Kontaktcafé in der Rätsche: „So funktioniert Integration“

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Nägel, Holzstückchen und – natürlich – Kastanien: Frieder Rebstock hat ­alles dabei, was man für die klassische Herbstbastelei braucht. Der ehemalige Lehrer am Michelberg-Gymnasium betreut im Kontaktcafé der Rätsche  Kinder; er bastelt, werkelt und malt mit ihnen.

An diesem Tag also Kastanienmännchen. Ein paar fertige Tiere hat Rebstock vor sich aufgereiht, als Anschauungsmaterial für die Jungen und Mädchen. Das lockt die Kinder an den Tisch – auch wenn den meisten das Durchhaltevermögen fehle, wie der Pensionär leicht bedauernd feststellt: „Sie lassen die Sachen halbfertig liegen und nehmen sie auch nicht mit.“ Trotzdem machen dem Geislinger die Bastelstunden Spaß. „Das ist ein ganz niederschwelliges, wichtiges Angebot“, meint er. Eine Ansicht, die Wolfgang Nordmann, der Vorsitzende des Geislinger Arbeitskreises Asyl, mit ihm teilt. „So funktioniert Integration am besten – wenn wir schon bei den Kindern anfangen.“

Nordmann würde sich noch mehr freiwillige Helfer wie Frieder Rebstock und dessen Frau wünschen. Brigitte Rebstock koordiniert das Kontaktcafé des Arbeitskreises, das dienstags und donnerstags von 14 bis 17 Uhr in der Rätsche stattfindet. Für Erwachsene, die noch keinen offiziellen Sprachkurs besuchen dürfen, gibt es dort Alphabetisierungs- und Deutschunterricht, Ehrenamtliche beraten etwa bei Fragen zu Wohnungs- oder Jobsuche, es gibt Kaffee und Kuchen. Rund 30 Gäste kommen im Schnitt in der Woche.

„Gerade unsere Sprachkurse im Café sind in den besten Händen – da sieht es gut aus“, meint Wolfgang Nordmann. Anders bei den Kindern: Wenn viel los ist, springen 30 bis 40 Mädchen und Jungen herum, sie müsse man sinnvoll beschäftigen, meint Nordmann. „Und dafür brauchen wir  dringend weitere Freiwillige.“

Vor gut anderthalb Jahren begann die große Ankunft der Asylbewerber in Geislingen, in deren Folge der Arbeitskreis Asyl aktiv wurde. Die ehrenamtlichen Mitarbeiter haben sich inzwischen gut sortiert und einzelne Bereiche unter sich aufgeteilt. Dank Kooperationen etwa mit der Kaufmännischen Schule kommen immer wieder auch junge Helfer dazu – wie an diesem Tag Lena Kasper und Kübra Özkan, die mit den Kindern malen.

Wolfgang Nordmann ist im Großen und Ganzen zufrieden: „Wir erreichen die Leute, alle haben irgendwie und irgendwo Kontakt mit unseren Ehrenamtlichen.“ Dem Rätsche-Team ist er dankbar für die Bereitstellung der Räume. Die ganz engagierten Helfer aber überfordere die Arbeit manchmal, „man merkt schon leichte Ermüdungserscheinungen“. Immer wichtiger werde die Betreuung anerkannter Flüchtlinge; auch für diese Aufgabe werden stets Helfer gesucht.

Schade findet Nordmann es, dass kein Geislinger außerhalb des Arbeitskreises den Weg in die Rätsche findet – dabei sind die Nachmittage gerade für das Kennenlernen und den Austausch zwischen der Geislinger Bevölkerung und den Asylbewerbern gedacht. Die Politik nage derweil an der Motivation der Flüchtlinge, meint Nordmann – „es dauert ewig, bis sie eine Antwort wegen ihres Asylverfahrens bekommen“. Da ist es gut, dass das Café in der Rätsche – ähnlich jenem montags in der Diakonie – Abwechslung bietet: Während ein paar Frauen mit Unterstützung von Eva Kerner ihre Deutsch-Hausaufgaben machen, sammelt Wolfgang Graf mit einer Gruppe Männer Wörter, die mit „f“ beginnen. Dazwischen gehen ein paar Kinder mit einem großen Tablett voller Obstspieße herum, die sie mit Helfern zubereitet haben. Frieder Rebstock hat derweil am Basteltisch ein Auge darauf, dass sich keiner mit den Nägeln verletzt. „Guck“, sagt er zu einem Jungen und nimmt Nagel und Kastanie in die Hand, „dreh’ den Nagel, statt zu pieksen, dann rutschst du nicht so leicht ab.“ Zwei, drei Handgriffe – und fertig ist das nächste Kastanientier.

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