Von Bidets und Warmduschern

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Satiriker Max Goldt hat das besondere Gespür für die Absurditäten des Alltags.  Foto: 

Vor 16 Jahren, bei seinem ersten Besuch in Geislingen, da dachte er noch, die Steige sei ein Fluss, gestand Max Goldt am Freitagabend in der Rätsche seinen Gästen. Der Auftritt des langjährigen Kolumnisten des Satiremagazins Titanic, des Autors, Comictexters und – wie er es selbst nennt – Szenaristen war als Lesung angekündigt. Bekommen hat das Geislinger Publikum einen höchst amüsanten Abend voller ausgefeilter Sprachakrobatik, skurrilen Alltagsbeschreibungen, feiner Beobachtungen und jeder Menge Absurditäten.

Snack nach Goldt-Art

Die Zuhörer erfahren von Goldt etwa das Rezept für eine köstliche Zwischenmahlzeit: im Auto heiß gewordene Himbeeren. Sie lauschen bislang nie bedachten Betrachtungen zu einem Bidet. Oder hören von Creativen (mit C) designten Lampen, die anmuten wie metallene Riesenvögel mit Gleichgewichtsstörungen.

Goldt liest aus seinem jüngst erschienenen Prosaband „Lippen abwischen und lachen. Die prachtvollsten Texte 2003 bis 2014“ und aus der Dramoletten-Sammlung „Räusper“. Der 59-Jährige ist einer von den guten Vorlesern, der den feinen Pointen seiner Texte Raum schafft, ihren Wortwitz und ihre Nuancen bestens platziert: trocken, gelassen, ein bisschen spitzbübisch und mit kräftiger, angenehmer Stimme. Bisweilen spricht er die Dialoge seiner Figuren mit verteilten Rollen: Es bleibt das einzige dramaturgische Stilmittel des Abends, sieht man vom Brillerücken ab. Diese schlichte Performance genügt: Die Gäste in der Rätsche amüsieren sich bestens.

Eine von Goldts Geschichten spielt in der Wüste des Emirats Katar. Sie erzählt – unter anderem – von einem Besuch in einer Falken-Klinik und von einem Phänomen, das die meisten von uns kennen: Dem eines in einem unmöglichen Moment auftauchenden Gedankens, etwas Ungeheuerliches zu tun. Etwa einem gerade auf dem Operationstisch liegenden Falken in den geöffneten Leib zu spucken.

Das Rätsche-Publikum erfährt außerdem, wie die Beatles zu ihrem Namen kamen (es war in München und hatte mit Fressmotten zu tun). Und manchmal hat alleine das Aneinanderreihen von Tchibo-Sonderangeboten genügend Satire-Potenzial, um es ins Programm zu schaffen.

Besonders ärgerlich jedoch macht den Literaten die weltfremdeste Beleidigungsvokabel von allen: der Warmduscher. Wie paradox ist diese Beschimpfung in einer Gesellschaft, in der alle warm duschen, außer ihm selbst. Dem einzigen Kaltduscher Deutschlands. Eva Heer

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