Mit Vollgas auf die Datenautobahn

Im Rennen um die digitale Vernetzung will die Geislinger Spedition Wiedmann & Winz im Jahr ihres 75-jährigen Bestehens richtig Gas geben.

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Wenn es um die digitale Vernetzung von Lastwagen geht, ist Dr. Micha Lege längst ein alter Hase. Der Geschäftsführer der Geislinger Spedition Wiedmann & Winz leistete Pionierarbeit, als sich Daimler vor 18 Jahren daran machte, sein Telematik-System FleetBoard zu entwickeln. Die Geislinger Spedition, die dieses Jahr ihr 75-jähriges Bestehen feiert, stand als Pilotkunde mit Rat und Tat zur Seite. Lkw-Flotten so übers Internet zu steuern, dass sie möglichst wirtschaftlich und effektiv unterwegs sind, galt damals als revolutionär. Heute ist es nur noch eine Frage von Jahren, bis der selbstfahrende Lkw die Fahrer entlastet, da ist man sich an der Spitze des Geislinger Unternehmens mit 200 Mitarbeitern an acht Standorten - unter anderem in Geislingen, Eislingen und Donzdorf - und einem konsolidierten Jahresumsatz von 30 Millionen Euro einig. Geschäftsführer Lege weiß, von was er spricht. Er war schon mal an Bord eines autonomen Freightliners und zeigt sich beeindruckt: "Es war durchaus gewöhnungsbedürftig, dass sich das Lenkrad wie von Geisterhand bewegte, während sich der Fahrer entspannt mit seinem Sitz in meine Richtung drehte, um mit mir zu sprechen". Der Geschäftsführer geht davon aus, dass so etwas spätestens 2022 auf den deutschen Autobahnen Normalität sein wird. Daimler setzt bei seinen technologischen Entwicklungen auf die Tipps der Praktiker - gerade auch der aus Geislingen. Wiedmann & Winz fungiert als Sparringspartner, wenn es darum geht, neue digitale Konzepte auf ihre Praxistauglichkeit abzuklopfen. Als das weltweite Management von Daimler Trucks auf einer Konferenz in den USA unlängst Möglichkeiten der vernetzten Mobilität diskutierte, war der Geschäftsführer als einziger europäischer Spediteur eingeladen und zwar von Truck Chef Dr. Wolfgang Bernhard persönlich. Lege sollte im Rahmen eines Vortrags aus Kundensicht Impulse für die weitere Entwicklung in Sachen digitaler Vernetzung geben.

Die Bilanz der Zusammenarbeit mit FleedBoard, einem Tochterunternehmen von Daimler, das die gleichnamige Soft- und Hardware für die Trucks produziert, fällt positiv aus. So konnte beispielsweise der Verbrauch der Flotte mit 150 Nutzfahrzeugen, die Wiedmann und Winz in ganz Europa im Einsatz hat, um zehn Prozent gesenkt werden. Das Management aller Logistikprozesse läuft komplett über das Internet und hilft die Betriebskosten zu senken.

"Nichts dem Zufall überlassen", so beschreibt der Geschäftsführer das Erfolgsgeheimnis der Geislinger Spedition, die im Jahre ihres 75-jährigen Bestehens "zusammen mit Daimler die nächste Stufe der digitalen Rakete zünden will". Konkret geht es darum, die Auslastung der Lkw zu verbessern, Leerfahrten zu vermeiden sowie den Verschleiß zu senken. Alle an der Logistik Beteiligten sollen vernetzt werden: Zentrale, Lkw, Infrastruktur, Kunden und noch viele mehr. Wartezeiten sollen vermieden werden.

Ähnlich der Maschinen in der Produktion, sollten Lkws möglichst 24 Stunden am Tag unterwegs sein. Das ist die Idealvorstellung. Zukünftig sollen Lkw auch mit digitalen Frachtenbörsen kommunizieren, die wiederum die Speditionen mit Aufträgen versorgen. Sie werden sofort informiert, wenn auf einer ihrer Strecken zusätzliche Ladung bereitsteht. In Echtzeit werden Infos des Beladungszustands, die Verkehrslage, Wartezeiten an den Rampen, freie Plätze auf den Raststätten oder der technische Zustand des Trucks weitergegeben. Der Lkw wird so zum Datenknoten des Logistik-Netzwerks.

Schon heute ist der Informationsfluss enorm: Wie effektiv geht der Fahrer mit dem Fahrzeug um? Wie wirkt sich das auf den Spritverbrauch aus? Hält er die vorgeschriebenen Lenk- und Ruhezeiten ein und nutzt er sie optimal? Gibt es Probleme mit der Technik? Für die Disponenten, die sich in Geislingen um den optimalen Fahrzeugeinsatz kümmern, sind das längst keine Geheimnisse mehr. Der Lkw selbst sendet ihnen diese Informationen und sorgt im Falle von Auffälligkeiten für eine Nachschulung durch einen eigens angestellten Fahrlehrer oder eine schnelle Reparatur. "In unserem Truckservice-Center können unsere Techniker online erkennen, welche Fehler im Lkw auftreten und so Probleme schneller beheben, bevor es unter Umständen zu einem Fahrzeugstillstand kommt", berichtet Lege. Selbst eine "Online-Heilung" von Fahrzeugen sei in absehbarer Zeit durchaus denkbar, so der Geschäftsführer.

Kritikern, die bemängeln, dass bei dieser Art der totalen digitalen Vernetzung der Datenschutz komplett auf der Strecke bleibe, hält der Geschäftsführer die wenig attraktive Alternative entgegen: "Das ist kein Überwachungsinstrument, sondern ein Instrument, um im knallharten europäischen Wettbewerb Arbeitsplätze zu sichern." Es gehe nicht um den gläsernen Fahrer, vielmehr erhoffe man sich von diesen Daten eine sehr viel höhere Planungsqualität von der Be- bis zur Entladestelle. Lege: "Das betrifft zum Beispiel auch die optimale Fahrpause, den optimalen Tankpunkt auf der Strecke oder den noch effizienteren Umgang mit kurzfristig auftretenden Verkehrsstörungen." Ein genaues Controlling sei für die Transparenz im Speditionsgeschäft mit wenigen regelmäßigen Abläufen entscheidend.

Auch beim Thema autonomer Lkw will Wiedmann & Winz nach eigenen Angaben ganz vorn mit dabei sein, wenn Daimler seine Systeme mit Anwendern testet. Die größten Vorteile für einen Transportdienstleister seien dabei die Erhöhung der Fahrsicherheit auf der Straße und beim Rangieren auf dem Hof, der wirtschaftlichere, weil verbrauchsärmere Betrieb der Lastwagen oder längere Fahrzeiten und damit die bessere Nutzung der Kapazitäten, weil der Fahrer auf der Strecke entlastet werden könne. Geschäftsführer Micha Lege fasst die Zukunft so zusammen: "Wir wollen aus Stehzeugen Fahrzeuge machen."

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