Pickel und Schaufel haben ausgedient

Ein weltweit einmaliges archäologisches Forschungsprojekt läuft derzeit auf der Stubersheimer Alb. Dazu gab es jetzt erste Ergebnisse und einen Ausblick.

|

In der Schalkstetter Mehrzweckhalle wurde die bis dato weitgehend unerforschte Geschichte der Stubersheimer Alb lebendig. Dies hatten die gut 100 Zuhörer Wolfgang Neubauer, Direktor des Ludwig Boltzmann Instituts für archäologische Prospektion und virtuelle Archäologie, seiner Mitarbeiterin Karolin Kastowsky-Priglinger sowie Dr. Rainer Schreg vom Römisch-Germanischen Zentralmuseum aus Mainz zu verdanken. Die Wissenschaftler stellten erste Ergebnisse der im Jahr 2011 begonnenen Untersuchungen rund um die Ortschaften Bräunisheim, Stubersheim, Schalkstetten und Waldhausen vor und sprachen über die neuen Messungen, die in wenigen Wochen beginnen werden. Hacke, Pickel und Schaufel als archäologisches Handwerkszeug haben dabei längst ausgedient. Neubauer betonte, dass es durch modernste Methoden möglich ist, zerstörungsfrei in den Boden zu blicken.

Zu den ältesten zerstörungsfreien Methoden gehört die Luftbildarchäologie, die heute durch noch modernere Technik ergänzt wird. Durch die systematische Erkundung der Erdoberfläche aus luftiger Höhe werden Strukturen sichtbar. "Wälder werden durchleuchtet, Bäume weggefiltert und so Veränderungen am Boden ans Licht gebracht", erläuterte Neubauer. Erhebungen von nur zehn Zentimetern würden so sichtbar. Grabhügel mitten im Wald oder Gruben, in denen einst Flachs geröstet wurde, seien mit der Luftbildarchäologie gefunden worden.

Die Magnetik- und Bodenradarmessung, die in wenigen Wochen mit Erlaubnis der Grundstückseigentümer auf Wiesen und Feldern der Stubersheimer Alb beginnt, ermöglicht zudem den Blick unter die Erde. Dabei zieht ein Quad mit einer Geschwindigkeit von bis zu 30 Stundenkilometern einen mit Sensoren und Messgeräten ausgestatteten Anhänger. Geringste Abweichungen im Erdmagnetfeld werden gemessen, die geografische Lage der einzelnen Messpunkte wird exakt bestimmt. Anomalien im Magnetfeld entstehen durch magnetisch angereichertes Material in Gruben, Pfostenlöchern oder Gräben oder durch Feuerstellen und Ziegelsteine, was Rückschlüsse auf Besiedlungen zulässt.

Die Radarmessung gleicht einem Echolot: Ein elektromagnetisches Signal wird mehrere Meter in den Untergrund geschickt und reflektiert an Steinen, Schutt und Mauerresten. Mittels GPS wird der jeweilige Fundort genau bestimmt.

Ein grafisches Informationssystem verarbeitet die Fülle der gesammelten Daten und liefert ein dreidimensionales Bild dessen, was im Boden verborgen ist.

Die moderne Rekonstruktion der Vergangenheit ist nach Neubauers Worten nicht nur zerstörungsfrei sondern spart auch Geld und Zeit. "Zwei Tage messen ersetzen sieben Monate graben", machte er klar. Ohnehin sei eine großflächige Untersuchung des Untergrunds auf der Stubersheimer Alb auf herkömmliche Weise gar nicht möglich. Ohne die modernen Methoden wären die beiden mittelalterlichen Dörfer Dietlinsweiler und Wohlgradweiler nahe Waldhausen genauso unentdeckt geblieben wie ein römischer Gutshof bei Bräunisheim.

Rainer Schreg, der aus dem Kreis Göppingen stammt und die Stubersheimer Alb so gut kennt wie seine Westentasche, ist sich sicher, dass in diesem archäologisch hochinteressanten Gebiet mindestens sieben Siedlungen aus dem Mittelalter darauf warten, entdeckt zu werden.

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo