Werner Simmling über seinen Thronsturz und die Politik

Erst schickte ihn der Wähler, dann die FDP in den Ruhestand. Von der Alb aus betrachtet Werner Simmling die Politik. Gerne säße er noch im Bundestag.

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„D as ist ein tolles Projekt!“ Werner Simmling über das Bahnprojekt, dessen Tunnelröhre (Hintergrund) bei Hohenstadt die Albhochfläche erreicht.  Foto: 

Herr Simmling, Sie haben’s ziemlich ruhig hier oben auf der Alb.

SIMMLING: Es ist sehr schön, ja. Als ich noch bei Daimler war, war das ganz toll. Diese Ruhe. Ich bin abends aus Möhringen rausgekommen und bin in eine andere Welt gefahren.

Ein idealer Rückzugsort für einen Alt-Politiker?

Ja, als ich in Berlin war, war das genau das Richtige. Der Wechsel zwischen Berlin und Hohenstadt ist natürlich extrem. Aber es war jedes Wochenende schön, wieder hierherzukommen. Damals war ich jünger. Wäre ich die ganze Zeit hier oben geblieben, wäre ich vielleicht ein bisschen versauert.

Und jetzt lässt Sie Ihre Partei hier versauern?

Wir haben uns das hier vor 23 Jahren ausgesucht, weil wir uns hier sehr wohl fühlen und bisher nie den Gedanken hatten, wegzuziehen. Wir fahren samstags nach Stuttgart runter. Da liegt Hohenstadt an der Autobahn strategisch gut.

Sie wären aber doch gerne wieder in den Bundestag?

Neulich habe ich in der Zeitung über Hermann-Otto Solms gelesen. Er wollte es nochmal wissen. So war’s bei mir nicht unbedingt. Aber nach der Arbeit hier in den vergangenen zehn Jahren hatte ich eigentlich eine gute Basis und mir ausgedacht, nochmal vier Jahre anzuhängen. Obwohl: Dann wäre ich 77. Das ist schon ein ziemlich hohes Alter. Deshalb habe ich auch so lange gezögert.

Sie sind 2013 in den unfreiwilligen Ruhestand geschickt worden, weil die FDP es nicht mehr in den Bundestag schaffte.

Das war ja abzusehen. Gleichwohl war es mit 4,8 Prozent sehr knapp. Aber das Ding ist von Anfang an schief gelaufen in Berlin. Ich habe wie Christian Lindner…

…der nach dem Desaster Parteichef wurde…

…früh darauf aufmerksam gemacht, ob wir nicht die Koalition mit der CDU verlassen sollten. Das hätte uns Punkte gebracht. Wir sind einfach nicht zurechtgekommen mit dem Regierungsstil von Frau Merkel. Sie macht im Jahr drei Koalitionssitzungen. Früher unter Kohl war es so, dass man sich jede Woche getroffen hat.

Die CDU braucht die FDP nicht mehr. Wer braucht sie überhaupt noch?

Wir haben den Fehler gemacht, uns doch zu stark an die CDU zu binden.  Wenn Sie die jüngste Steuerdiskussion sehen, da kommen wir auf die Steuersenkung wieder zurück, für die wir 2009 geworben haben. Die FDP wurde immer als Partei für Zahnärzte bezeichnet. Das ist gar nicht so.

Wenn die FDP nicht die Partei der Besserverdienenden ist, für wen ist sie dann da?

Für den Mittelstand.

Und warum werden Sie von diesem nicht mehr gewählt?

Ja, weil wir zu wenig getan haben. Wir haben es nicht rübergebracht. Wir haben den Bürgern zu wenig deutlich gemacht, dass wir für sie da sind. Das hing damals auch zusammen mit einem falschen Auftreten und den falschen Ministerien. In vier Jahren kann man da viel kaputt machen.

Soviel Staat wie nötig, soviel Markt wie möglich.

Das ist das Credo der FDP als sozial-liberale Partei.

Das stand aber 2010 im Grundsatzprogramm der Grünen.

Sehen Sie: Wir könnten auch mit den Grünen!

Sie haben hier im Wahlkreis nur 3,4 Prozent der Erststimmen eingefahren. Ist das nicht auch eine persönliche Niederlage?

Nein, das war der Trend. Aber vom Persönlichen her ist es  hier im Wahlkreis Göppingen  immer schwierig gewesen. Auch Staatssekretär Gallus hatte in den 70er und 80er Jahren nie überragende Werte. 2009 hatte ich noch 19,1 Prozent.

Da haben Sie 16 Prozent verloren.

Das war sehr heftig.

Und trotzdem wollten Sie nochmal?

Ich hätt’s nochmal probiert.

Bis Hans-Peter Semmler aus Bad Boll kam.

Es war eben einfach so, dass wohl eine gewisse Unzufriedenheit da war – aus welchen Gründen auch immer. In den Kreisvorstandssitzungen haben wir das nie so mitbekommen.  Aber es war unterschwellig da.

Und was fanden Sie daran nicht fair?

Das hätte man mal auf die Tagesordnung setzen müssen, damit der Kreisvorstand darüber mal berät. Das fand alles nicht statt. Ich habe in Gesprächen versucht, etwas Licht in das Dunkel zu bringen. Diese Gespräche wurden aber weggeschoben. Da gab es in einem Ortsverband Gegenströmungen, denen ich vielleicht ein bisschen zu liberal bin. Zum Beispiel in der Flüchtlingspolitik.

Gab es da etwa eine parteiinterne Intrige?

So möchte ich das nicht nennen, aber der Vorstand hat die Vorschläge nicht weiterverfolgt und so wurden sie nicht mehrheitsfähig. Ich habe damals ganz deutlich dagegen gehalten und gesagt, dass solche Meinungen, die zu nahe an der AfD sind, nicht unser Stil sind und wir da etwas anders zu denken hätten.

Haben Sie den Generationswechsel im FDP-Kreisverband nicht rechtzeitig vollzogen?

Das ist weniger eine Sache des Alters als eine der unterschiedlichen Politikauffassungen. Vielleicht habe ich auch den ein oder anderen Ortsverband nicht so gepflegt, wie ich ihn hätte pflegen müssen. Diese Unzufriedenheit hätte aber offengelegt werden müssen.

Sie kritisieren das Vorgehen bei der Nominierung, und jetzt sind die Königsmörder beleidigt?

Ja, gut, ich hab‘ damals ganz spontan meine Meinung kundgetan, die, glaube ich, auch nicht ganz so falsch ist. Die fühlen sich jetzt natürlich angegriffen und bellen ein bisschen. Aber für mich ist das Thema abgeschlossen.

Kein Nachtreten?

Nein, um Gottes Willen. Das ist jetzt halt so gelaufen. Wenn ich 20 Jahre jünger wäre, hätte ich alle meine Kraft noch einmal zusammengenommen. Dass es jetzt so gelaufen ist, ist vielleicht auch gar nicht schlecht. Ich werde jetzt in den Landes-Fachausschüssen für Finanzen und Verkehr mitarbeiten. Und das ist gut.

Muss jetzt ihr Nachfolger auf dem Vorsitz, Armin  Koch, um sein Amt fürchten?

Wenn das so wäre, wäre meine These gar nicht so falsch. Ich werde ihm meine Stimme geben.

Koch spricht von einer Privatfehde.

Von meiner Seite aus nicht.

Was hätten Sie gerne noch im Bundestag erreicht?

Ich saß ja im Verkehrsausschuss, und da hätte ich sehr gerne der B10 noch ein wenig Schub verpasst. Wenn ich sehe, dass das noch bis 2030 dauert, dann ist das doch eine sehr lange Zeit.

Können wir uns nicht mit dem begnügen, was der CDU-Abgeordnete Hermann Färber erreicht hat?

Färber und Staatssekretär Norbert Barthle sind ja von gleicher Couleur. Es wundert mich, dass die hier ein bisschen wenig machen. Es war aber auch schon in der Vergangenheit so: Da ist hier sehr wenig Unterstützung gekommen. Ich habe mich damals sehr häufig mit dem Staatssekretär von Minister Ramsauer, Andreas Scheuer, getroffen und erreicht, dass es hier ein bisschen weiterging. Ich hätte gerne auch die Planung etwas geändert.

Warum?

Eine dreispurige Weiterführung bis Geislingen ist falsch, wenn man bedenkt, dass 2030 doch viel mehr Verkehr sein wird. Die Weiterführung im Tunnel, zwei Kilometer für  150 Millionen Euro, das ist doch  ein Fall für den Landesrechnungshof! Der müsste prüfen, ob das vernünftig ist. Ich habe Verkehrsminister Winfried Hermann, den ich ja noch aus dem Ausschuss kenne,  noch einmal darauf hingewiesen. Die ganze wirtschaftliche Entwicklung der Region hängt daran.

Welche Lösung schlagen sie vor?

Kein Tunnel. Da muss eine andere Lösung her. Schauen Sie sich die Geislinger Steige an: Die Eisenbahn-Ingenieure haben es vor 150 Jahren geschafft, ohne Tunnel auf die Alb zu kommen. Ich weiß nicht, wie man die B10 anders hätte führen können. Aber ich bin überzeugt, dass es nicht so schwierig ist, dass es nicht geht.

Wird also die neue B 10 am Tunnel scheitern?

Zumindest zieht er das Projekt in die Länge. Jeder Verkehrsminister macht da ein Kreuz. Sehen Sie den Tunnel in Schwäbisch Gmünd: Dort hat es mit 50 Millionen Euro angefangen, zum Schluss waren es 250 Millionen Euro. Wenn man das weiß, dann sollte man auch in Geislingen darauf achten.

Warum gelingt es anderen Regionen besser, ihre Verkehrsprojekte in Berlin durchzubringen?

Das frage ich mich auch manchmal. Aber das hängt natürlich schon mit den Personen zusammen: Das Erste, was Barthle gemacht hat, als er Staatssekretär wurde, war die Bundesstraße 29 bei sich zu Hause.

Wir sitzen hier am derzeit größten Loch auf der Alb: Der Neubaustrecke Stuttgart-Ulm.

Das ist ein super Projekt!

Vor ein paar Jahren hätte man glauben können, mit Stuttgart 21 ginge die Welt unter.

Ja, weil es politisch nicht gefördert wurde. Im September ist die Grundsteinlegung am Tiefbahnhof. Wenn da nicht einmal der Ministerpräsident und der Verkehrsminister kommen, ist das schon bezeichnend.

Wie war das früher?

Das fiel ja auch in die Zeit, als in Berlin Rot-Grün herrschte. Da standen Leute wie Jürgen Trittin solchen Projekten sehr ablehnend gegenüber. Deswegen ist es ja auch wieder in den Schubladen verschwunden.

1995 wurde erstmals geplant…

… und dann hätte das Ding 2005 fahren müssen. Dann wäre es auch nicht zu so einer Kostenexplosion gekommen. Da muss man einfach sagen: Die Politik hat das Projekt nicht wirklich gewollt.

Und dann?

Als es um den Stuttgarter Bahnhof ging, entwickelten sich diese Montagsdemonstrationen. Die Ostseite war ja ein furchtbares Ding. Das konnte man gut abreißen. Es wurde aber durch viele Fehlinformationen der Bevölkerung Sand in die Augen gestreut.

Wer hat’s verbockt: Bahn oder Politik?

Ich würde sagen, das sind beide gewesen. Die haben schlicht versagt. Und die Verkehrsminister in Berlin haben sich rausgehalten.

Und deshalb brauchen wir jetzt so viel Bürgerbeteiligung?

Die Zeiten sind natürlich andere. Und deshalb muss man natürlich auch anders kommunizieren. Man muss die Leute miteinbeziehen. Mit TTIP ist es genau dasselbe: Da wird an den Bürgern vorbei etwas hinter verschlossenen Türen verhandelt. Das geht heute einfach nicht mehr. Die Leute können sich längst übers Internet über alles Mögliche informieren. Das bekommen auch Großunternehmen zu spüren, wenn sie meinen, etwas aussitzen zu können. Wenn es der feste Wille ist, etwas zu bauen, dann muss auch mit aller Kraft dafür gearbeitet werden.

Gegen alle Widerstände?

Vielleicht ist Stuttgart 21 auch ein Beleg für eine zunehmende Technikfeindlichkeit im Land. Die Rheintalschiene zwischen Rastatt und Basel wird voraussichtlich nicht vor 2025 in Betrieb gehen, während die Schweiz dieses Jahr den Gotthardt-Tunnel in Betrieb genommen hat. Wir sind aus der Transrapid-Technologie ausgestiegen, ebenso aus der Kernenergie. Die Gentechnik wird mehr als kritisch bei uns beäugt. Leider sind dies nur einige Beispiele einer verfehlten Politik – hoffentlich zerstören wir damit nicht unsere Zukunftschancen.  Dieses Festhalten am Althergebrachten bestraft nämlich die Evolution – es ist technologischer Starrsinn.

Die Alb nutzt ja die Chancen.

Ja, die Gemeinden hier oben haben beispielsweise sehr für den Bahnhalt bei Merklingen gekämpft. Für die Bevölkerung ist es einfach notwendig, dass sie einen vernünftigen Anschluss nach Stuttgart hat. Wenn sie hier kein Auto haben, ist das so gut wie unmöglich. Man merkt jetzt aber auch schon den Goldrausch in Merklingen.  Für die Industrie ist die Lage hier ideal.

Zur Person Werner Simmling

Der frühere FDP-Bundestagsabgeordnete wurde 1944 in Ochsenhausen geboren. Der gelernte Diplom-Volkswirt arbeitete 28 Jahre lang bei der Daimler-Benz AG in der mittleren Management-Ebene. Nach seinem Umzug auf die Alb saß er von 2003 bis 2009 im Hohenstadter Gemeinderat. Bei der Bundestagswahl 2009 zog er auf  Platz 14 der Landesliste in den Bundestag ein. 2013 scheiterte die FDP an der Fünf-Prozent-Hürde. Im Juli gab er den Kreisvorsitz an Armin Koch ab.

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Kommentare

11.09.2016 17:55 Uhr

Machen anstatt Sprechen

In anderen Ländern wird in die Infrastruktur investiert und gebaut.
Nicht diskutiert und nur auf die Kosten geschaut.
Die B10 wäre so schon lange fertig.
Und auch der Stuttgarter Bahnhof kann dann ohne Probleme weiter entwickelt werden.
In der Kernenergie, wird heute der Abfall zum Wertstoff. Verbrannt. Keine Lagerstätten sind mehr notwendig.
Siehe Frank Naumann Stiftung der FDP.
Die Wissenschaft und Forschung ist viel weiter wie die Politik, die Angebote aus der Vergangenheit machen und unnütz Geld verbrennen.
Auch die Biologie, und Gen Foschung verändert das Denken von Gen Gegnern.
Da investiert der Microsoft Gründer in beiden genannten Themenfeldern.

Die FDP in Göppingen wird gewusst haben, warum diese Herrn Simmling nicht mehr gewählt hat!

Herr Simmling scheint nicht zu sehen, seinen Zenit überschritten zu haben!

Herr Hitter, ich teile ihre Meinung zur Technik!

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11.09.2016 14:07 Uhr

Welche Technikfeindlichkeit denn?

Ein untaugliches Bahnprojekt bleiben zu lassen hat doch nichts mit Technikfeindlichkeit zu tun. Da geht es um die Bewältigung des Verkehrs der Zukunft, die mit einem verkleinerten Bahnhof, noch dazu in Schräglage und durchgehend in brandgefährlichen Tunneln, einfach nicht zu schaffen ist.

Ebenso die Kernenergie. Atomspaltung ist längst nicht mehr die Technologie der Zukunft, sondern seit 20 Jahren die Technologie der Vergangenheit. Solarzellen liefern den gleichen Strom, mit sehr viel weniger Aufwand, ohne Verseuchungsgefahren, ohne Brennstoffkosten.

Technikfreundlichkeit ist nicht, Alles möglichst kompliziert und aufwändig zu machen, sondern die Bedürfnisse des Menschen möglichst effektiv, gefahrlos und nachhaltig zu decken. Nie vergessen: Technik ist kein Selbstzweck. Es geht immer um den Menschen und die Natur, die er braucht.

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