Peter Brandt liest in der Geislinger Rätsche aus seinem Buch „Mit anderen Augen“

Wie sieht ein Sohn seine Vater – vor allem wenn der einer der größten Politiker Deutschlands war? Peter Brandt, Sohn Willy Brandts, gab davon Zeugnis.

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    Peter Brandt zeichnet bei der Lesung in der Rätsche ein sehr dezidiertes Bild seines Vaters Willy Brandt. Foto: 
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Unter dem Signum „Die SPD – mal so gesehen. . .“ war Peter, ältester Sohn von Willy Brandt, am Sonntag in die Geislinger Rätsche gekommen, um in glaubhafter Weise Auskunft zu geben über seinen Vater.

Nach der Begrüßung durch die SPD-Kreisvorsitzende Sabrina Hartmann stellte der Landtagsabgeordnete Sascha Binder den in die Rätsche gekommenen Gast Peter Brandt vor. Er ging dabei nicht auf die akademischen Meriten ein, die sich der Professor i. R. für Neuere und Neueste Geschichte an der Fernuniversität in Hagen erworben hat, sondern wählte einen Aspekt aus dessen Jugendjahren. Der heute 68-Jährige hatte nämlich in der Verfilmung des Romans „Katz und Maus“ von Günter Grass eine Hauptrolle gespielt, und dass das im Haus des damaligen Bundesaußenministers nicht ohne größere Debatten abgehen konnte, versteht sich von selbst.

Peter Brandt, der sich selbst als marxistisch geschulten Linken bezeichnete, las zunächst einige Sequenzen aus seinem Buch „Mit anderen Augen: Versuch über den Politiker und Privatmann Willy Brandt“. Die Stationen – Willy im Abituraufsatz, als Emigrant und politischer Aktivist in Norwegen, als Regierender Bürgermeister Westberlins, als Außenminister und als Elder Statesman – waren klug gewählt, um ein Bild zu gewinnen von der außergewöhnlichen Politiker-Persönlichkeit, die stets auf der Suche war nach einer Balance zwischen dem Durchsetzungswillen für das als richtig Erkannte und dem Blick fürs große Ganze.

In der Fragerunde wurde auch nach dem Familienmenschen Brandt geforscht. Ein solcher, meinte der Sohn, sei dieser nicht gerade gewesen. Vaterlos aufgewachsen und früh mit Verantwortung betraut, vermochte Willy Brandt kaum Nestwärme zu vermitteln, was freilich auch der Beanspruchung durch seine Ämter geschuldet war. Als Gesprächspartner fühlte der Sohn sich aber immer ernst genommen, auch wenn die (politischen) Meinungen einmal weit auseinanderlagen. Und sollten sich Maßnahmen oder Entscheidungen im Nachhinein als prekär oder falsch erwiesen haben – etwa der Radikalenerlass 1972 –, so konnte Willy unumwunden zugeben, einen Fehler gemacht zu haben.

Beim Darlegen seiner Einschätzungen wirkte Peter Brandt fast skrupulös bedächtig, um nur ja ein vorschnelles Urteil zu vermeiden. Das erinnerte sehr an den Vater, der ebenfalls mit äußerstem Bedacht zu formulieren pflegte. Man nahm dem Gast jedenfalls gerne ab, dass das von ihm vermittelte Bild Willy Brandts fair und mit der gebotenen Sachlichkeit gezeichnet wurde.

Willy Brandt: Ein Leben als deutscher Politiker

Staatsmann Willy Brandt (geboren 1913 in Lübeck als Herbert Ernst Karl Frahm, gestorben 1992 in Unkel am Rhein) war von 1969 bis 1974 Regierungschef der sozialliberalen Koalition von SPD und FDP. Er war zusammen mit Egon Bahr, zwischen 1972 und 1974 Bundesminister für besondere Aufgaben, Vater der neuen Ostpolitik, das heißt, einer auf Ausgleich bedachten Politik mit den osteuropäischen Staaten, die in der Zeit des Kalten Kriegs zum Warschauer Pakt gehörten. Mit der DDR, der Sowjetunion, Polen und der damaligen Tschechoslowakei schloss die Bundesrepublik zwischen 1970 und 1973 mehrere Verträge, in denen sich die Staaten in erster Linie des gegenseitigen Gewaltverzichts versicherten. 1974 trat Brandt wegen der Guillaume-Affäre als Kanzler zurück. Günter Guillaume, einer der engsten Mitarbeiter Brandts, hatte sich als DDR-Spion entpuppt. 1972 hatte er noch knapp ein von Oppositionsführer Rainer Barzel (CDU) initiertes Misstrauensvotum überstanden: Die Stasi hatte zwei Unionsabgeordnete bestochen, die zwei Stimmen fehlten zur Mehrheit gegen Brandt.

Vor seiner Zeit als Regierungschef war der Friedensnobelpreisträger (1971) von 1966 bis 1969 Außenminister und Vizekanzler in der Großen Koalition aus CDU und SPD gewesen, von 1957 bis 1966 Regierender Bürgermeister von Berlin.

Name Seinen Namen Willy Brandt hatte er sich 1933 als Kampfnamen im Widerstand gegen die Nationalsozialisten selbst gegeben. Seinerzeit war Brandt Mitglied der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands (der SPD hatte er zuvor nach nur einem Jahr den Rücken gekehrt). Im selben Jahr emigrierte er über Dänemark nach Norwegen. 1949 floh er erneut vor den Nazis, die Norwegen besetzt hatten, nach Schweden, erhielt dort die norwegische Staatsbürgerschaft. 1945 kehrte er als Zeitungskorrespondent nach Deutschland zurück. 1948 wurde er wieder deutscher Staatsbürger, behielt aber seinen Decknamen, den er sich 1949 als offiziellen Namen anerkennen ließ. Noch in Schweden trat er 1944 wieder der SPD bei („Landesgruppe Deutscher Sozialdemokraten“).

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