Internet-Recherche überfordert Studenten

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Für Alexander Rommel gehören elektronische Zeitschriften und E-Books ebenso zur Fachlektüre wie herkömmliche Bücher. Seine jüngste Seminararbeit hat der Student der Immobilienwirtschaft an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt (HfWU) in Geislingen fast nur auf Artikel aus E-Journals aufgebaut. Für Rommel gehört die Recherche auf der Datenbank Wiso, zu der er wie alle Hochschulmitglieder Zugang hat, routinemäßig zur Informationsbeschaffung – „ich glaube aber, dass die wenigsten meiner Kommilitonen von Wiso wissen“, sagt er.

Datenbanken, Plattformen, E-Books und E-Journals: Die Zahl der elektronischen Medien im Wissenschaftsbereich steigt stetig. Das schlägt sich auch auf das Angebot der Geislinger Fachbibliothek der HfWU nieder: Während 2015 rund 33 000 Printbücher in den Räumen im Hochschulgebäude Bahnhofstraße 62 bereit standen, konnten Studenten und Lehrende online rund 250 000 E-Books abrufen. Dazu kamen zirka 15 000 elektronische Zeitschriften.

„Das Angebot wächst ständig“, berichtet die Geislinger Bibliotheksleiterin Ingrid Weinbörner. Wer welche elektronischen Recherchewege nutzt, kann sie nicht nachvollziehen. Die Ausleihzahlen für Printmedien – 2015 waren es rund 52 000 Ausleihvorgänge – sind jedenfalls nicht repräsentativ für das Nutzerverhalten.

Die elektronische Recherche biete viele Vorteile, sagt Ingrid Weinbörner: Querlesen in Büchern sei nicht mehr erforderlich, um die nötigen Informationen und weitere Lektüre zu finden. Klicks reichen, um die gewünschte Quelle zu erreichen. Darin bestehe aber gleichzeitig der Haken: „Man muss sich vorher gezielt überlegen, was man online sucht. Sonst ist es ganz schwierig, den Überblick zu behalten.“ Dies falle vielen Studenten schwer, ist ihr Eindruck. Weinbörner und ihre sechs Mitarbeiter wollen deshalb ihre Schulungsangebote zur Vermittlung von Informationskompetenz und wissenschaftlicher Recherche weiter ausbauen. Seit Langem gibt es in der Einführungswoche schon Unterstützung für Erstsemester – dies werde zwar gut genutzt, so Weinbörner, reiche aber nicht für jeden aus.

Sabine Wanko vom Kompetenzzentrum Lehre bestätigt Weinbörners Beobachtungen: „Was uns stark auffällt, ist, dass Studenten häufig von der Informationsflut überfordert sind.“ Oft fehle die Kompetenz, zwischen Wichtigem und Unwichtigem, wissenschaftlichen Aussagen und Populismus unterscheiden zu können; Studenten seien unsicher bei der Auswahl von Quellen: „Wir hatten beispielsweise vor Kurzem den Fall, dass eine Studentin für ihre Seminararbeit aus einer Fernsehtalkshow zitieren wollte.“

Woher die Schwierigkeiten kommen? Sabine Wanko: „Ich denke, das ist einfach unser Zeitalter: Wenn ich etwas nicht weiß, frage ich Herrn Google.“ Die Grundannahme sei leider häufig: Wenn etwas im Internet steht, dann muss es auch stimmen.

Die Studienberatung IBIS (Individuelle Betreuung für ein individuelles Studium) hat als Reaktion darauf ihr Beratungsangebot erweitert: In der Schreibberatung bekommen Studenten etwa Hilfe bei der Entwicklung einer guten Fragestellung für Seminararbeiten und können Gliederung und Quellen vorstellen. Das Angebot werde sehr gut angenommen, sagt Wanko.

Henri Tepasse, der im siebten Semester Energie- und Ressourcenmanagement studiert, hat sich zu Beginn seines Studiums in die Materie eingearbeitet – ihm fällt die elektronische Recherche leicht, und er nutzt sie gerne: „Ich kann zum Teil ganze E-Books runterladen – das ist praktischer, als wenn ich ein Buch ausleihe, das ich nach zwei Wochen zurückgeben muss.“

Professor Dr. Stefan Marx von der Fakultät Betriebswirtschaft und Internationale Finanzen arbeitet selbst viel mit digitalen Medien – im Unterricht setzt er sein Tablet ein, das es ihm beispielsweise ermöglicht, Daten hochzuladen und für die Studenten an die Wand zu werfen. Immer wieder empfiehlt er auch Internetseiten und Literaturquellen auf Plattformen.

Auch er hat die Erfahrung gemacht: „Viele Studenten sind überfordert und finden sich bei der Fülle der Angebote nicht zurecht.“ Die Kanäle seien vielschichtig, es gebe keinen roten Faden. So mancher Student kapituliert – und verlässt sich bei Seminararbeiten lieber auf leicht zu recherchierende Bücher, als etwa auf Artikel auf E-Journals, ist Marx’ Beobachtung. „Mehr Anleitung wäre da sicher sinnvoll.“

Ein Vorteil der digitalen Entwicklung: Weil tendenziell weniger Bücher dazu kommen, gibt es in der Bibliothek mehr Platz für Arbeitsgruppen und Einzel­lernende. „Die Bibliothek wird mehr und mehr zum Lernraum“, sagt Ingrid Weinbörner.

An dieser Stelle berichtet die ­GEISLINGER ZEITUNG ­regelmäßig aus dem Geislinger Hochschulleben: Wer studiert an der HfWU? Welche Forschungsprojekte gibt es? Wie sieht der Alltag der Studenten aus? Alle Texte finden Sie auf:
www.swp.de/hochschulseite
Kontakt: Kathrin Bulling, ☎ (07331) 202-55, k.bulling@swp.de

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