Wenigstens einmal sollte man alles infrage stellen

Im Studium Generale an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt (HfWU) diskutieren Studenten mit Philosoph Anton Schmitt darüber, ob man in der Ethik auf Gott verzichten kann – oder muss.

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Der Philosoph Anton Schmitt unterrichtet Studenten der HfWU und Gasthörer im Studium Generale. Sein nächstes Seminar am Mittwoch, 10. Mai, beschäftigt sich mit Kants Religionsverständnis.  Foto: 

Ist Ethik ohne Gott möglich? „Natürlich“, sagt der Philosoph Anton Schmitt, der im Studium Generale mit Gasthörern und Studenten der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt (HfWU) Nürtingen-Geislingen diskutiert. „Ich würde den Gottesbegriff aus der Ethik heraushalten.“

Schmitt steht damit ganz in der Tradition der Geisteswissenschaft: Philosophie verstand sich von jeher als eine kritische Art zu denken, die sich nicht auf angebliche Gewissheiten verlassen wollte. So widerlegte beispielsweise Immanuel Kant in der Aufklärung die sogenannten Gottesbeweise, betonte aber, dass es durchaus eine vernünftige Möglichkeit gebe, an Gott zu glauben. Für Kant war die Vernunft die Grundlage der Ethik.

Einigen Studenten an der HfWU ist es wichtig, über Gott zu diskutieren. Sie machen die Hälfte der Zuhörer in Schmitts Seminaren aus: in Geislingen sind es sieben von 15, in Nürtingen jeweils doppelt so viele. Der Rest sind Gasthörer. Und tatsächlich gibt es sogar einen Studi-­Bibel-Treff in der Fünftälerstadt (wir berichten noch). HfWU-Rektor Andreas Frey hatte kürzlich im Gespräch mit der GEISLINGER ZEITUNG hervorgehoben, dass die Verbindung von Religion und Wirtschaft für viele Studenten interessant sei.

Für Schmitt ist das keine Überraschung. Die Frage nach Gott sei eine existenzielle Grundfrage:  „Es gehört zum Menschsein, sich damit auseinanderzusetzen.“ Laut des Online-Statistik-Portals „statista“ glauben nur 58 Prozent der Deutschen an Gott. Die Kirche verliert immer mehr Mitglieder, und es ist nachvollziehbar, dass Ethik ohne Gott möglich ist. Schließlich gibt es moralisch lebende Atheisten. Und wer einen Blick in die Gegenwartsphilosophie wirft, der wird viele unterschiedliche Ethiken finden, die nicht mit Gottesvorstellungen begründet werden. Ein prominentes Beispiel in Deutschland liefert Norbert Hoerster.

Doch Anton Schmitt kann sich vorstellen, dass Glaube und Religion künftig wieder stärker verbreitet sein werden: „Was heute dominant ist, kann eines Tages an Bedeutung verlieren.“ Schmitt sieht das Phänomen weltweit verbreiteter Religiosität – die aber nicht zwingend am Christentum hängt.

So ist es naheliegend, dass sein drittes Seminar (siehe Infobox) in diesem Semester den Zen-Buddhismus in den Mittelpunkt stellt. „Heutzutage sind auch in Deutschland überall asiatische Schriftzeichen zu sehen, die Menschen kaufen sich Buddha-Statuen und setzen sich mit fernöstlichen Philosophien auseinander.“ Im Zuge der Globalisierung wird der intellektuelle Austausch größer. Viele Asiaten studieren in Deutschland, befassen sich mit Martin Heidegger oder Georg Wilhelm Friedrich Hegel, sagt Schmitt. Er selbst bringt seinen Studenten den Zen-Buddhismus näher, der als eine Rückbindung des Menschen an den „allgemeinen Urgrund“ verstanden werden kann.

Doch auch hier macht sich das philosophische Prinzip bemerkbar, sich keiner Autorität unterwerfen zu wollen, denn Zen-Buddhismus ist eine Religion ohne Gott. So forderte beispielsweise der Zen-Meister Linji seine Schüler im neunten Jahrhundert auf, Buddha zu töten, wenn sie ihn sehen. Er meinte das im übertragenen Sinne, denn er wollte die radikale geistige Freiheit. Buddha steht für Erleuchtung, für Wissen – und Wissen muss hinterfragt werden.

Studium Generale ­Anton Schmitt bietet eine Einführung in die Religionsphilosophie an. Im zweiten Seminar am Mittwoch, 10. Mai, steht von 15.45 bis 18.45 Uhr Kants Religionsverständnis im Fokus. Im dritten Seminar diskutiert Schmitt über den Zen-Buddhismus: am 17. Mai, ab 15.45 Uhr. ­Gestartet hatte die Einführung mit einer Auseinandersetzung mit Pascal und Hume im ­April. Eingeladen sind nicht nur Studenten, sondern auch Gasthörer. Die Seminare finden im Geislinger HfWU-Gebäude in der Parkstraße 4 statt.

Philosophie wird im Studium Generale über mehrere Semester unterrichtet. Es werden unterschiedliche Disziplinen behandelt wie etwa die Anthropologie, die Erkenntnistheorie und der Humanismus.
Mehr Infos unter:
www.collegium-­philosophicum.de

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