Ungebändigter Haufen im Sägewerk: "Hair" kommt super an

Das Musical "Hair" feierte in Geislingen eine umjubelte Premiere im Theater im Sägewerk. Die Hippie-Geschichte funktioniert auch 50 Jahre nach der Uraufführung - dank Torsten Molls Inszenierung. <i>Mit Bildergalerie.</i>

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Schon das erste Bild macht klar, was an "Hair" seit fast 50 Jahren fasziniert: Blumenkinder tanzen sich ihren Weg durch die Zuschauerreihen, sammeln sich im wiegenden Rhythmus von "Aquarius" auf der Bühne, zelebrieren das Zeitalter des Wassermanns. Ein ungebändigter Haufen, in dem die Lebensgier funkelt, der alle Grenzen infrage stellt. Ein urbaner "Tribe" in ausgefransten Jeans, Fellwesten, Batikblusen, Leder, Stirnbändern - und sehr langen Haaren. Das Gefühl der Rebellion und Auflehnung gegen die Werte der Elterngeneration ist zeitlos.

Torsten Molls Choreografie transportiert diese Botschaft ganz unabhängig von der Rahmenhandlung um den Vietnamkrieg. Sie lebt in den mitreißenden Tanzszenen zu den bekannten Klassikern des Musicals, zu "Manchester, England", "I got Life", "Sodomy", "Good Morning Starshine"; den Dialogen und Songtexten; in der gesamten Atmosphäre der Inszenierung.

Die Geschichte um die Freundschaft zwischen Claude (Dean Mihaljev), "der schönsten Bestie im Dschungel" und dem "psychedelischen Teddybären" Berger (Kevin Thiel), um Ronny (Stefanie Martin) und Sheila (Wiebke Dobbehaus) und den anderen Mitgliedern der Gruppe erzählt die Inszenierung in lockerer Szenenfolge, in die sich rauschhafte Traumsequenzen mischen, Realität oder Drogenrausch, wen interessiert das schon.

Das Bühnenbild (Dean Mihaljev; auch Kostüme) arbeitet auf drei Ebenen, mit Nebel und psychedelischem Licht, ist ansonsten schwarz und pur. Und doch gibt es auch Opulenz und Glamour, Spitzentanz, Pailletten-Kleider und eine große Szene aus "Vom Winde verweht". Das Südstaatenepos als Gegenpart, Selina Hafner im ganz großen, grünen Samtkleid als Scarlett OHara.

Überhaupt spielt Molls "Hair" mit Ironie und überraschenden Momenten: Der 14-jährige Simon Vollmer, im Stuttgarter Apollo-Theater schon als junger Tarzan zu sehen, hat einen Auftritt als Professor, da ist ein gutes Stück Slapstick dabei. Claudes Vater (Walter Miller) liest unsere Zeitung - während die Mutter (Doris Lausecker) fordert, Claude möge endlich ein guter Amerikaner werden. Nonnen im Hare-Krishna-Reigen, Roy Blacks "Ganz in Weiß".

Die Besetzung aus größtenteils ausgebildeten oder angehenden Musicaldarstellern und einigen Laien überzeugt bis in die anspruchsvollen Soloparts, tänzerisch sowieso, aber auch zum großen Teil gesanglich. Diese zweite Produktion in der Geislinger Spielstätte hat qualitativ noch mal zugelegt.

Nach der Pause mischt sich zwischen Trance, Love, Peace und Happiness der Krieg. Claude wird eingezogen, stirbt einen sinnlosen Tod. Auch diese Botschaft ist so zeitlos wie vor 50 Jahren. Und doch endet "Hair" in Geislingen in einem großen, fröhlichen Showdown. Mit "Let the Sunshine in" tanzen die Darsteller mit den Gästen im Sägewerk. Dazwischen mischen sich stehende und tanzende Ovationen.

Info Weitere Vorstellungen: 6. und 8. Mai, 5. und 19. Juni sowie 3. Juli, Beginn ist jeweils um 19 Uhr. Karten gibt es unter Telefon: (07331) 98 68 89 und per E-Mail: karten-saegewerk@gmx.de

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