Schule wird zum Schwitzkasten – Hitzefrei gibt es trotzdem oft nicht

Bei der Entscheidung, ob sie Hitzefrei erteilen, stimmen sich Geislinger Schulen untereinander ab. Der Unterricht entfällt aber nicht für alle Schüler.

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Lieber ein erfrischendes Eis in der Sonne als stickige Schwüle im Klassenzimmer: Gegen Hitzefrei dürften wohl die wenigsten Schüler etwas einzuwenden haben.  Foto: 

Im Sekretariat der Geislinger Schubart-Realschule zeigt das Thermometer 27,8 Grad Celsius an. „Wir haben Zimmer, in denen es sehr warm wird“, sagt Schulleiter Joachim Boldt, und meint damit auch die Klassenzimmer. Dabei hat es zu dem Zeitpunkt draußen nicht einmal 25 Grad, womit der Tag noch nicht als Sommertag gilt, wie Martin Melber von der Wetterwarte in Stötten erklärt.

Wenn dann an heißen Juli- und Augusttagen auch das Lüften nichts mehr bringt, stehen die Schulleiter vor der Frage: Hitzefrei oder nicht? Eine formelle landesweite Regelung, die ihnen diese Entscheidung abnehmen könnte, gibt es nämlich nicht (siehe Infokasten): „Entscheidend ist das körperliche Wohl der Schüler entsprechend der konkreten örtlichen Verhältnisse“, teilt das Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg auf Nachfrage der GEISLINGER ZEITUNG mit. Das sollen die Schulleiter berücksichtigen und dann entscheiden.

Für Joachim Boldt bedeutet das: Wenn oder bestenfalls schon bevor in den Klassenzimmern die Schulhefte nur noch als Fächer benutzt werden, spricht sich der Schulleiter mit den Chefs der anderen Schulen in Geislingen ab. „Es geht nicht nur darum, dass die Schüler bei Hitze nicht mehr lernen können“, sagt Boldt, „sondern sie sollen auch ins Freibad gehen, schwimmen und sich austoben können“.

Die Fäden laufen dann bei Ottmar Dörrer zusammen: Der Schulleiter der Gemeinschaftsschule am Tegelberg und Geschäftsführer der Geislinger Grund-, Haupt-, Werkreal- und Sonderschulen richtet sich bei der Entscheidung, ob er Hitzefrei erteilt, nach der Mehrheit. „Es kann nicht sein, dass die Tegelbergschüler im Freibad liegen und die anderen nicht.“

Dass Dörrer eine Ganztagsschule leitet und auch viele der anderen Schulen eine Betreuung über die Unterrichtszeiten hinaus anbieten, macht die Situation nicht gerade leichter: „Die Eltern verlassen sich auf uns und wollen sich nicht freinehmen müssen, nur weil ihre Kinder Hitzefrei bekommen“, sagt Dörrer. Bis 15.45 Uhr ist die Tegelbergschule dazu verpflichtet, die Schüler zu betreuen. Für die Nachmittagsbetreuung finde sich aber problemlos ein Programm für draußen, sagt der Schulleiter. Und auch den Unterricht verlege er durchaus mal an ein schattiges Plätzchen im Freien.

Die Oberstufe hat nie Hitzefrei

„Hitzefrei ist für uns kein Thema mehr“, sagt Markus Beyer, der die Uhlandschule leitet. „Die Eltern verlassen sich drauf, dass ihre Kinder bei uns gut aufgehoben sind.“ In der Grund- und Werkrealschule nehmen zwar nicht alle Kinder das Ganztagesangebot in Anspruch, aber Beyer findet eine einheitliche Regelung wichtig. „Enttäuschte Gesichter gibt’s schon“, gibt der Schulleiter zu. In dem alten Gemäuer der Uhlandschule seien die Temperaturen immerhin meistens angenehm. Und an besonders heißen Tagen sei der Unterricht eher zweitrangig: Statt Deutsch und Mathe gibt’s dann auch mal ein Eis im Stadtpark oder Wasserspiele auf dem Schulhof.

Das Michelberg-Gymnasium schließt sich ebenfalls nicht immer der Mehrheit an, sagt dessen Leiter Heiner Sämann. Es falle ohnehin schon viel Unterricht aus – „da fragen irgendwann die Eltern: Macht ihr überhaupt noch Unterricht?“, sagt Sämann. Er richtet sich auch nach dem Wochentag: Montags, dienstags und donnerstags ist auch am Nachmittag Unterricht und der entfällt auch an heißen Tagen nicht. Für die Schule in der Oberstufe ist der Drops eh gelutscht: Für sie gibt es kein Hitzefrei. Das schreibt das Kultusministerium vor, auch für die beruflichen Schulen. „Das ist gerecht“, kommentiert Sämann, „in dem Alter könnten die Schüler schon in der Berufsausbildung oder Lehre sein und da gibt’s auch kein Hitzefrei“. Immerhin heizen sich die MiGy-Klassenzimmer nicht ganz so schnell auf: Die Wärmedämmung des sanierten Schulgebäudes sei sehr gut, sagt Sämann: „Wir haben Räume. in denen man es gar nicht merkt, wenn’s draußen 35 Grad hat.“

Rückblick 1975 erteilte das Kultusministerium baden-württembergischen Schulen die Erlaubnis, wegen Hitze Unterricht ausfallen zu lassen. Als Orientierung galt eine Außentemperatur von mindestens 25 Grad Celsius im Schatten um 10 Uhr. Für die Oberstufe und berufliche Schulen galt dies schon damals nicht. Die Entscheidung lag und liegt bis heute beim Schulleiter.

Status quo Seit 1983 gibt es in Baden-Württemberg keine formelle Regelung mehr zu Hitzefrei, wie das Kultusministerium mitteilt. Lehrer dürfen die Schüler frühestens nach der vierten Stunde vom Unterrichten entlassen. Schüler, die mit Bus oder Bahn nach Hause fahren müssen, müssen bis zur Heimfahrt beaufsichtigt werden.

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