Viel mehr als nur Tanzen

"Tanzen statt Gewalt": Für diese Philosophie setzen sich Jorge und Manuela Gonzalez seit zwölf Jahren ehrenamtlich ein. In den Räumen über dem Geislinger Gloria-Kino wird jedoch mehr als nur getanzt.

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  • Die Macher des Geislinger Hip-Hop-Projekts "Tanzen statt Gewalt" (von rechts): Jorge Gonzalez mit Gattin Manuela und Tochter Leslie sowie Laura, eine Freundin der Familie. Im Bereich der Theke soll eine Küche entstehen. Foto: Claudia Burst 1/2
    Die Macher des Geislinger Hip-Hop-Projekts "Tanzen statt Gewalt" (von rechts): Jorge Gonzalez mit Gattin Manuela und Tochter Leslie sowie Laura, eine Freundin der Familie. Im Bereich der Theke soll eine Küche entstehen. Foto: Claudia Burst
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Angefangen hat alles vor zwölf Jahren auf einer Wiese bei einem der Geislinger Y-Häuser. Dort brachte Jorge Gonzalez seiner Tochter Leslie und deren Freundinnen das Hip-Hop-Tanzen bei. Heute treffen sich jede Woche mehr als 100 Jugendliche in den Räumen über dem Gloria-Kinocenter in Geislingen. Es sind gemütliche Räume. Eine Theke, Tisch und Sessel im Eingangsbereich. Ein großer Tanzsaal mit Spiegelwand. Eine Discjockey-Ecke. Kleine Nebenräume.

Manche Wände sind in Ziegelstein-Optik tapeziert. Andere haben die Jugendlichen selbst gestaltet. Mit Graffiti oder mit aufwendig gestalteten Anime-Figuren. Viel Mühe steckt hinter dieser Sprühkunst, nichts wurde wild durcheinandergemalt. "Die Kids, die hierherkommen, haben viele Talente", erzählt Jorge Gonzalez. Das sieht man auch im Nebenraum. Hier liegt ein Stapel weißer T-Shirts, die von den Jugendlichen mit dem Schriftzug und dem Logo "Mäuse Pac" oder "Crazy Rats" veredelt werden. Mit Airbrush-Technik.

Der 45-Jährige kennt die jungen Leute. Manche kommen schon seit vielen Jahren, um hier zu tanzen. Hip-Hop oder Breakdance. Neuerdings sogar Zumba. Manche von ihnen wie zum Beispiel Gonzalez Tochter Leslie oder Laura und Sara haben selber inzwischen Tanzgruppen übernommen und trainieren mit ihnen, zeigen Schritte, Moves, Choreografien.

Aber in den Räumen wird mehr als nur getanzt. "Wenn sie reinkommen, ist erst mal chillen angesagt. Oder reden", sagt Manuela Gonzalez. Jorge, Manuela und auch Leslie sind für die jungen Besucher Vertrauenspersonen. Menschen, die da sind und sich ihre Sorgen anhören, bei denen sie sich Stress und Frust von der Seele reden können.

Natürlich stehen das Tanzen und die Musik im Mittelpunkt. Mithilfe der GZ-Aktion wurde vor zwei Jahren die Beleuchtung im Tanzraum repariert und optimiert, der Boden wurde abgeschliffen, bekam ein inspirierendes Farbzentrum und wurde versiegelt. "Als wir 2006 diese Räume zur Verfügung gestellt bekommen haben, war das eine Schreckenskammer", erinnert sich Manuela Gonzalez zurück, "überall lagen tote Insekten und die Toiletten waren total versifft".

Die Gonzalez engagieren sich täglich nach Feierabend ehrenamtlich für die Jugendlichen, die aus ganz Geislingen, aber auch aus den umliegenden Orten kommen. Manche aus kaputten Familien, viele aus Familien mit Migrationshintergrund, manche aus ganz unauffälligem Elternhaus. "Ich frage da nicht nach. Hierher dürfen alle kommen", sagt Jorge Gonzalez, der von den Kindern keine Teilnahmegebühr verlangt. Es gibt allerdings Regeln, die von allen eingehalten werden müssen. Wie Rauch- oder Alkoholverbot.

Alles, was hier renoviert und geschaffen wurde, kommt aus Spendengeldern und von Sponsoren. "Anders wäre das nicht möglich. Es gibt so viel zu tun hier. Wir bauen, streichen, reparieren immer dann, wenn uns Geld zur Verfügung steht. Schritt für Schritt", erklärt Jorge Gonzalez. "Es ist auch für die Kinder wichtig zu sehen, wie das wächst, und selbst Hand anzulegen", fügt seine Frau hinzu, "sie lernen so, es zu schätzen".

Weil für viele der Teenager die Räume ein Stück zweite Heimat sind, wird hier immer wieder mal gefeiert. "Die Weihnachtsfeier, gemeinsam Filme gucken oder sogar hier übernachten sind Events, die von den Jugendlichen mit Begeisterung angenommen werden", wissen die beiden Dreifach-Eltern.

Und kommen damit darauf zu sprechen, warum sie in diesem Jahr wieder auf die Großzügigkeit der GZ-Leser bei der GZ-Aktion "Gemeinsam gehts besser" hoffen. "Wir haben so gut wie keine Möglichkeiten, hier etwas zu kochen, backen oder Essbares aufzuwärmen", schildert der tanzbegabte Amerikaner. Nur ein Mini-Ofen steht im Mini-Nebenraum. "Bis hier zwei Baguettes überbacken sind, sind 20 Kinder verhungert", bringt Gonzalez das Problem auf den Punkt. Besonders aufgefallen ist das, als eine Ernährungsexpertin vor Ort war und mit den jungen Tänzern Obst und Gemüse schnippeln und kochen wollte - "es war einfach nicht genügend Platz".

Deshalb wünscht sich Jorge Gonzalez für seine Jugendlichen eine "richtig schöne Küche". Mit viel Arbeitsfläche, zwei Backöfen und den notwendigen Elektrogeräten. Und mit Schränken. "Manche unserer Kids haben richtig Hunger, wenn sie hier ankommen", hat er festgestellt. Mit einer Küche könnte dem abgeholfen werden. Und immer dann, wenn viele der regelmäßigen Besucher gleichzeitig da sind, wäre Verpflegung möglich. Unter hygienischen Verhältnissen.

Ein weiteres Highlight in den bereits schönen Räumen.

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