Liebe digital - in echt

Internet, Smartphones, Soziale Netzwerke verändern unser Leben rasant. Auch unsere Beziehungen. Ein Paar, das räumlich getrennt voneinander lebt, erzählt, wie es digital die Distanz überbrückt.

|
Vorherige Inhalte
  • Liebesbotschaft per Smartphone - heute ganz normal. In echt! 1/2
    Liebesbotschaft per Smartphone - heute ganz normal. In echt!
  • 2/2
Nächste Inhalte

Marie und Paul sind ein Paar. In den eineinhalb Jahren, seit sie zusammen sind, waren sie noch nie getrennt, obwohl sie beide nicht räumlich zusammenleben. Paul (46) wohnt in München, Marie (38) in Geislingen. Die Wochenenden verbringen sie gemeinsam, einmal unter der Woche besuchen sie sich gegenseitig. Doch das ist den beiden viel zu wenig. Paul und Marie nutzen daher viele Kommunikationsmöglichkeiten, um sich immer nahe zu sein und ihre Termine abzustimmen.

Auf ihren Rechnern zu Hause und an den Smartphones unterwegs überbrücken die beiden die Distanz auf Plattformen wie Facebook oder mit Smartphone-Applikationen wie Messenger oder WhatsApp. Lange Telefonate oder Unterhaltungen über Skype oder Facetime führen sie nicht. "Skype haben wir einmal versucht, aber wir fanden es irgendwie gruselig, den jeweils anderen fahl vom Bildschirm beleuchtet und immer ein bisschen zeitverzögert reden zu sehen", erzählt Marie. Die beiden schreiben lieber. "Was man am Telefon erzählt, vergisst man so schnell wieder", sagt Paul. Die Gespräche im Chat oder bei WhatsApp sind archiviert, chronologisch geordnet und jeder kann die Dialoge nachlesen. Das gefällt vor allem Paul gut: "Besonders, wenn der andere einmal für einige Stunden keine Zeit hat".

Paul weckt Marie jeden Morgen, er schreibt ihr über den Messenger von Facebook. Marie liegt noch im Bett, wenn ihr Smartphone piepst. Sie bestellt virtuell bei Paul einen Kaffee und ein Croissant. Und Paul, der inzwischen in der S-Bahn stadteinwärts sitzt, bringt seiner Liebsten das Frühstück ans Bett. Auch wenn beide so natürlich nicht satt werden können, ist dieses Ritual für sie ein fester Bestandteil am Morgen. Ohne Smartphone gehen die beiden nicht aus dem Haus. Sie nehmen es mit in die Kaffeepausen bei der Arbeit, schreiben sich dort ein paar kurze Nachrichten. So hat jeder das Gefühl, dem anderen immer nah zu sein, ihm mitteilen zu können, was ihn gerade beschäftigt.

Die beiden haben seit Kurzem auch ein eigenes, gemeinsames Blog bei Tumblr. Sie sammeln dort Bilder, Erinnerungen, Geschichten oder besondere Dialoge aus dem Chat. Hier geht es nicht darum, dass andere mitlesen können. Sondern es ist ein Platz im Netz, der nur ihnen beiden gehört. Das Blog läuft unter einem unverfänglichen Namen, und niemand aus dem Umfeld der beiden kann es finden. Außerdem haben sie beide ein Konto bei pinterest - einer virtuellen Pinnwand zum Sammeln von Bildern - und dort einige gemeinsame Boards.

Ihr Unterhaltungsstrang in Facebook ist auf mehr als 30.000 Beiträge angewachsen, seit ihre Fernbeziehung vor knapp eineinhalb Jahren begann - das soziale Netzwerk ist damit das am meisten genutzte Medium der beiden. "Facebook hat sich deswegen bewährt, weil es am komfortabelsten ist", sagt Marie. Zum einen wegen des Chats. Zum anderen lassen sich über Facebook auch gut Audiodateien verschicken. Und gerade Lieder tauschen die beiden gerne aus. Außerdem Links zu Texten oder Zeitungsartikeln, die der andere unbedingt lesen muss und natürlich Fotos. Bedenken wegen der Datensicherheit haben die beiden schon - denn ihnen ist klar: Facebook ist ein Netzwerk mit kommerziellen Interessen. Andererseits: "Wer interessiert sich denn schon für unser Liebesgeplänkel?", sagt Marie. Denn all die digitalen Möglichkeiten lockern für Marie und Paul das Gefühl der realen Distanz ein wenig auf. Und "Sie machen das ständige Verabschieden erträglicher", findet Marie. "Wir kommen uns selber manchmal ein bisschen kindisch vor mit den ganzen technischen Spielereien", sagt Paul. Aber sie nutzen diese Möglichkeiten ja sehr effektiv und sinnvoll. Sie spielen nicht nur mit der Technik, sie bedienen und beherrschen sie.

Digitale Möglichkeiten haben Beziehungen verändert, Gespräche verlagert, neue Räume geschaffen. Paul und Marie empfinden das als Bereicherung. "Bei aller berechtigter Kritik", sagt Marie: "In unserer Situation ersetzt das digitale Leben ja nicht das reale, es ergänzt es nur". Und all das sei natürlich kein Vergleich zu dem Gefühl, wenn am Freitagabend am Geislinger Bahnhof auf Gleis drei der Interregio aus Ulm einfährt, mit Paul aus München an Bord. Und sie zusammen sind. In echt.

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

„Wir werden alle nicht jünger“

Von der Prophylaxe bis zur Rehabilitation: Die GZ-Messe „Gesundheitlich“ lockte am Wochenende über 800 Besucher in die Jahnhalle. weiter lesen