Prozess um Eybacher Beziehungstat hat begonnen

Was geht in jemandem vor, der – um sich an seiner Ex-Freundin zu rächen – selbst vor Geiselnahme nicht zurückschreckt? Das versuchte das Landgericht zum Prozessbeginn im Fall der Eybacher Beziehungstat zu ergründen

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Ein Mann hält eine Frau drei Tage lang in deren Wohnung fest. Sie ist die Schwester seiner ehemaligen Lebensgefährtin. Und sie soll der Köder sein, um seine Exfreundin in die Wohnung zu locken. Dort will der Mann erzwingen, dass er die gemeinsame Tochter wieder sehen darf – aus seiner Sicht der einzige Weg, weil gegen ihn ein gerichtlich verfügtes Annäherungsverbot besteht. Zuvor hat er die Schwester mit einer fingierten Nachricht in den Keller des Hauses gelockt. Er schlägt und fesselt sie, schafft sie zurück in die Wohnung. Sie blutet am Kopf.

Als die Ex-Lebensgefährtin dort am dritten Tag auftaucht – auch sie mit einer fingierten Nachricht angelockt – bedroht er sie erst mit einer Armbrust, versucht dann, sie mit einem Schlagstock zu überwältigen, verletzt sie dabei ebenfalls am Kopf. Als die beiden Frauen voller Panik schreien, gibt er auf und flieht – nur um sich einige Stunden später der Polizei zu stellen.

Schwere Körperverletzung in zwei Fällen

Was treibt einen Menschen zu einer solchen Tat, die im konkreten Fall einem 28-jährigen Geislinger zur Last gelegt wird? Das versucht die 1. Große Strafkammer des Landgerichts in Ulm unter Vorsitz von Richter Thomas Keckeisen zum Prozessauftakt zu erkunden. Zugetragen hatte sich das alles in der Karwoche in Eybach. Der Vorwurf nun: Geiselnahme, versuchte Geiselnahme sowie gefährliche Körperverletzung in zwei Fällen.

Der Angeklagte räumt alle Vorwürfe ein. Er versucht, in einer vom Verteidiger verlesenen Erklärung darzustellen, wie es aus seiner Sicht zu dieser Tat kommen konnte, die er im Rückblick als „krank“ bezeichnet. Einer Tat, für die er sich bei beiden Frauen „entschuldigen will und hoffe, dass sie mir verzeihen.“

Die Zeit nach der Trennung im Juli 2013 beschreibt der Angeklagte als Zeit, in der er völlig abgerutscht war, „für mich ist damals alles zusammengebrochen“. Am schmerzlichsten sei der Verlust der gemeinsamen Tochter gewesen, „mein Ein und Alles im Leben“. Nach eigener Aussage verbrachte er viel Zeit in Spielhallen, trank viel und nahm Drogen, „alles, was ich bekommen konnte. Ich wollte einfach vergessen, was passiert ist“.

Mit Kokain die Skrupel ausgelöscht

Doch Aggression war ebenso ein ständiger Begleiter, später verstärkt durch die Drogen, „alles endete im Streit“, sagt der 28-Jährige. Grund für das im Herbst verhängte Annäherungsverbot war demnach ebenfalls Gewalt. Explizit genannt wird dies zwar nicht. Allerdings stellt sich heraus, dass der Angeklagte seine Ex-Lebensgefährtin schon einmal mit einem Messer bedroht hatte und sie darauf zur Polizei ging. Auf die Frage Keckeisens, „Sind Sie ein impulsiver Mensch?“, folgt eine klares „Ja“.

Nach zwei Verhandlungsstunden wird offenbart, dass der Trennungsschmerz irgendwann in Rachegelüste umgeschlagen ist: „Ich habe mir immer schlimmere Dinge vorgestellt“, erzählt der Angeklagte, betont jedoch schnell, dass er den Frauen nur Angst habe machen wollen. „Eine Plan gab es nicht, ich habe einfach gemacht, ohne darüber nachzudenken“, sagt er.

Anregungen, wie man Menschen einschüchtert, holte sich der 28-Jährige nach eigenen Angaben aus Filmen im Internet. Armbrust, Bombenattrappe, Säure, Schreckschuss-Pistole - sein ganzes Arsenal, das er bei der Geiselnahme dabei hatte, geht demnach auf diese Filme zurück. „Immer wenn ich was gesehen habe, habe ich es mir gekauft“, sagt er. Mit Kokain hatte er dann bei der Tatvorbereitung seine letzten Skrupel ausgeschaltet – um das „unangenehme Gefühl zu bekämpfen“.

Die Tochter als einzige Verbindung

Die Eskalation im April sieht der Angeklagte als Ende einer Entwicklung, die nach der Geburt der Tochter 2008 begann. Seine Partnerin habe seitdem jegliche körperlich Nähe zu ihm abgelehnt. Dadurch fühlte er sich als Mann herabgesetzt. Seine Reaktion: es ihr mit gleichen Mitteln heimzahlen. „Was sie gut gefunden hat, habe ich nur noch kritisiert. Wenn sie zum Beispiel etwas gekocht hat, habe ich gesagt, ich mag das nicht – selbst wenn es mir geschmeckt hat.“

Das einzige Verbindende war schließlich die Tochter. Und selbst die war immer wieder Mittel zum Zweck.„Ich hatte einen viel besseren Draht zu ihr, als ihre Mutter“, sagt der Angeklagte. Die Zuneigung zur Tochter zu zeigen, sollte die Mutter verletzen, wie der Beisitzende Richter Peter Philipp konstatiert: „Sie haben so gezeigt, dass Sie zärtlich sein können, wenn Sie es wollen. Nur: Sie haben ebenso ein Problem, wenn andere nicht das tun, was Sie wollen.“

Der Prozess am Landgericht wird am 13. Oktober fortgesetzt.

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Themenschwerpunkt

Geiselnahme

Ein junger Mann aus Geislingen muss sich vor der 1. Großen Strafkammer des Landgerichts Ulm verantworten. Ihm wird vorgeworfen, die Schwester seiner ehemaligen Lebensgefährtin gefangen gehalten zu haben, um sich an ihr für die Trennung zu rächen. Nun muss er sich wegen des Vorwurfs der Geiselnahme verantworten.

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