INTERVIEW: Nachhaltigkeit bedeutet Verantwortung zu übernehmen

Nachhaltige Produkte finden die meisten Menschen gut, aber nur wenige kaufen sie. HfWU-Professorin Dr. Brigitte Biermann über bewussten Konsum.

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Professorin Dr. Brigitte Biermann lehrt an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt in Geislingen nachhaltiges Produktmanagement und ist die Nachhaltigkeitsbeauftragte der HfWU.  Foto: 

Was tun Sie, um nachhaltig zu leben?

Viel. Für mich gehört das eigene Tun dazu. Wenn man viel weiß über die Nachhaltigkeitsprobleme und -lösungen, die es gibt, dann ist es schon möglich, vieles zu tun.

Zum Beispiel?

Ich überlege zum Beispiel, ob ich an einer Konferenz teilnehme, wenn ich hinfliegen muss. In ­Europa fliege ich nicht, sondern nehme den Zug – das geht, da ist fast alles zu erreichen. Und ich bin eine sehr bewusste Konsumentin in sehr vielen Dingen: Ich bin seit 30 Jahren Vegetarierin, was einen großen Umwelt-Impact hat. Ich kaufe, wenn es geht, ökologisch und fair hergestellte Kleidung. Zwar ist die Verfügbarkeit noch ein Problem, aber das wird besser. Dies sind die ganz großen Felder: Ernährung, Mobilität und Wohnen. Dabei hängt ganz viel von den Quadratmetern ab, die man bewohnt.

Je mehr Quadratmeter, desto höher die Heizkosten. . .

Genau, und dann kauft man auch mehr Möbel und Teppiche. Man kann in allen Bereichen sinn­volle Weichen stellen: Wie viele Elektrogeräte habe ich, wie lange nutze ich sie? Ich habe mir das Fairphone gekauft (ein fair hergestelltes Smartphone, Anm. d. Red.). Nachhaltigkeit meint ja nicht nur das Umweltthema, sondern  auch soziale Aspekte: Verantwortung für das übernehmen, was ich tue. Das macht auch Spaß. Es ist ja nicht so, dass ich auf etwas verzichte – ich wäge sehr gut ab. Es geht um sorgfältiges Denken, darum, nicht kopflos etwas zu konsumieren, sondern sich an den Dingen zu erfreuen, die man hat. Auszuwählen. Das einfachere ­Leben hat manchmal Vorteile, weil man sich nicht mit so vielen Dingen umgibt.

Es gibt den Trend zum Minimalismus. Ist der schon in der Mitte der Gesellschaft angekommen?

Nein, das ist noch ein Nischenthema für Leute, die lange überkonsumiert haben; es ist ein Luxus­thema. Leute, die wenig Geld haben, freuen sich an Konsum. Konsum ist eine Möglichkeit, sich auszudrücken. Da würde ich auch nie sagen: Bitte, wer von Hartz IV leben muss, soll jetzt auch noch sein Leben vereinfachen und weniger konsumieren.

Wenn ich Dinge nicht brauche, dann ist es Quatsch, sie zu konsumieren. Aber man muss nach gesellschaftlichen Schichten und Lebensumständen unterscheiden: Wenn bei uns jemand im ersten Semester anfängt und kein Smartphone hat, ist er oder sie von gewissen Kommunikationswegen ausgeschlossen. Daher ist es völlig selbstverständlich, dass die Studierenden ein internetfähiges Handy haben. Das Wichtigste beim Konsum sind die gesellschaftlichen Zusammenhänge: Werde ich ausgeschlossen? Bin ich Teil? Welche Freiheit habe ich zu entscheiden, was ich brauche oder nicht?

Die Werbung suggeriert uns, dass wir jedes Jahr ein neues Handy brauchen.

Ganz sicher hat die Werbung einen großen Einfluss. Und es ist so, dass viele Unternehmen mehr Geld für Werbung ausgeben als für die Entwicklung nachhaltiger Produkte, das ist ein Problem, das ist eine Weichenstellung. So funktioniert aber Wirtschaft heute. Es kommt individuell halt darauf an, ob ich mich wohl fühle, wenn ich was Neues, Hippes, Schönes habe. Konsum dient ja dazu, Bedürfnisse oder Wünsche zu befriedigen.

Wir wissen alle, unter welchen Umständen unsere Konsumgegenstände leider oft hergestellt werden – Stichwort T-Shirts aus Bangladesh. Trotzdem kaufen wir sie. Woran liegt das?

Dafür gibt es ganz viele Gründe; das bearbeite ich auch immer mit meinen Studierenden. In Umfragen sagen 80 Prozent der Leute: ‚Natürlich würde ich gerne ökologischer einkaufen. Natürlich interessiert es mich, wenn in Bangladesh eine Textilfabrik einstürzt.’ Wir sind alle betroffen. Es gibt ganz wenige Menschen, die sagen: ‚Das ist mir egal, Preis ist für mich das Einzige.’

Den Schritt machen wir aber nicht.

Wir konsumieren nicht allein nach nachhaltigen Gesichtspunkten. Nachhaltigkeit ist immer nur ein Zusatznutzen, von dem ich nicht direkt etwas habe – das ändert nicht unbedingt das Kleidungsstück, das wirkt sich vorwiegend auf den Produktionsprozess aus. Und wir konsumieren nicht vollständig rational. Von manchen Dingen wissen wir die Preise, manche Dinge konsumieren wir, weil wir sie brauchen.

Aber es gibt ganz viele andere Gründe, warum wir etwas kaufen: Weil unsere Peer-Group das auch hat, weil wir uns nach außen repräsentieren wollen oder müssen, weil wir noch nie etwas anderes ausprobiert haben und uns an einen anderen Geschmack gewöhnen müssten – das sind ganz ­viele Gewohnheitsthemen. Viele ­Leute empfinden es außerdem so: Wenn ich alleine etwas ändere, bringt das gar nichts. Ich bin nur ein kleiner Tropfen im Meer. Das ist, individuell betrachtet, ja auch so. Das Risiko einzugehen und für ­etwas mehr Geld auszugeben, das ich gar nicht kenne, nur um ­irgendwie abstrakt der Nach­haltigkeit zu dienen – einen Arbeitsplatz zu verbessern, CO2 zu sparen –, das wird in dem ­Moment aufgeweicht, wenn ich im Supermarkt stehe und das riesige Angebot vor mir habe. Dann entscheide ich nicht mehr unbedingt nach nachhaltigen Kriterien. Oder ich habe zwei schreiende Kinder dabei und will einfach nur schnell fertig werden. Dann kann ich bestimmte Argumente einfach nicht mehr umsetzen.

Info Im zweiten Teil des Interviews spricht Prof. Dr. Brigitte Biermann am kommenden Donnerstag darüber, wie und warum Unternehmen nachhaltiges Produktmanagement einsetzen, wie sie die Nachhaltigkeit in der deutschen Wirtschaft einschätzt und was ihre ­Aufgaben an der HfWU sind.

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