Werkrealschule Verlierer

Der Wegfall der Grundschulempfehlung geht vor allem auf Kosten der Werkrealschulen. Bei den Anmeldungen für weiterführende Schulen hat die Schulart zum Teil dramatische Einbrüche zu verkraften.

|
Vor elf Jahren in der Geislinger Uhlandschule: Die GZ stellte die Möglichkeiten der Werkrealschule vor, die damals 16 Hauptschüler nutzten. Jetzt drohen den Werkrealschulen, die in neuer Form angeboten werden, dramatische Einbrüche. Foto: Archiv

Was viele im Vorfeld befürchtet hatten, scheint nun einzutreffen: Die Werkrealschulen sind die Verlierer nach der Abschaffung der verbindlichen Grundschulempfehlung. Ab diesem Jahr können allein die Eltern entscheiden, welche weiterführende Schule ihre Kinder besuchen. Der früher in den Hauptfächern Deutsch und Mathematik geforderte Notenschnitt von 2,5 fürs Gymnasium und 3,0 für die Realschule entfällt. Die Eltern müssen bei der Anmeldung an den gewünschten Schulen weder Zeugnis noch Grundschulempfehlung vorlegen. Künftig reicht die Geburtsurkunde des Kindes.

Die neuen Freiheiten haben offenbar viele Eltern genutzt, selbst Kinder mit Werkrealschulempfehlung auf die Realschule oder gar aufs Gymnasium zu schicken. Erste Zahlen aus den Anmeldestatistiken von Realschulen und Werkrealschulen weisen auf diesen Trend hin. Alle Daten konnte unsere Zeitung leider nicht ermitteln: Noch während der Recherche gestern Vormittag bekamen sowohl Schulen als auch das Staatliche Schulamt vom Kultusministerium in Stuttgart einen Maulkorb verpasst: Die Daten zu den Schüleranmeldezahlen könnten "gegenwärtig noch nicht an die Öffentlichkeit (Presse, Eltern) gegeben werden, da noch eine Rücksprache mit dem Kultusministerium erfolgt. Wir bitten um Verständnis", hieß es knapp in einer E-Mail aus dem Schulamt.

Was bis dahin vorlag, war dramatisch: So wurden an der Werkrealschule der Messelbergschule in Donzdorf nur noch 17 Kinder angemeldet. Im Vorjahr waren es 32. Gerstetten ist noch schlimmer dran: Hier wollen nur noch zehn Kinder die Werkrealschule besuchen, 2011 waren es noch 23. In der Hauptschule Böhmenkirch sind die Zahlen zwar nicht so stark eingebrochen. Hier sank die Zahl der Anmeldungen gegenüber dem Vorjahr von zehn auf neun Schüler. Das nützt den Böhmenkirchern allerdings wenig, da die kleine Hauptschule damit weiter ums Überleben kämpft. Dem Vernehmen nach muss auch die Werkrealschule in Deggingen empfindliche Verluste hinnehmen. Genaue Zahlen konnten nach dem Maulkorberlass aus dem Kultusministerium nicht mehr ermittelt werden.

Vom Aderlass an den Werkrealschulen haben offenbar in erster Linie die Realschulen profitiert: In Gerstetten stiegen die Anmeldungen von 50 im Vorjahr auf 56, wobei weitere sechs Kinder aus Gerstetten noch an eine private Realschule in Heidenheim wechseln wollen. An der Realschule in Deggingen ging die Zahl der Anmeldungen gegenüber dem Vorjahr zwar von 81 auf 53 zurück, allerdings ist auch die Zahl aller Viertklässler im Einzugsgebiet der Degginger Realschule von 166 auf 112 Kinder gesunken. "Damit haben wir zumindest unsere Quote von 50 Prozent halten können, freut sich Realschuldirektor Rainer Maroska.

So überraschend der Maulkorb bei den Real- und Werkrealschulen verordnet wurde, so plötzlich wurde er bei den Gymnasien wieder aufgehoben: Kurz nach 17 Uhr hat das Kultusministerium gestern doch noch eine Statistik zu den 22 "Modellschulen" mit G 9 veröffentlicht. Demnach wurden am Helfenstein-Gymnasium 59 Kinder für G 9 und 38 für den G 8-Zug angemeldet. Bei einem Klassenteiler von 30 Schülern können damit am HeGy wie geplant jeweils zwei Klassen im G 8 und zwei Klassen im G 9 gebildet werden.

Mit 60,8 Prozent bei G 9 und 39,2 Prozent G 8-Schülern liegt Geislingen übrigens weit unter dem landesweiten Trend: Von den insgesamt 2699 Kindern, die an den "Modellschulen" angemeldet wurden, entschieden sich 2188 Schüler und damit 81,1 Prozent für den neunjährigen Weg zum Abitur und nur 511 Schüler (18,9 Prozent) für das G 8. Das hat manche Schule auch vor unvorhergesehene Probleme gestellt: So gibt es zum Beispiel am Albert-Schweizer-Gymnasium in Laichingen zwar 80 G 9-Schüler, aber nur noch elf Fünftklässler im G 8. Ob das für eine Klasse reicht, darf bezweifelt werden.

Wie aus Rektorenkreisen zu erfahren war, wird nicht nur aus diesem Grund im Kultusministerium schon jetzt über eine zweite "Anmelderunde" für alle Schulen nachgedacht, bei der die Zahlen entmischt und zusammen mit den Eltern nach entsprechenden Lösungen gesucht werden sollen.

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Weihnachtsstimmung steckt die Geislinger an

Seit Freitag lockt der Geislinger Weihnachtsmarkt mit Kunsthandwerk, Musik und Leckereien. Besucher schätzen die festliche Atmosphäre in der Stadt. weiter lesen