Tiefsinnige Abgründe beim Mann am Cello

Einen klugen Kabarettabend erlebte das Rätschepublikum in Geislingen. Matthias Deutschmann nahm es mit in die Abgründe seiner Gedankenwelt.

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Matthias Deutschmann hat im Geislinger Schlachthof sämtliche Register gezogen.  Foto: 

Er muss das Cello dabei haben. Es ist sein mentaler Rollator, auf den er sich stützt, er kommt damit vom Fleck und zur Not kann er bei einem Aufruhr im Publikum mit dem Cellostachel zumindest einen Angreifer aufhalten. Darüber müsste man kurz nachdenken. Aber Matthias Deutschmann ist schon mitten im nächsten Gedanken, in Syrien, bei den IS-Kriegern, der Rückkehr des Mittelalters und den Individualkreuzzügen gegen jeden, der anders glaubt.

Deutschmann und das Instrument nehmen am Samstagabend die Bühne im Geislinger Schlachthof ein - raumfüllend, mit großer Präsenz. Der Freiburger Kabarettist agiert nach alter Schule, lässt nur seine Worte wirken, die er mit tiefer, sonorer Stimme seinen Gästen anbietet: eindringlich, nie aufdringlich, im Halbdunkel und sie gelegentlich mit dem Bogen und einer angespielten Melodie kommentiert. Er bilanziert schonungslos und viele seiner bösen Pointen brauchen kurz bis sie zünden: "Manchmal verschlüssele ich sie, damit die NSA nicht in Echtzeit mitlachen kann."

Nein, natürlich will er in der Rätsche keinen neuen 30-jährigen Krieg entfachen. Aber die Protestanten im Publikum könnten sich trotzdem mal überlegen, ob sie nicht wieder zum rechten Glauben zurückkehren wollen. Sie sollten einfach mal Originalzitate Luthers lesen. Dagegen sei ein Text von Bushido ein langweiliger Furz aus einem hinterwäldlerischen Bambi-Hintern.

Wie soll das überhaupt in der Praxis aussehen, wenn alle Gläubigen die Hölle für die jeweils Andersgläubigen reserviert haben? Eine mit Kohlen beheizte rote Hölle mit einem kleinen Teufelsorchester für die Katholiken. Eine langweilige Öko-Hölle für die Protestanten, eine Döner-Spieß-Hölle für die Muslime und eine wunderbare Wellness-Hades-Hölle für die Griechen: Best hell on earth ever. Der Programmpunkt mit den einzigen Show-Effekten des Abends: Die Bühne des Schlachthofs in jeweils wechselndes Höllenlicht getaucht.

Eine Strategie zur finanziellen Rettung Griechenlands hat Deutschmann auch dabei. Die Griechen haben uns ja so viel gegeben - den Eid des Hypokrates, den Ödipuskomplex, das Feuer des Prometheus. Da kann man doch auch mal was zurückgeben und für jedes benutzte Wort griechischen Ursprungs 50 Cent bezahlen. Macht bei "Der Proktologe diagnostiziert ein Hämatom" schon ein Euro fünfzig.

"Kabarett muss provozieren", sagt Deutschmann. Und praktiziert das schonungslos und klug - durch sämtliche relevanten innen- und außenpolitischen Themen der vergangenen Jahre. Ja, das Baden-Württemberg-Gefühl ist wunderbar, findet der Freiburger. Alle Silben, die der Oettinger jemals verschluckt hat, bringt der Kretschmann jetzt in aller Langsamkeit wieder heraus. Er nimmt die Schlachthofgäste mit auf eine Bahnreise zu einer Demonstration gegen Stuttgart 21, indem sie als Wutbürger das Wort "Lügenpack" skandieren, das ist fast schon erotisch, findet er. In Freiburg habe man eher gehofft, dass in dem großen Loch, das man hier schaufelt, ganz Stuttgart verschwinden würde. Aber gut. "Wer die Wahrheit verkünden will, sollte sein Pferd gesattelt lassen", verabschiedet sich der Badener mit einem kaukasischen Reitersprichwort von seinen Gästen. Und einer großartigen Zugabe - mit Cello in der Hauptrolle.

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