INTERVIEW zur Nachhaltigkeit: „Vielleicht ist der politische Druck noch zu gering“

Im zweiten Teil des GZ-Interviews erklärt die HfWU-Nachhaltigkeitsbeauftragte Professorin Dr. Brigitte Biermann, wie man Unternehmen dazu bringt, nachhaltiger zu produzieren – und woran es oft noch hapert.

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Nachhaltigkeit ist ein Prozess: Professorin Dr. Brigitte Biermann lehrt im Studiengang Nachhaltiges Produktmanagement an der HfWU.  Foto: 

Bewusst kaufen, statt sinnlos immer mehr und mehr Dinge anzuhäufen, das ist Brigitte Biermanns Weg zu einem nachhaltigeren Leben. Die Professorin für Nachhaltiges Produktmanagement und Nachhaltigkeitsbeauftragte an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen (HfWU) weiß aber, dass die meisten Menschen wider besseren Wissens oft doch zum günstigen T-Shirt mit ungewisser Herkunft greifen oder die Großpackung Fleisch beim Discounter kaufen.

Im ersten Teil des Interviews mit der GZ erklärte die Professorin vergangene Woche die Gründe: Menschen konsumieren nicht allein aus rationalen Gründen, nachhaltiges Kaufverhalten bringt wenige Vorteile für den Kunden und der Einzelne fühlt sich ohnmächtig gegenüber der Weltwirtschaft.

Wer wie Sie die Nachhaltigkeit in der Gesellschaft vorantreiben will, muss all diese Hemmnisse doch als frustrierend empfinden, oder?

Es gibt ja nicht nur individuelle Entscheidungen: Unternehmen können ihre Produktion verändern und neue Produkte designen, ihr Geschäftsmodell weiterentwickeln und damit nachhaltiger wirtschaften. Wenn ein großer Konzern nur zwei, drei Dinge ändert, kann das eine große Auswirkung haben.

Zum Beispiel?

Wenn zum Beispiel ein Handels­unternehmen die gesamten Kühlschränke in seinen Märkten mit Glastüren versieht. Wenn ich das in 100 Märkten umsetze, habe ich eine ganze Menge Energie gespart.

Oder wenn ich ein Produkt kleiner mache, das früher größer war – das braucht viel weniger Ressourcen. Festplatten zum Beispiel, die früher eine eigene Stromversorgung benötigten, oder dünnere Kunststoffteile, die die gleiche Funktion haben. Da gibt es ganz tolle Entwicklungen. Ich kann auch im Einkauf etwas ändern und mich beispielsweise gegen bestimmte Lieferanten entscheiden, sie besser schulen oder ihnen mehr Geld bezahlen. Mit solchen Entscheidungen kann ich ganze Regionen verändern.

Argumentieren Unternehmen nicht aber auch damit, dass Nachhaltigkeit nur ein Zusatznutzen ist, der viel Aufwand bedeutet, aber wenig bringt?

Es gibt zwei große Motivationen, die eigene Produktion nachhaltiger zu gestalten: Das eine ist der Wunsch, Risiken zu minimieren: Wenn so eine Textilfabrik in Bangladesh einstürzt, in der ich produzieren lasse, ist das zum einen ein riesiger Imageschaden für mich, zum anderen habe ich auch eine ökonomische Unsicherheit durch den Produktionsausfall. Es ist also ein ganz rationales ­Kalkül, solche Probleme langfristig anzugehen. Zu diesem konkreten Beispiel: Betroffene Unternehmen haben jetzt, vier Jahre nach dem Einsturz, erste Entschädigungsleistungen geleistet. Die meisten arbeiten im Textilbündnis mit, das deutschlandweit versucht, Textilherstellung nachhaltiger zu gestalten. Das ist eine Initiative, die noch nicht viel verändert, aber immerhin passiert etwas.

Was ist die andere Motivation?

In Unternehmen arbeiten Menschen. Deren Kinder kommen aus der Schule und erzählen vom Klima­wandel, den sie im Unterricht durchgenommen haben. Da ist es toll, wenn ich als Elternteil von der Klimaschutz-Strategie meines Arbeitgebers erzählen kann. Das heißt: Die Menschen in den Unternehmen haben eine hohe Motivation, etwas für die nächsten Generationen zu ändern – auch, um sich gut zu fühlen. Ob und wie viel Geld man dann wirklich in die Hand nimmt, um nachhaltiger zu werden und innovative Produkte und Dienstleistungen zu entwickeln, ist vom Unternehmen abhängig und den Menschen, die an den Stellschrauben sitzen.

Sie haben vor Ihrer Tätigkeit an der HfWU mittelständische und große Unternehmen beraten. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

Der Wunsch nach einem nachhaltigeren Konzept ist in vielen Unternehmen da, und es passiert auch schon viel, aber ein wirklich systematisches Vorgehen gibt es noch nicht. Warum? Es gibt einen ganz starken Glauben daran, dass sich viele Dinge nicht lohnen, dass es schwierig ist; die Märkte sind auch langsam. Und dann spielt das Geschäftsmodell eines Unternehmens eine wichtige ­Rolle: Aktiengesellschaften sind zum Beispiel weniger flexibel als familiengeführte Unternehmen, die sagen: Wir investieren jetzt in nachhaltige Konzepte.

Vielleicht ist der politische Druck auch noch zu gering – politischer Druck hilft immer. Zwar haben wir in Deutschland zum Glück eine große Einwirkung von Nicht-Regierungsorganisationen, Umweltverbänden, Verbraucherverbänden und Entwicklungsorganisationen, die deutlich machen, dass es eine Umsteuerung braucht. Aber angesichts der Probleme, die der Klimawandel mit sich bringt und über die wir genau Bescheid wissen, müsste es schnellere Schritte geben. Es ist manchmal schon frustrierend, dass dies nicht geschieht.

Nachhaltigkeit scheint mittlerweile häufig zu einem Modebegriff zu verkommen, mit dem sich Discounter ebenso wie Energiekonzerne schmücken. Was halten Sie davon?

Man muss schon immer deutlich schauen: Gibt es wirklich eine Veränderung oder nennt man es nur so? Wenn ein Handelsunternehmen mehr Bioprodukte anbietet, dann ist das Geschäftsmodell insgesamt wahrscheinlich noch nicht nachhaltig. Aber es ermöglicht Leuten, andere Produkte zu konsumieren. Ich finde es nicht schön, so etwas dann gleich nachhaltig zu nennen, aber das kann ich nicht beeinflussen.

Für mich ist Nachhaltigkeit ein Prozess: Es gibt nicht die Nachhaltigkeit, sondern es geht darum, sich in die Richtung zu entwickeln. Wenn wir heute glauben, etwas ganz Nachhaltiges gefunden zu haben, dann entdecken wir morgen vielleicht, dass es doch negative Auswirkungen hat – oder dass es etwas noch Nachhaltigeres gibt.

Was wollen Sie Ihren Studenten an der HfWU vermitteln?

Selbst zu denken – das ist ein ganz wichtiges Ziel (lacht). Mir geht es darum, dass die Studierenden lernen, Dinge zu hinterfragen, sie anders, neu zu machen. Ich lehre hauptsächlich im Studiengang Nachhaltiges Produktmanagement, und dabei geht es darum, es nicht hinzunehmen, dass ­Produkte sind, wie sie sind: nicht recycelbar, viel zu schwer, viel zu groß, mit langen Transportwegen, unter kritischen Umständen hergestellt. Ich erwarte nicht, dass alle Studierenden nach ihrem ­Studium die Wirtschaft revolu­tionieren, aber, dass sie wissen, dass es anders geht.

Wie steht die Hochschule in Sachen Nachhaltigkeit da?

Es gibt viele tolle, teils inter­disziplinäre  Ansätze in der ­Forschung und schon viele gute Lehrangebote. Was ich sehr schön finde: Sobald jemand die Initiative ergreift, gibt es Unterstützung seitens der Hochschule.

Wo gibt es noch Handlungsbedarf?

Bislang ist es in unseren klassischen betriebswirtschaftlichen Studiengängen so, dass man zwar einige auf die Nachhaltigkeit ­bezogene Inhalte bekommt, aber mit unterschiedlichem Stellenwert in Studiengängen und ­Vertiefungen. Ich fände es schön, wenn wir in unseren Studiengängen noch mehr Fachleute hätten, die das Thema vertiefen – Nachhaltigkeit quasi als Grund-­Option. Und wenn wir das systematischer nach außen darstellen würden.

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