Sekundenbruchteile erstarren

Momente, die mit dem bloßen Auge nicht wahrnehmbar sind, macht Martin Kögl zu grazilen Kunstwerken. Am Mittwoch wurde seine Ausstellung "Flüssige Skulpturen" im Kunstkabinett der WMF eröffnet.

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Schon vor knapp 20 Jahren hat der Denkendorfer Künstler Martin Kögl erstmals versucht, einen Moment einzufangen, der dem bloßen Auge sonst verschlossen bleibt: den Bruchteil einer Sekunde, in der ein Tropfen auf einer Wasseroberfläche oder glatten festen Oberfläche auftritt. Wenn es gelingt, diesen Bruchteil einer Sekunde auf einem Foto zu konservieren, erstarrt dieser dynamische Moment auf dem Bild zu einer faszinierenden Tropfenskulptur: zu Säulenund Fontänen, Wasserkronen und -schirmen, die aussehen wie elegante Glasbläsereien, psychedelische Wachsgebilde oder gewaltige Atompilze.

Doch die Möglichkeiten der analogen Fototechnik Mitte der 90er Jahre hinkten der Kreativität Kögls noch hinterher. "Die Zeit war noch nicht reif", erklärte der Künstler den gut 80 Vernissage-Besuchern, die zur Eröffnung der Ausstellung in die WMF-Fischhalle gekommen waren. Die Umsetzung der Idee war zu aufwendig, die Gestaltungsmöglichkeiten eingeschränkt. Das änderte sich erst 2012, als Kögl seine erste digitale Spiegelreflexkamera erwarb. Nun konnte er sofort anhand der ersten Ergebnisse erkennen, ob sein technischer Aufbau auch die gewünschten Resultate hervorbrachte oder weiteres Experimentieren und Kalibrieren der Ausrüstung nötig war. Denn um den "perfekten" Tropfenmoment einzufangen, muss sich der Fotograf darauf verlassen können, dass das diffizile Timing zwischen seinen Geräten und Utensilien funktioniert.

Kögl gab den Kunstinteressierten eine kurze Einführung über "Zutaten" und Techniken, die seinen Bildern zugrunde liegen. Aus einem mit Magnetventilen ausgestatteten Spender tropft Wasser in eine ebenfalls mit Flüssigkeit gefüllte Wanne. Den Moment des Aufpralls friert der Fotograf mit drei bis vier Blitzgeräten ein. Die Koordination zwischen diesen Faktoren und der Kamera regelt Kögl mit einem Mikrokontroller. Die faszinierende farbliche Gestaltung der Skulpturen erreicht der Künstler mit Blitzfiltern und mit Lebensmittelfarbe, die er dem Wasser hinzugibt.

Diese Grundtechnik hat Kögl inzwischen erweitert und perfektioniert: Besonders beeindruckend sind die Fotografien, in denen mehrere verschiedenfarbige Tropfen miteinander regelrecht zu agieren scheinen ohne miteinander zu verschmelzen. Die Bilder sind so ausdrucksstark, dass sie sofort die Fantasie des Betrachters anregen. Aus grünen und blauen Tropfen, die von der Wasseroberfläche wieder in die Höhe katapultiert werden, werden zwei Tänzer, die sich einander anmutig im Tango zuwenden.

Weitere Skulpturen erinnern an schwerelos im Wasser schwebende Quallen, andere scheinen regelrecht Funken zu sprühen und vermitteln einen wunderbaren Eindruck eines in der Bewegung erstarrten Augenblicks.

"Martin Kögl ist eine tolle Verbindung aus unterschiedlichen Welten gelungen", sagte Jörg Duwe, Leiter der Personalentwicklung der WMF, der die Vernissage eröffnete. "Aus Technik und Ästhetik, Realität und Fantasie, Einfachheit und Komplexität." Und noch eine weitere ungewöhnliche Verbindung machte die Ausstellung im Kunstkabinett möglich. Zwei kaufmännische Auszubildende der WMF, Julia Öhlschläger und Axel Riethmüller, traten als Kuratoren auf und organisierten die Ausstellung.

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