Prozess gegen 37-Jährigen wegen schweren Raubs

Die Staatsanwaltschaft fordert knapp fünf Jahre Haft für den 37-Jährigen, der im vergangenen September eine Spielhalle in Geislingen überfiel.

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Mit einer Sporttasche in der Hand, die er vorsorglich für einen sofortigen Haftantritt gepackt hatte, meldete sich  ein heute 37-jähriger Mann aus dem Kreis Göppingen im vergangenen September auf dem  Polizeirevier Geislingen. Er legte ein umfangreiches Geständnis ab: Am 7. April hatte er eine Spielhalle in der Geislinger Bahnhofstraße ausgeraubt. Am Tag bevor er sich stellte,  hatte er erfahren, dass ihm die Ermittler dicht auf den Fersen waren. Sie hatten die Wohnung seiner Ex-Freundin, bei der er zum Tatzeitpunkt lebte, durchsucht. „Ich war erleichtert, dass der Spuk vorbei war“, sagte er am Donnerstag vor dem Ulmer Landgericht, wo er sich wegen besonders schweren Raubs und gefährlicher Körperverletzung verantworten muss.

Er habe sich Geld für Heroin verschaffen wollen, erläuterte der Angeklagte das Motiv für die Tat. Seit dem Nachmittag habe er ­unter schweren Entzugserscheinungen gelitten. Bevor er gegen 22.15 Uhr in das nur wenige Meter von seiner Wohnung entfernte Casino stürmte, holte er das Pfefferspray seiner damaligen Freundin aus der Schublade und maskierte sich mit einer vom Fasching übriggebliebenen Anonymous-Maske und Wollmütze.

Zur Zeit des Überfalls war die Spielhalle menschenleer – bis auf einen Rentner, der kurzfristig für seine beim Casino angestellte Ehefrau als Aufsicht eingesprungen war.  „Willst du mich jetzt überfallen?“, fragte er den Maskierten, der plötzlich vor ihm stand.  Eine verbale Antwort bekam der Mann nicht. Stattdessen sprühte der Maskierte dem Renter, der wegen einer chronischen Erkrankung per Nasenschlauch mit einem Sauerstoffgerät verbunden war, aus etwa einer Meter Entfernung ein bis zwei Ladungen Pfefferspray ins Gesicht. Dann griff sich der Täter die Scheine – insgesamt etwa 100 Euro – aus einer offenen Wechselgeldkassette.

Wehrhafter Zeuge

Trotz seiner brennenden Augen versuchte der Rentner, den Angeklagten an der Flucht zu hindern, packte ihn und drückte ihn mehrmals an die Wand. Bevor der 37-Jährige  schließlich entkam, riss die Spielhallenaufsicht ihm die Maske herunter und fügte ihm mehrere tiefe Kratzer im Gesicht zu. Wegen seiner tränenden und schmerzenden Augen, die später ambulant in der Helfenstein-Klinik behandelt werden mussten, erkannte er den Täter, der zu den Stammgästen des Casinos gehörte, jedoch nicht.

Einen Tatverdächtigen gab es zunächst nicht. Die DNA-Spuren an der Maske führten die Polizei jedoch zu dem wegen Drogendelikten und Körperverletzung vorbestraften Angeklagten. Während der Hautverhandlung zeigte sich der 37-Jährige, der nervös wirkte und immer wieder um Fassung rang, reuig.  Nachdem er sich gestellt hatte, hatte er den Renter und seine Frau in der Spielhalle besucht und sich unter Tränen entschuldigt.

Die beiden nahmen seine Entschuldigung an.  „Er hat mir leid getan, aber auf der anderen Seite hätte ich ihm eine scheuern können“, sagte die 66-Jährige. „Ich habe ihm gesagt ‚Du bist so blöd’. Und das hat er auch eingesehen.“ Inzwischen sei der Angeklagte wieder „ganz normaler Gast“ im Casino, sagte ihr Mann, der nach der Pfefferspray-Attacke noch zwei bis drei Tage unter Schmerzen litt.

Der Staatsanwalt forderte in seinem Plädoyer eine Haftstrafe von vier Jahren und zehn Monaten und blieb damit am unteren Ende des Strafrahmens von fünf bis 15 Jahren. Positiv sei dem Angeklagten anzurechnen, dass er überzeugende Reue zeige und sehr ehrliche Einlassungen gemacht habe. Auch habe er bei seiner Flucht aus der Spielhalle nur „defensive“ Gegenwehr geleistet.  Um einen sogenannten minder schweren Fall, bei dem der Strafrahmen abgesenkt werden könne, handle es sich bei Tat aber nicht.

Entscheidend sei dabei unter anderem das Ergebnis des psychi­atrischen Gutachtens: Der Angeklagte habe zum Tatzeitpunkt nicht unter so starkem Suchtdruck gestanden, dass er seine Handlungen nicht mehr hätte steuern können. Der 37-Jährige habe nach der Tat sogar noch bis zum nächsten Morgen gewartet, um sich Heroin zu beschaffen.

Die Verteidigung plädierte für eine Freiheitsstrafe von drei Jahren. Die Tat, deren  Umstände und auch die persönliche Entschuldigung seines Mandanten bei dem Geschädigten lange vor der Verhandlung wichen so stark vom „typischen“ Raub ab, dass es sich um einen minder schweren Fall handle. Sein Mandant habe unter starkem Suchtdruck gestanden und außerdem versucht, seine Abhängigkeit vor seiner damaligen Freundin zu verbergen. „Es ging nicht um die große Beute, sondern um den nächsten Schuss.“

Sowohl Staatsanwaltschaft als auch Verteidigung sprachen sich dafür aus, den Angeklagten in einer Entziehungsanstalt unterzubringen. „Diese Chance muss man ihm geben“, sagte der Staatsanwalt. Das Urteil wird am Donnerstag um 11 Uhr erwartet.

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