Interkulturelle Woche: Künstler umrahmen Vortrag zur Flüchtlingskrise

Interkulturelle Wochen: Die IG Metall Göppingen-Geislingen hat am Freitag bei der Rätsche einen politischen Vortrag mit Kulturellem gemischt.

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Der Politikwissenschaftler und Friedensforscher Jochen Hippler sprach über die Ursachen, die Millionen von Menschen dazu zwingen, ihre Heimat zu verlassen. Vor und nach Hipplers Vortrag präsentierten vier deutsche Künstler mit zwei syrischen Kollegen vom Stuttgarter Verein "Zuflucht Kultur" Szenen aus der musikalischen Endzeitkomödie "Der Untergang der Titanic" von Magnus Enzensberger.

"Der wichtigste Fluchtgrund ist im Moment der Krieg", erläuterte Hippler. 70 bis 80 Prozent der tatsächlichen Flüchtlinge fliehen vor dem Krieg. Dieser breche nicht über die Menschen herein wie eine Naturkatastrophe: "Krieg ist von Menschenhand verursacht und wäre vermeidbar", sagte Hippler.

Menschen, die aus anderen Gründen ihre Heimat verlassen und nach Europa kommen, zynisch als Wirtschaftsflüchtlinge abzustempeln, lehnt der Politikwissenschaftler ab. Hinter der vermeintlich oberflächlichen, wirtschaftlichen Motivation zur Flucht stehe oft die Tatsache, dass Eltern ihre Kinder nicht mehr ernähren könnten. "Ich habe im Irak schon Kinder in Krankenhäusern verhungern sehen", machte er deutlich. Die viel kritisierten Einwanderer aus relativ sicheren Ländern im Westbalkan und Nordafrika, die auf der Suche nach einem Job nach Deutschland kommen, seien rechtlich in einer verzwickten Lage: "Für sie ist keine legale Einreise möglich, sie müssen falsche Tatsachen vortäuschen", sagte Hippler.

Besonders ausführlich ging der Politikwissenschaftler auf die Lage in Syrien ein. Die Hälfte der etwa 22 Millionen Einwohner Syriens seien auf der Flucht. Davon irrten sechseinhalb Millionen innerhalb des Landes umher, fünf Millionen seien über die Grenze ins Ausland geflohen. Die meisten bleiben in der Region - in Nachbarländern wie der Türkei oder dem Libanon - und warten darauf, zurück in die Heimat zu können. 400.000 Syrer sind laut Hippler aus Verzweiflung sogar in den Irak geflohen: "Nur ein Achtel der Auslandsflüchtlinge ist in Europa angekommen."

Der Krieg vernichte nicht allein Menschenleben und die Infrastruktur des Landes, sondern zerstöre auch die Gesellschaft, das Zusammenleben und jegliches Gefühl von Sicherheit und Vertrauen. Der soziale Zusammenhalt löse sich auf: "Die Gesellschaft ist in kleine Scherben zerbrochen: Mensch kämpft gegen Mensch, Nachbar gegen Nachbar." Oft seien die Menschen gezwungen, sich Milizen oder anderen Bürgerkriegsgruppierungen anzuschließen, um Zugang zu den im Land verbliebenen Einrichtungen zu bekommen. So werde der Bürgerkrieg immer wieder verlängert.

Seit Beginn des Bürgerkriegs sei die Lebenserwartung in Syrien im Schnitt um 20 Jahren gesunken. Schuld daran seien nicht nur die militärischen Auseinandersetzungen, sondern eben auch ihre Folgen: Über acht Millionen Menschen könnten sich nicht mehr selbst mit Nahrung und Wasser versorgen.

Die Diskussion über die Flüchtlingspolitik in Deutschland findet Hippler erstaunlich: Seit dem "Willkommenssommer" im vergangenen Jahr habe sich die Atmosphäre im Land gedreht. Der Politikwissenschaftler beobachtet einen Rückfall in "rassistisches Denken" und fürchtet die Entstehung eines neuen Rechtsterrorismus, der organisierte politische Gewalt propagiert.

Auf die Frage, was das Ausland tun könne, um den Krieg in Syrien zu beenden, hat der Friedensforscher keine ermutigende Antwort: "Ich kenne niemanden, der dafür eine realistische Lösung hat, die nicht nur ein Traum ist." Dazu sei die syrische Gesellschaft zu sehr in verschiedene Konfliktparteien zersplittert. Nur die Syrer selbst könnten das Land wieder zusammenfügen. "Aber auch sie wissen im Moment nicht, wie das möglich sein soll", fügte Hippler an. Man müsse Konfliktursachen bekämpfen. In der jetzigen Lage sei es wichtig, in Syrien und den Nachbarländern humanitäre Hilfe zu leisten und Flüchtlinge in Deutschland aufzunehmen. Militärisches Eingreifen könne in der jetzigen Situation keine Option sein.

Im kulturellen Rahmenprogramm des Abends wurde der gesunkene Luxusdampfer Titanic zum Symbol für den Fortschritt der Menschheit, der durch Habgier, Dekadenz und Selbstsucht dem Untergang geweiht ist. Gleichzeitig machte das Ensemble des Vereins "Zuflucht Kultur" den legendären Ozeandampfer zum Symbol für den Traum von einem besseren Leben und einer menschlicheren Welt, die in den Tiefen des Meeres versinkt.

Schauspieler Zacher Alchihabi und Musiker Mazen Mohsen aus Syrien ließen durch selbst verfasste Lieder und Texte ihre eigenen Fluchterfahrungen in die Szenen einfließen. "Enzensbergers Text hat für mich eine völlig neue Bedeutung bekommen, seit ich Menschen kenne, die wirklich auf einem Rettungsboot waren", kommentierte ihre deutsche Kollegin Cornelia Lanz. Zum Abschluss des Abends sangen Alchihabi und Mohsen Lieder aus ihrer Heimat. Landsleute im Publikum, die aus dem benachbarten Containerdorf gekommen waren, stimmten mit ein.

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