Mäuse sind die Delikatesse

Herrschen die Großen und Starken über die Armen, Schwachen und Kleinen? Ein Irrtum, zumindest in der Natur. Dort ists genau umgekehrt: Nur das kleine Getier ermöglicht den Großen das Überleben.

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Große Vögel verspeisen kleine Tiere - und sind somit auf sie angewiesen. Insbesondere Feldmäuse gelten als Delikatesse. Geht deren Population zurück, tun sich auch Turmfalken, Habichte und Falken beim Überleben schwer. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, brüten heute in Deutschland 16 Greifvogelarten. Im Kreis Göppingen sind es Rot- und Schwarzmilan, Mäuse- und Wespenbussard, Habicht und Sperber sowie Wander-, Turm- und Baumfalke. In der Zugzeit können weitere Arten beobachtet werden.

Früher machte man es sich einfacher: Landläufig unterschied man meist nur der Größe nach zwischen "Hennavögel" (die freilaufende Haushühner holten) oder gar dem "Geier" (Kinderschreck der Alpen) und den kleineren "Taubastößl", die man auch nicht dulden wollte.

Nur wenige Leute konnten die Arten unterscheiden - aber das war egal, galten diese großen Vögel doch alle als "Raubvögel". Europaweit, insbesondere aber in Deutschland, lösten im 18. und 19. Jahrhundert staatliche Abschussprämien regelrechte Vernichtungsorgien aus. Man wollte eben das Land von den "Schädlingen" befreien.

Die Lage wurde rasch unübersichtlich. Fast überall waren die großen Geier- und Adlerarten restlos ausgerottet. Milane, Weihen und Wanderfalken nahezu ganz.

Lediglich die häufigeren Arten wie Mäusebussarde, Turmfalken, Sperber und einige Habichte, überlebten. Vor etwa 100 Jahren setzten sich dann die Naturschützer mit ihren Forderungen nach Schutzgesetzen nach und nach durch. Der Bund für Vogelschutz (heute: Naturschutzbund Deutschland, abgekürzt Nabu) zahlte sogar Schonprämien für erfolgreiche Bruten.

Erst 1934 kam mit den neuen Reichsnaturschutz- und Jagdgesetzen der positive Durchbruch. Ab da waren - mit wenigen Ausnahmen - auch alle Greifvogelarten ganzjährig gesetzlich geschützt. Aber leider hat sich noch längst nicht bei allen Menschen die Einsicht zum Schutz der Greifvögel durchgesetzt.

Heute kann man hierzulande fast überall etwa fünf häufigere Arten beobachten: Den größten Anteil daran haben die am Straßenrand sitzenden Mäusebussarde (Spannweite: 1,25 Meter). An zweiter Stelle folgen die oft in der Luft "rüttelnden" viel kleineren Turmfalken und an dritter die plötzlich jagend auftretenden Sperber. Der große segelnde Rotmilan (Spannweite: 1,60 Meter) ist hingegen nicht so oft zu sehen. Alle anderen Arten tauchen in der Bilanz nicht nur wegen ihrer Seltenheit sondern wegen ihrer versteckten Lebensweise mit nur geringer Zahl auf (darunter Habichte).

In den Alpen begegnet man Steinadlern, in Mecklenburg den See- oder Fischadlern, an Feldern den Wanderfalken. Sichtungen hängen vom Zufall ab - und von der Kenntnis über Ansprüche, Lebensweise und Nahrung der einzelnen Arten. Milane sind ausdauernde Suchflieger über der freien Landschaft, jagen Mäuse oder andere Kleinsäuger sowie geschwächte und verletzte Vögel, aber auch Amphibien, Würmer, Heuschrecken und Aas jeglicher Art, am Straßenrand und teilweise mehrere Kilometer vom Horst entfernt. Mäusebussarde bevorzugen Ähnliches, am liebsten jedoch Feldmäuse. Diese großen "Flieger" haben allerdings viel kleinere Reviere, kreisen oft und sitzen gerne auf Masten und Einzelbäumen.

Noch viel stärker sind Turmfalken auf Feldmäuse spezialisiert, jagen auch größere Insekten; eher seltener verletzte Kleinvögel.

Habichte sind "kühn", vielseitig, leistungsstark und jagen sowohl im Wald als auch außerhalb; an Dorf- und Stadträndern besonders auch Ratten. Habichte verspeisen Mäuse, Eichhörnchen und Junghasen, aber auch Vögel wie Drossel, Häher, Elster, Tauben und Krähen. Diese werden fliegend und sitzend geschlagen. Sperber und Wanderfalken jagen fast ausschließlich Vögel. Der Sperber bevorzugt dabei Kleinvögel (bis Drosselgröße) auch in Gärten und Parkanlagen. Der wesentlich größere Falke macht nur fliegend Beute.

Je vielseitiger ein Greifvogel ist, desto besser übersteht er Nahrungsschwankungen. Der Bruterfolg von Milanen, Habichten und vogeljagenden Wanderfalken sowie Sperbern hängt hauptsächlich von störungsarmen Revieren und erträglicher (nicht zu nasskalter) Witterung ab.

Die einseitig auf Feldmäuse spezialisierten Mäusebussarde und Turmfalken dagegen sind - wie auch Wiesel, Wald- und Rauhfußkauz, Waldohr-, Sumpfohr- und Schleiereule - extrem von Mäusen abhängig. Und deren Angebot schwankt stark.

Genau wie es Obst-, Beeren-, Nuss- oder (früher jedenfalls) Maikäferjahre gibt, gibt es auch "Mäusejahre". Feldmäuse unterliegen dabei einem Intervall von drei bis fünf Jahren (durchschnittlich also vier).

Doch es ist nicht in erster Linie die Witterung, die die Mäusepopulation beeinflusst. Viel wichtiger sind Faktoren wie die Anzahl trockener Gänge und Löcher und deren Nahrung, Siedlungsdichte, Stress und Seuchen.

Vereinfacht dargestellt: Im ersten Jahr kann sich jede der wenigen überlebenden Mäusefamilien die besten Plätze auswählen. Keine ist gezwungen, ungünstige Mulden zu besiedeln, die bei Regen überschwemmt werden. Jedes Paar bekommt bis zu achtmal Nachwuchs - mit jeweils zehn Jungen; theoretisch also 80 pro Jahr. Hinzu kommt noch, dass Feldmäuse bereits nach sechs Wochen fortpflanzungsfähig sind. Selbst bei sehr hohen Verlusten nimmt ihre Zahl im Folgejahr deutlich zu, im dritten und vierten noch viel mehr dann aber, wenn überall auf Wiesen und Rainen die vielen Mausgänge auffallen, wird der Gipfel erreicht - so geschehen 2012. Der Mausbestand ist im Vergleich zum ersten Jahr ums Hundertfache gewachsen. Paradiesische Zustände für alle Mäusefresser, die einen reichlich gedeckten Tisch vorfinden. Die Folge: Es wandern weitere Brutpaare von außerhalb zu. Alle Bussarde und Turmfalken sind in bester Verfassung, legen mehr Eier, die alle befruchtet sind. Die Futtersuche geht rasch, so dass die Vögel ihr Nest nicht lange verlassen müssen. Somit kommt es bei der Brut kaum zu Ausfällen.

Jedes Bussardpaar zieht drei bis vier Junge auf, der Turmfalke fünf bis sieben. Alle fliegen aus, keines verhungert. Natürlich fressen sie viele Mäuse (fünf bis sieben pro Tag), doch damit wird das Millionenheer der Nager nicht allzu dezimiert.

Den Mäusen wird viel mehr ihre eigene "Überbevölkerung" zum Verhängnis: Nach etwa vier Jahren ist die Siedlungsdichte derart hoch dass ihnen Nahrung fehlt und Seuchen ausbrechen. Innerhalb weniger Wochen kommt der totale Zusammenbruch, nahezu unabhängig von der Witterung. Dieser Zustand ist in diesem Sommer erreicht. .

Das Angebot für Mäusefresser wird spärlicher. Wer von ihnen überleben will, muss sich anpassen. Viele Greifvögel wandern ab, manche Paare brüten nicht, legen wenige, oft sogar unbefruchtete Eier. Es schlüpfen viel weniger Junge und davon verhungern viele schon im Horst. Ein Musterbeispiel dafür, wie die Natur sich selbst reguliert.

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