Experten betonen: Schlecker muss Warnung für Unternehmer sein

Firmenpleiten wie jene der Drogeriemarktkette Schlecker sollten Warnung für Unternehmer sein, sagten Experten beim Insolvenzrechtstag an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt (HfWU) in Geislingen.

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Beim Insolvenzrechtstag ging es auch um die Schlecker-Pleite, die bis gestern vor dem Landgericht Stuttgart verhandelt wurde (im Bild Gründer Anton Schlecker und Tochter Meike). Dr. Stefan Weniger nannte das Unternehmen als Negativbeispiel, in dem Beharrungskräfte eine Wende zum Guten verhinderten.  Foto: 

Die deutsche Wirtschaft brummt, und die Aussichten sind gut. Doch auch in guten Zeiten geraten Firmen in Schieflage, und es droht der Bankrott. Ein hässliches Thema, dem sich Jahr für Jahr die Wirtschaftsjuristen der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt (HfWU) widmen.

 Professor Dr. Tobias Huep hatte zum Abschluss der Geislinger Hochschultage zum siebten Mal Insolvenzexperten an die Hochschule geladen. Gemeinsam mit Studenten des Studiengangs Unternehmensrestrukturierung und Insolvenzmanagement diskutierten sie neue Herausforderungen im Sanierungs- und Insolvenzmanagement.

Prorektor Professor Dr. Valentin Schackmann ordnete das Thema in die diesjährigen Geislinger Hochschultage ein: „Führung – Macht – Innovation“. Zumindest Letzteres sei gefragt, wenn es darum gehe, Unternehmen in einer Krise umzubauen. Dr. Huep stimmte die rund 200 Gäste auf einen Nachmittag ein, der mit harten Themen starten und zum Ende hin immer leichter werden würde. Themen aus der Automobilwirtschaft sollten dafür sorgen, dass es erstmalig ein „Crossover zwischen Wirtschaftsrecht und Automotive“ geben sollte.

 Dr. Michael Flitsch nahm Aufsichtsräte ins Visier, die sich selten darüber bewusst seien, welche Verantwortung bei ihnen liegt, wenn ihr Unternehmen in die Krise gerät. „Als Aufsichtsrat hat man wenig Aufwand, wenig Verantwortung und eine gute Bezahlung“: Mit diesem verbreiteten Urteil räumte Flitsch gründlich auf. Er schilderte eine Fülle an Szenarien, in denen Aufsichtsräte persönlich in die Haftung geraten, wenn sie ihre Aufgabe nicht frühzeitig, gründlich und fachkundig wahrnehmen. Häufig fehle es den Aufsichtspersonen schlicht am Fachwissen, um diesem Auftrag gerecht zu werden. Wenn dann auch noch Mitarbeitervertreter oder Ehrenamtliche damit vertraut seien, gehe es bei Haftungsfragen schnell an die Existenz. Flitschs Urteil ist eindeutig: „Als Arbeitnehmervertreter würde ich mich drücken vor solch einem Job.“

 Damit es gar nicht so weit kommt, sollten Unternehmen frühzeitig finanziellen Krisen vorbeugen, erklärte Dr. Alexandra Schluck-Amend, die Unternehmen darin unterstützt, Insolvenzen zu vermeiden. Das deutsche Recht schütze aktuell vor allem die Gläubiger, wenn ein Unternehmen ins Schlingern gerate. Aus Brüssel kämen derzeit jedoch Vorgaben, die auch die betroffenen Firmen im Blick hätten, sagte sie. So lägen Vorschläge auf dem Tisch, die darauf zielten, Unternehmen zu erhalten und ihnen eine zweite Chance einzuräumen, wenn es wirtschaftlich eng werde. Schluck-Amend zeigte, wie komplex es ist, die EU-Vorgaben in nationales Recht umzusetzen.

 Krisen bedeuten in der Regel eines: Veränderungen – die Experten sprechen von Restrukturierungen. Ein schwieriges Thema für alle Beteiligten in einem Unternehmen. Besonders hart wird es für Eigentümer, die ihr Unternehmen vor langer Zeit gegegründet haben und als Patriarchen in vorderster Linie stehen. Dieses Themas nahm sich Dr. Stefan Weniger an, der die Beharrungskräfte und Verdrängungsmechanismen schilderte, die in diesen Fällen häufig die Wende zum Guten verhinderten. Als Beispiel nannte er die Schlecker-Pleite. Externe Berater oder Juristen, die dabei ins Spiel kommen, bräuchten neben der nötigen Härte vor allem Beharrlichkeit, Diplomatie und Einfühlungsvermögen (siehe auch Seite 3).

Den Schwenk zur Automobilbranche beim Insolvenztag vollzogen Mathias Franke und Thomas Steinberger von der Beratungsfirma PriceWaterhouseCoopers. Sie bescheinigten der Automobilwirtschaft zwar eine leuchtende Zukunft, aber ebenso ein Szenario, das einen „Umbau bei Vollgas“ verlangt. Die Art der Mobilität, wie Autos genutzt werden, verändere sich. Neue Wachstumsmärkte entstünden außerhalb Europas, und mit den Herstellern zögen auch die deutschen Zulieferer in die Länder, die auf eine Fertigung vor Ort pochen.

Der hauseigene HfWU-Automobilexperte Professor Dr. Willi Diez lieferte die Fakten aus der Branche: Der technologische Wandel hin zu elektrischer, geteilter und vernetzter Mobilität sei in vollem Gange. So kündige Daimler Jobabbau im Segment der Verbrennertechnologie an, was die PWC-Experten mit Zahlen untermauerten: Sieben Mitarbeiter verbauen 4000 Teile für einen konventionellen Antriebsstrang. Im elektrischen Bereich verbaue ein Mitarbeiter 320 Teile.

Laut Diez hat dies vor allem für die Zulieferer dramatische Auswirkungen: Vor allem viele mittelständische Zulieferer stünden vor einer dunklen Zukunft. Die Digitalisierung sei ein Treiber dieser Entwicklung.

Der letzte Redner des Tages, Dirk Eichelbaum, beschrieb wieder aus juristischer Sicht die Konsequenzen für Unternehmen, die zu spät die Veränderungen erkennen und drohen, zu Verlierern der neuen digitalen Realität zu werden.

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