Über Nacht eine Allee gesetzt

Die "Wurzelmännchen" und weitere Weilemer Baumfreunde waren wieder aktiv: Der Geislinger Stadtbezirk Weiler hat eine neue Birkenallee.

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Die mit Spenden gekauften Bäume am Standort Wagrain sind auch wieder durchnummeriert.  Foto: 

Am Wagrain bei Weiler haben nach einer mehreren Stunden langen Pflanzaktion jetzt 20 Birken einen neuen Platz gefunden, nachdem sie "von Amts wegen" von der Kreisstraße 1441 Richtung Schalkstetten hatten weichen müssen. Dort hatte es eine Allee aus alten, aber gesunden Bäumen gegeben, bis das Landratsamt sie im Frühjahr 2015 fällen ließ. Die anonyme Gruppe der "Wurzelmännchen" hatte dieses Jahr, in der Nacht zum 20. März, dem Frühlingsanfang, zwischen Weiler und Waldhausen rund 50 neue Bäume gesetzt - von Birken bis zu standortgerechten Vogel- und Mehlbeerbäumen. Nicht zuletzt sollte damit dem Protest vieler Geislinger und Schalkstetter Bürger über die Fällaktion Ausdruck gegeben werden. Das Landratsamt reagierte promt und ließ verlauten, "dass derartige Anpflanzungen aus rechtlicher und verkehrssicherheitstechnischer Sicht nicht ohne Weiteres zulässig erscheinen".

Nun hatten Bauhof-Mitarbeiter in Absprache mit dem Landratsamt und der Geislinger Stadtverwaltung die jungen Bäume in der von den Wurzelmännchen aufgeforsteten einstigen Birkenallee entlang der K 1441 entwurzelt und alle Vorbereitungen für eine Wiederanpflanzung auf dem Wagrain getroffen.

Die Spendenbereitschaft der Bürger war enorm: Sie brachten die gesamte Summe für den Einkauf von Jungbäumen für "ihre" Allee auf, deren Wert heute mit 2000 Euro angesetzt wird. Hunderte verärgerter Zeitgenossen aus Weiler und Umgebung hatten zudem ihre Unterschrift auf eine Liste für die Aktion "Alte Heimat für junge Bäume" gesetzt, die zwei Geislinger Stadträte initiiert hatten.

Das Dutzend Baumpflanzer um Weilers Ortsvorsteherin Bettina Maschke hat nun die Sand- und Moorbirken in die vom Bauhof vorbereiteten Pflanzlöcher gesetzt. Die städtischen Mitarbeiter hatten guten Mutterboden angefahren und neben den ausgegrabenen Bäumen mit Ballen angehäuft. Weiteres Füllmaterial in die ausgebaggerten Wurzellöcher hatte Hans Kröner, der die Aktion von Anfang unterstützt, der Pflanzergruppe geschenkt. Auf die Bitte von Maschke schaffte Hans Eberhard mit seinem Traktor das Erdmaterial heran. Sobald die mit Sisalschnüren gegen Sturm gebundenen Stützpfähle erst einmal mit einer hölzernen Rammkatze im steinigen Untergrund fixiert waren, konnte Sarah Kilian die zum zweiten Mal gesetzten Bäume aus ihrem 200-Liter-Fass üppig anwässern.

Die Bäumchen, die an der Kreisstraße ganz bewusst jenseits von Kurven gesetzt worden waren, um die Gefährdung von Schnellfahrern zu minimieren, werden wie gehabt am neuen Standort Wagrain einzeln mit "Wei/Scha/Wa"-Nummern gekennzeichnet, was für die Orte Weiler, Schalkstetten und Waldhausen steht. Dort hatten während der vergangenen fünf Wochen die Wurzelmännchen und ihre Helfer in konzertierten Aktionen viele der gefällten Bäume ersetzt. Jetzt soll noch eine Tafel mit historischen Bildern der Weiler Alleen am Eingang der neuen Baumreihen angebracht werden. Sie soll an die Bedeutung solcher Alleen auf der Alb erinnern und Einheimische wie Touristen für das Thema sensibilisieren.

Die Gruppe, die hinter der Aktion "Alte Heimat für neue Bäume" gegen Behördenwillkür und Baumfäll-Wut steht, bekommt immer mehr Zulauf und will weiter an ihrem Thema dranbleiben. Sie hat insbesondere den baden-württembergischen Erlass (Geschützte Landschaftsbestandteile, gesetzlicher Schutz von Alleen) im Paragraphen 31 als bindende Ergänzung zu Paragraph 29 im Bundesnaturschutz-Gesetz im Blick. Diese neue Landes-rechtsvorschrift besagt in Abs. 4: "Die Beseitigung von Alleen sowie alle Maßnahmen, die zu deren Zerstörung führen können, sind verboten."

Bettina Maschke und ihr Ortsvorsteherkollege aus Waldhausen, Reiner Strehle, waren im Landratsamt Göppingen mit ihrer Bitte, wenigstens ein paar der Bäume an der alten Alleetrasse stehen zu lassen, trotz vieler fürsprechender Argumente erfolglos gewesen. Auch Oberbürgermeister Frank Dehmer plädierte vergeblich dafür, einige schöne Bäume an nicht verkehrsgefährdenden Stellen nicht auszugraben.

Der Pflanzabend klang am Grillfeuer aus, wo einige Helfer ihr Befremden darüber äußerten, dass ausgerechnet wenige Wochen bevor im Sommer 2015 das neue Landesgesetz gültig geworden war, die alten Weilemer Alleenbäume hatten "schnell entfernt werden müssen". Dagegen lässt die angekündigte Ersatzpflanzung auf einer Ausgleichsfläche bis heute auf sich warten.

Um die erfolgreiche Pflanzaktion zu feiern, soll es ein Pfingst-Birken-Blüten-Fest auf dem Wagrain geben. Die Wurzelmännchen hoffen auf viele Freunde von Baumalleen und darauf, das weitere Vorgehen gemeinsam absprechen zu können.

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