Goliath hat keinen David: Amazon muss Geislingen nicht fürchten

Ein Online-Marktplatz für Geislingen ist ein Traum, der erst einmal nicht Wirklichkeit wird. Zu groß sind die Zweifel am Erfolg.

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Stirbt Geislingen aus? Die Frage ist hart. Gestellt hatte sie ein GZ-Leser im Internet. Hinter der Frage mag seine Enttäuschung über den Rückzug vieler Geschäfte und die Sorge um die lokale Wirtschaftsstärke der Heimatstadt gestanden haben. Doch er ist nicht alleine. Viele Geislinger sind überzeugt, dass sich etwas ändern muss.

Manch einer denkt da vielleicht an diese Binsenweisheit: Wer Erfolg haben will, muss neue Wege gehen. Schnell kommt dann eine weitere Frage auf: Ist ein Online-Marktplatz vielleicht sinnvoll für Geislingen? So eine Art Geislinger Amazon?

Davon träumen viele in der Fünftälerstadt: von einer Onlineseite mit allen Geschäften und dem gesamten Warensortiment. Man könnte bequem von zu Hause aus bestellen und die heimische Wirtschaft stärken.

Die Idee sei schon toll, sagt Günter Rösch, Vorstandsmitglied der Geislinger Sterne. Realisierbar sei der Wunsch augenblicklich aber nicht. Der finanzielle und personelle Aufwand sei einfach zu hoch, befürchtet Rösch. Zudem könne wahrscheinlich niemand mit dem Internetriesen Amazon konkurrieren, den Jeff Bazos 1994 gründete. Seine Idee war es, den kleinen Bücherladen ins Netz zu holen.

Bücherliebhaber wissen es: Durch die Seiten zu blättern, sie zu riechen, in Büchern zu stöbern – die Atmosphäre eines Bücherladens ist sinnstiftend. Genau diese Atmosphäre wollte Jeff Bazos digital verwirklichen. Geschafft hat er das nicht, denn die Atmosphäre ist digital nicht zu erleben. Und doch habe Amazon „als eines der ersten Internetunternehmen bewiesen, dass im Netz kräftig Geld zu machen war“. Das schreibt Eli Pariser in seinem Bestseller Filter Bubble.

Inzwischen ist die Macht Amazons so groß, dass sie kaum gebrochen werden kann. Längst kann man mehr als nur Bücher bestellen. Sogar Lebensmittel verschickt der Versandriese. Eli Pariser hat also recht – und wenn der Internethandel so sehr floriert, kann ein Online-Marktplatz für Geislingen doch nur Erfolg haben. Oder?

„Selbst wenn einer da wäre, ist die Frage, ob er es mit Amazon aufnehmen kann“, sagt Geislingens Oberbürgermeister Frank Dehmer. Er selbst hält von der Idee recht wenig. In Göppingen und Wuppertal laufe der Online-Handel auch nicht gerade erfolgreich. Recht bekommt er von Oliver Sihler, Geschäftsführer des Stadtmarketingvereins Göppinger City: „Die Online-Bestellungen sind verschwindend gering“. Der Aufwand sei sehr groß, immerhin müsse das gesamte Warensortiment auf der Homepage onlinecity.gp zu sehen sein. Andernfalls hätte das „Göppinger Amazon“ ja wenig Sinn. Eine Mitarbeiterin Sihlers kümmert sich täglich um die Internetseite und wendet dafür mehr als die Hälfte ihrer Arbeitszeit auf.

Doch wenn kaum etwas gekauft wird, warum hält der Verein daran fest? „Es braucht Zeit, bis sich so etwas einspielt“, sagt Sihler. Einen echten Vorteil nennt er dann aber schon: „Als Schaufenster ist die Seite wirklich gut.“ Dort können sich alle Göppinger Händler präsentieren, ihre Waren zeigen und Geschenktipps geben – beispielsweise zum Muttertag.

Wer nicht online bestellen will, kann auf jeden Fall das Angebot anschauen. Aber letztlich wisse man nicht, wie viele der Kunden nach einem Blick ins Online-Portal ins Geschäft gehen, sagt Sihler. Wie viele Menschen besuchen die Online-Seite monatlich? „Im Mai sind es bislang 500 Seitenaufrufe.“ Die Zahl steigt laut Sihler, und er sieht darin eine positive Entwicklung.

Als Schaufenster mag auch Dehmer solche Internetseiten. Wenn auf so einer Homepage auch noch ein Veranstaltungskalender ist, sei das prima. Der Rathauschef regt noch einen Gedanken an: Die Geislinger Händler könnten sich selbst bei Amazon anmelden und ihre Ware dort verkaufen.

Zurück zur Buchhandlung, immerhin war am Anfang Amazons auch das (geschriebene) Wort. In Geislingen ist Thomas Ziegler mit seinem Geschäft in der Fußgängerzone seit zwei Jahren im World Wide Web. Seine Kunden können sein Geschäft virtuell besuchen und dort bestellen. Passiert das oft? „Wir haben ungefähr eine Bestellung pro Tag“, sagt Ziegler. Die meisten kommen lieber persönlich und lassen sich beraten.

Damit hat er einen riesigen Vorteil gegenüber Amazon. Er und seine Mitarbeiter können Kunden auch Bücher empfehlen, mit denen sie gar nicht rechnen. Überraschende Tipps kommen von Amazon nicht. Die Empfehlungen, die das Internetportal gibt, sind immer Artikeln ähnlich, die der Kunde bereits gekauft hat. Ziegler und sein Team aber haben Einfälle, die nicht mit Algorithmen und anhand von Datenspuren errechnet werden: Sie stellen sich etwas vor.

Den Faktor „Nähe“ bringt nicht nur Ziegler ins Gespräch. Günter Rösch von den Geislinger Sternen betont das ebenfalls: „Das Zwischenmenschliche ist unersetzlich“. Frank Dehmer hebt das genauso hervor. Doch letztlich bleibt die Frage offen: Reicht das tatsächlich aus?

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