf einen Vergleich einigte: Die Gemeinde Gerstetten zahlte 30 000 Euro Entschädigung und versprach, den Überlauf stillzulegen. Im Gegenzug verzichtete Schiele auch in Zukunft auf sämtliche Schadenersatzansprüche für das Grundstück, auf dem sich der Kanalüberlauf befand.
Doch obwohl der Landwirt das Gras um den Auslauf herum nicht mehr verfütterte, ging das Viehsterben weiter. Als ein Starkregen am 21. Juni 2007 für einen derart heftigen Kanalüberlauf sorgte, dass sich von der Öffnung "ein fast drei Kilometer langer Abwasserstrom bis kurz vor Erpfenhausen ergoss" (Schiele), erstattete der Landwirt Strafanzeige. Im Folgenden stellte die Staatsanwaltschaft fest, dass der Überlauf nicht nur die Umwelt verschmutzt, sondern die Gemeinde seit 1995 und damit schon zwölf Jahre lang gar keine Betriebserlaubnis mehr für den Kanalüberlauf hatte. Das darauf gegen Bürgermeister Polaschek als Vertreter der Gemeinde eingeleitete Strafverfahren wegen umweltgefährdender Abfallbeseitigung wurde allerdings gegen Zahlung von 5000 Euro eingestellt.
Schiele nützte das nichts. Im Gegenteil: Im Verlauf der Beweissicherung im Zivilverfahren auf Schadensersatz am Landgericht Ellwangen kam ein erstes Gutachten im März 2008 zu dem Ergebnis, dass der Überlauf nicht nur bei Starkregen, sondern "schon bei relativ kleinen Regenfällen" seit Jahrzehnten das Grundstück in "gravierender Weise mit Abwasserinhaltsstoffen belastet", weil der Kanal "völlig überlastet" und "dringend sanierungsbedürftig" ist. Ein zur Ergänzung im Oktober 2008 erstelltes zweites Gutachten kam zu einem noch niederschmetternderem Ergebnis: Hier ergaben Bodenanalysen, dass nicht nur die unmittelbare Umgebung des Überlaufs, sondern das gesamte Grundstück und eine weitere unterhalb angrenzende Wiese mit den Killer-Bakterien kontaminiert waren. Auch im Futter fanden sich jetzt Krankheitserreger. Die ersten Untersuchungen 2002/2003 waren beim Futter (Gras, Grassilage und Heu) noch ohne Befund. Als mögliche Erklärung geht der Gutachter davon aus, dass mit Botulismus infizierte Tiere die Keime wieder ausscheiden. Da die äußerst resistenten Erreger auch in Gülle überleben, könnte mit der Grünlanddüngung "ein Kreislauf der Weiterverbreitung und Wiederansteckung entstanden" sein und damit "auch zur Kontamination anderer Flächen geführt haben, die keiner Abwasserbelastung ausgesetzt waren."
Das Institut für Bakteriologie der Tierkliniken in Leipzig stützt diese These: "Die Wahrscheinlichkeit, dass (...) der Ablaufschacht Nr. 41a im Mittelpunkt des Geschehens als eigentliche Ursache für die Kontamination steht, ist sehr, sehr groß", schlussfolgert Prof. Dr. Monika Krüger, Leiterin des Zentrums für Infektionsmedizin in Leipzig in dem mittlerweile dritten Gutachten zu dem Gerstetter Botulismus-Fall.
Die Gemeinde hat die überlastete Kanalisation im Herbst 2008 saniert und dabei auch den Regenüberlauf verschlossen. Damit ist die Gefahrenquelle beseitigt, doch Schiele fürchtet nun, auf dem Schaden sitzen zu bleiben. "Das Beweissicherungsverfahren zieht sich nun schon zweieinhalb Jahre hin", beklagt der Landwirt und hat - auch um möglichen Verjährungen vorzubeugen - kurz vor Weihnachten nicht nur die Gemeinde, sondern auch das Landratsamt auf Schadensersatz in Höhe von 300 000 Euro verklagt. So viel hat der Bauer eigenen Berechnungen zufolge in den letzten Jahren durch den Verlust an Vieh, dadurch erforderliche Zukäufe und Ausfälle beim Milchgeld verloren.
In den Augen des Erpfenhausener Milchbauern hätte es nie so weit kommen müssen: "Hätten von Anfang an alle an einem Strang gezogen, wäre der Schaden bei Weitem nicht so groß gewesen", versichert Schiele. "Aber statt zu helfen, hat man uns auf allen Ämtern und Behörden immer nur gesagt, man sei nicht zuständig."
Darüber zeigt sich auch Bürgermeister Polaschek verwundert. "Es kann doch nicht sein, dass alle Behörden und Ämter nicht Willens oder in der Lage sind, sich der Sache anzunehmen." Er habe selbst erst wieder Ende 2009 - und damit nach Jahren - zufällig erfahren, dass das Tiersterben auf Schieles Hof weitergeht, versichert der Schultes gegenüber der GZ. Bei einem darauf von ihm initiierten runden Tisch mit allen Beteiligten sei unter anderem vereinbart worden, dass die Gemeinde in Vorleistung geht, sollte der Landwirt Futter zukaufen müssen, wenn das eigene verseucht ist. Ein Schuldeingeständnis sieht der Bürgermeister darin nicht: "Meines Wissens ist dieser Fall einzigartig in Deutschland - und es gibt sehr viele Kanalüberläufe hierzulande." Aber diese Frage habe das Gericht zu klären, was durchaus noch Jahre dauern könne.
Viel dringlicher ist es für den Bürgermeister, dass der "Teufelskreis endlich zerschlagen und der Hof gerettet wird". Polaschek hat dafür "nach einem klaren und ausführlichen Gespräch mit dem Landrat" erreicht, dass am kommenden Montag im Landratsamt ein Treffen aller Amtsleiter stattfindet. "Und da wird auf jeden Fall festgestellt, wer zuständig ist."
Zumindest das könnten das Ehepaar Schiele und seine vier Kinder im Alter von 4, 11, 15 und 18 Jahren erwarten. Inzwischen sind es schon 99 Kühe und 25 Kälber, die der Familienbetrieb seit 2002 durch Botulismus verloren hat.
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Autor: THOMAS HEHN | 13.02.2010
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Wieder eine Kuh, die an Botulismus eingegangen ist: Der Lkw der Tierkörperbeseitigungsanstalt ist inzwischen schon "Dauergast" auf dem Hof von Klaus Schiele in Erpfenhausen.
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