Sanierungsfall Altstadt

Schon ein kurzer Spaziergang offenbart es jedem: Die Geislinger Altstadt ist ein Sanierungsfall. Wertvolle Bausubstanz ist heruntergekommen, viele Häuser sind offenbar weder bewohnt noch bewohnbar.

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Ein Lehrgang der traurigen Art: Stadthistoriker Hartmut Gruber weist in Geislingens Oberer Stadt auf dem Weg von wenigen Metern rund um den Radplatz auf bauhistorische Schätze und deren oft erbärmlichen und erschreckenden Erhaltungszustand hin. Einige Beispiele.

Adlerstraße 20: Ein hervorragend restauriertes Fachwerkhaus, das seinesgleichen sucht. Das schiefe Haus, dessen beide Stockwerke auskragen, lehnt sich regelrecht an seine Nachbarn rechts und links an. Es ist, anders als die Gebäude der Umgebung, traufständig zur Straße hin ausgerichtet. Die Seitenfassade ist schmal, die Tiefe des Hauses dennoch recht beträchtlich. Dieses Gebäude ist sehr alt, zu sehen an dem noch gotischen Fachwerk (das später von der fränkischen Fachwerkbauweise abgelöst wurde). Es stammt laut Gruber aus dem 15. Jahrhundert und ist ein eingetragenes Kulturdenkmal. Eine Besonderheit ist die sogenannte Verplattung, die der Versteifung des Hauptfachwerks dient. Unterm Haus ist ein Gewölbekeller.

Adlerstraße 24: "Robert Kohn Hutmacher" steht in großen goldenen Großbuchstaben auf schwarzem Grund über der noch original erhaltenen Schaufensterfassade aus dem 19. Jahrhundert. Nun belegt das Erdgeschoss eine christliche Buchhandlung. "Ein Schatz, etwas Besonderes", schwärmt Gruber. Doch das Gebäude selbst ist in keinem gutem Zustand.

Hauptstraße 76: Ein stattlicher Bau. Das Erdgeschoss aus Tuffsteinen; darüber Holzfachwerk aus dem 15. Jahrhundert, das allerdings vom dreckigen, grauen Putz verdeckt wird; oben drauf ein Krüppelwalmdach. "Höchste Zeit, dass dieses Gebäude hergerichtet wird", mahnt Gruber.

Adlerstraße 30: Ein schönes Beispiel für ein Gebäude aus dem 19. Jahrhundert, das vollständig aus Tuffsteinmauerwerk besteht. Die knallroten Farbumrahmungen an Fenstern und Simsen sind allerdings gewöhnungsbedürftig.

Adlerstraße 23: Eines von mehreren Häusern, die verlassen und leer wirken. "Dieses Haus lebt nicht mehr. Sobald ein Gebäude nicht mehr bewohnt ist, ist es vollends dem Verfall preisgegeben", befürchtet Gruber. Erste Putzplatten haben sich schon gelöst. Das Haus steht unter Denkmalschutz

Hauptstraße 82: Der frühere Gasthof zum Rad ist ein unter Denkmalschutz stehender repräsentativer Bau, auf den Besucher zugingen, wenn sie durchs Ulmer Tor die Stadt betreten hatten. "Das war die Empfangszentrale der Stadt", erläutert Gruber die Funktion des Gebäudes mit dem hohen Dachstock. Offenbar ist es ebenfalls nicht mehr bewohnt. Seit Langem will es sein Besitzer herrichten - getan hat sich bislang nichts. Altes Holzfachwerk mit Auskragungen würden das Gebäude nach der Sanierung zu einem Schmuckstück machen, ist Gruber gewiss - allerdings müssten dann auch die derzeit "verheerenden Fenster" wieder gegen stilgerechte ausgetauscht werden.

Hauptstraße 86: "Eins der schlimmsten Gebäude", konstatiert Gruber. Das denkmalgeschützte Haus aus dem 18. Jahrhundert hat abgesetzte Ecken, Kalkbodenplatten, einen Fahnenhalter an der Wand, ein reizvolles Mansardendach. Doch ist das Dach schon eingedellt, bald dürften die ersten Dachplatten herabfallen. Unten springt der Verputz großflächig ab, das erste Geschoss erscheint verwaschen grün. Der Kamin raucht - kaum zu glauben, dass dieses Gebäude bewohnt ist.

Hauptstraße 94: Dieses wenig stilechte Gebäude mit nicht originalem Fachwerk aus dem 19. Jahrhundert ist seit Langem eingerüstet - ohne dass sich so recht sichtbar etwas tut. Das Besondere hier: Das Haus ist an seiner spitzen Ecke auf die frühere Stadtmauer gebaut, weshalb es unter Denkmalschutz steht. Daneben war das Ulmer Tor.

Hauptstraße 97 und 99: Die schmutzigen Fassaden wirken leblos. Eines der Häuser scheint unbewohnt. Weil beide auf der Stadtmauer stehen, sind sie denkmalgeschützt.

Hauptstraße 95: Die Fassade des hohen Gebäudes ist - im Wortsinn stillos - mit glatten eternitartigen Platten verkleidet. Da auf der Stadtmauer erbaut, steht das Haus dennoch unter Denkmalschutz.

Hauptstraße 81: Die Vorkragung des ersten Geschosses signalisiert, dass es sich bei dem kleinen, schmalen Gebäude um ein sehr altes Haus handelt. Das unter Denkmalschutz stehende Haus ist leer und zu verkaufen.

Hauptstraße 79: Das Haus scheint ebenfalls nicht bewohnt. Ein leicht angegilbt erscheinender Roter Punkt für eine Baufreigabe hängt aus. Die neumodischen, aber kahlen Fenster passen nicht. Wie oft in der Hauptstraße befanden sich im Parterre Ladengeschäfte - das war einmal, jetzt sind die Schaufenster mit Papier zugehängt.

Römerstraße 4: Ein hervorragend in den Originalfarben hergerichtetes Gebäude aus dem 19. Jahrhundert. Das ist der Verdienst eines Privateigentümers, der das Haus von der Stadt erworben hat. Prägnant sind an dem unter Denkmalschutz stehenden Bauwerk die in weißer Farbe von der dunkelgrünen Fassade abgesetzten Fenster, der Tuffstein im Erdgeschoss ist beige gestrichen, ein Balkon hat noch ein altes Eisengeländer. Die Dachkonstruktion, die leicht vorkragt, ist kunstvoll aufgesetzt.

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