Martin Schulz, der Mann mit Kante

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Seit dem Ende der Ära Gerhard Schröder mangelte es der SPD vor allem an einem: charismatischen Kanzlerkandidaten. Weder mit Frank-Walter Steinmeier noch mit Peer Steinbrück gelang der SPD der große Wurf, im Gegenteil: Mit 23 Prozent (2009) und 25,7 Prozent (2013) fuhren die Genossen die schlechtesten Ergebnisse in der Geschichte der Bundesrepublik ein. In diesen Niederungen hatte sich die SPD zuletzt 1949 (29,2 Prozent) und 1953 (28,8 Prozent) bewegt.

Nun aber haben die Genossen ihren Hoffnungsträger, der die Partei wieder zum politischen Schwergewicht formen soll. Martin Schulz, 61 Jahre alt, überzeugter Europäer und Verfechter einer sozialen Gerechtigkeit, die Schröder einst mit er Agenda 2010 arg beschnitten hatte. Lohngerechtigkeit, sichere Renten, bezahlbare Mieten oder gebührenfreie Bildung vom Kindergarten bis zum Studium: Das sind Schulz Kernthemen, mit denen er die Genossen mobilisiert und mitreißt. Eine 100-prozentige Zustimmung bei der Wahl zum Bundesvorsitzenden ist sichtbares Zeichen dieser Euphorie.

Doch wie lässt sich dieser neudeutsch Hype erklären? „Martin Schulz ist einer der mit einer klaren Sprache und einem Gefühl für die Sorgen der Menschen Politik macht. Er eint die Partei wie kaum jemand vor ihm und entfacht eine Euphorie wie es die SPD wohl seit Willy Brandt nicht erlebt hat“, sagt der Geislinger SPD-Landtagsabgeordnete Sascha Binder: „Allein 13 000 Menschen sind seit der Bekanntgabe des Kanzlerkandidaten Martin Schulz in die SPD eingetreten.“

Auch die Göppinger SPD-Bundestagsabgeordnete Heike Baehrens sieht in Schulz die große Chance für die Sozialdemokratie: „Es gibt viele Gründe, warum Martin Schulz überzeugt: seine Persönlichkeit, seine politische Haltung, sein Lebensweg. Vor allem aber steht er für einen Aufbruch, den sich viele Menschen wünschen“, sagt Baehrens. „Ich finde es gut, dass es in Martin Schulz einen so klar pro-europäischen Politiker auf Bundesebene gibt“, betont die Parlamentarierin. In Zeiten von Brexit und wachsendem Nationalismus verkörpere er für viele die Hoffnung auf ein stärkeres und besseres Europa.

In der Tat nähren die aktuellen Umfragewerte die Hoffnung, dass die SPD verlorenen politischen Kredit zurückgewinnt. Aktuell liegt sie bei 31 Prozent und damit fast gleichauf mit der CDU. Wie aber schaffen es die Genossen, dieses Euphorie bis zur Bundestagswahl am 24. September am Köcheln zu halten? Ist so gar nicht nötig, sagt Baehrens: „Die aktuelle Begeisterung tut uns als SPD gut. Aber so ein Ausnahmegefühl zu erhalten, ist nicht das Ziel“, betont sie: „Viel wichtiger ist, dass uns die Menschen wieder zutrauen, dass wir als SPD Dinge anpacken und ändern können, dass wir unsere Politik konsequent an unseren Grundwerten ausrichten.“ Darum sei es gut, dass Martin Schulz das Thema soziale Gerechtigkeit in den Mittelpunkt stelle.

Ganz ähnlich sieht es  Binder: „Die aktuelle Euphorie haben wir in unserer Partei vor allem als zusätzlichen Motivationsschub für den Wahlkampf aufgenommen“, sagt er. „Wir wollen gemeinsam dafür sorgen, dass mehr Menschen von den Erfolgen unseres Landes profitieren, dass mehr Menschen Europa wieder als Chance begreifen und dass noch mehr Menschen für unsere Demokratie die Stimme erheben.“ Daher dürfe die aktuelle Euphorie kein Ruhekissen sein oder gar ein Grund abzuheben.

Bleibt dennoch die Frage: Reicht Schulz‘ Rückbesinnung, um gegen den Stimmenschwund zu punkten? „Wie den Umfragen zu entnehmen ist, gelingt es Martin Schulz, Nichtwähler und Wähler, die sich von uns abgewendet haben und unter anderem zur AfD gegangen sind, wieder an die SPD zu binden“, sagt Binder: „Unserem Land geht es wirtschaftlich gut, trotzdem haben die Menschen das Gefühl, dass es nicht gerecht zugeht. Genau diese Ängste nimmt Martin Schulz auf.“

Für Baehrens ist klar: Schulz gehe es nicht um die Rolle rückwärts, „sondern darum, Zukunft zu gestalten“. Laut Baehrens eine Zukunft in Freiheit und Frieden, in der alle Menschen Respekt und Anerkennung erfahren. „Das werden wir auch im Wahlkampf glaubhaft vertreten können – und uns damit auch stark gegen jene abgrenzen, die Ängste schüren und die Illusion vertreten, auf komplexe Fragen einfache Antworten geben zu können.“

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