Deportiert und ermordet

Ulm.  Die ersten Ulmer Juden wurden am 28. November 1941 nach Riga deportiert und ermordet. Am Montag, 70 Jahre danach, wird der ehemaligen Mitbürgern gedacht, die Geld für ihre Deportation bezahlen mussten.

Zynischer und menschenverachtender geht es nicht. Die Liste der Ulmer Juden, die sich am 28. November 1941 am Schwörhaus einfinden mussten, hatten nicht die Nationalsozialisten erstellt, sondern die jüdische Kultusvereinigung Württemberg in Stuttgart. Zu diesem Gremium, das auf Weisung der Gestapo die Vorbereitung und Organisation der Judentransporte hatte übernehmen müssen, zählte auch der Ulmer Ernst Moos. "Zum Dank wurde Moos nicht im ersten, sondern mit dem letzten Deportationszug nach Theresienstadt im Juni 1943 gebracht", sagt Ulrich Seemüller, stellvertretender Leiter des Stadtarchivs Ulm. An die Ulmer Opfer dieser ersten Deportation will der Arbeitskreis 27. Januar - ihm gehören unter anderem Seemüller und Dr. Nicola Wenge vom Dokumentationszentrum Oberer Kuhberg an - erinnern. Und zwar mit der Veranstaltung "Vor 70 Jahren: Nachbarn von nebenan - verschollen in Riga", die am kommenden Montag im Schwörhaus stattfindet.

Mit dem Machterhalt der Nationalsozialisten Januar 1933 begann die Diskriminierung der Juden. Sie erlebte in der Pogromnacht vom November 1938 ihren vorläufigen negativen Höhepunkt - für viele das Fanal zur Flucht ins Ausland. Wer zurückblieb, war alt oder konnte sich die Flucht nicht leisten, sagt Seemüller. Hatten die Nazis noch bis Anfang der 40er Jahre die Juden zur Auswanderung gedrängt, strebten sie vom Sommer 1941 deren totale Vernichtung an. 10 000 Männer, Frauen und Kinder wurden bis Ende 1941 deportiert, darunter auch 22 Ulmer Juden. Wie die Familie Heinrich Barth. Oder Hedwig Schulmann, die an Epilepsie litt und auf ihre Mutter angewiesen war. Selma Schulmann aber musste zurückbleiben, "dich holen wir später", schrie ein SS-Scherge ihr zu. Sie sollte 1942 in Treblinka sterben.

Die Ulmer Juden wurden am Schwörhaus gesammelt, zum Bahnhof gebracht, nach Stuttgart transportiert und für drei Tage in die Messehallen am Killesberg gepfercht. Der erste Deportationszug fuhr am 1. Dezember. Ziel: das Lager Jungfernhof in Riga, "ein heruntergekommenes Gut mit löchrigem Dach und verdorbenem Essen" (Seemüller). Wer nicht im Lager starb, wurde erschossen. Überlebt haben nur zwei bis drei Prozent, sagt Nicola Wenge. Darunter die Brüder Manfred und Siegfried Neuburger, die aus dem Zug flüchten konnten und nach Argentinien emigrierten.


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Autor: RUDI KÜBLER | 25.11.2011

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