Selbstironischer Blick in Pfarrerseelen

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Nimmt im Lutherjahr gekonnt sich selbst auf die Schippe: das Kirchenkabarett „Pfaffenpfeffer“ mit Dietmar Scheytt-Stövhase, Mechthild Friz, Walter Scheck, Carola Kittel und Klaus Steiner-Hilsenbeck (von links).  Foto: 

Großartiger Auftakt zum fünften Geislinger Kulturherbst: Die Rätsche ausverkauft, das Publikum bestens gelaunt, das Programm exakt am Thema – und zweieinhalb Stunden gepfefferte Unterhaltung. Besser hätte die Veranstaltungsreihe kaum beginnen können. „Tückisch, viehisch, teuflisch...! 500 Jahre Reformation und die spätmittelalterliche Frömmigkeit“ ist sie in diesem Jubiläumsjahr von Luthers Thesenanschlag überschrieben. Was also bot sich mehr an, als die Bühne fünf evangelischen „Pfaffen“ aus der Region zu überlassen, die sich und ihr Publikum fragen: „Außer Thesen nichts gewesen?“

 Carola Kittel, Walter Scheck, Dietmar Scheytt-Stövhase, Klaus Steiner-Hilsenbeck und Mechthild Friz machen unter dem Namen „Paffenpfeffer“ seit 2005 Kirchenkabarett, lassen ihr Publikum mit einer gehörigen Portion Selbst­ironie in ihre Pfarrerseelen blicken. Walter Scheck plaudert mit den Rätschegästen, gibt Wahl­empfehlungen, erzählt vom Kirchentag, macht zu Bibelzitaten gewagte Körperübungen auf dem Kirchentagshocker aus Pappe. Mechthild Friz hat als „Ritualdesignerin“ noch ganz anderes auf ihrem „Tableau“. Zur Taufe der kleinen Milla-Zoé schlägt sie wahlweise einen Festakt mit Äpfeln auf einer Streuobswiese in Schlat  oder das gemeinsame Verschiffen der Nabelschnur auf selbst gefalteten Papierbooten vor. Kostenpunkt: 500 Euro. Aber Kirche, Taufstein und Wasser kann ja jeder.

Begeistert war das Publikum von den Medleys und Gesangseinlagen der fünf, die der junge Pianist Matthis Hilsenbeck ebenso gekonnt wie gelassen begleitete. In einem Reigen huldigen die Pfarrer ihrem besten Freund, dem Talar („treuer als jede Gemeindeschar“) und verbraten Melodien von „Kein schöner Land“ bis „Mecky Messer“, von „Strangers in the Night“ bis „Wenn in Capri die Sonne im Meer versinkt“  sowohl für ihre protestantischen als auch ihre persönlichen Anliegen. So fragt auch Klaus Steiner-Hilsenbeck in einem mitreißenden Solo frei nach Herbert Grönemeyer: „Warum wird ein Mensch ein Pfaff?“

Ein amüsanter und hintersinniger Dialog entspannt sich zwischen einer herrlich trocken argumentierenden Carola Kittel und dem knitzen Walter Scheck um ein Denkmal für Katharina von Bora. Aber auch um die Institution des evangelischen Pfarrhauses und die Rolle der „Pfarrersfrau“, die früher ihrem Mann aufopferungsvoll den Rücken frei gehalten hat. Die Zeiten, als es mit ihr immer noch einen zweiten ehrenamtlichen Pfarrer am Ort gab, sind zwar vorbei. Aber ein Denkmal könne man ihr ja setzen. Verdient hätte sie es.

Zur Höchstform läuft das Pfarrerkabarett in einer komplizierten Kirchengemeinderats-Sitzung nach der Pause auf, geht es doch um nichts Geringeres als die Feier zum Reformationsjubiläum. Der eine will ein hochkarätiges Streichquartett, der nächste unbedingt Schnitzel und einer bloß die Katholiken ärgern. Die Vorsitzende von Aspik (dem Ausschuss für Schmuck und Pflanzen in der Kirche) gründet vorsichtshalber einen Arbeitskreis, während die Nächste sich für überhaupt nichts entscheiden kann – oder doch nicht?

Einen wunderbar ironischen Einblick in die Dilemmata des Pfarrerlebens gibt Dietmar Scheytt-Stövhase. Predigt man an gewöhnlichen Sonntagen oft vor so leeren Reihen, dass nicht einmal ein Kanon zustande kommt, weil eine Stimme fehlt, ist die Kirche beim Weihnachtsgottesdienst so brechend voll, dass man zwei Termine braucht. Allerdings: Für die Gottesdienstbesucher muss immer alles genauso sein wie früher. Unbedingt! Selbst wenn das den Einsatz von Schneekanonen erfordert.

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