Glaubensgeschichte der Christen untersucht

Die frühe christliche Theologie war geprägt von Vielfalt und auch von Widersprüchen: Pfarrer Dr. Rolf Noormann brachte bei seinem Vortrag in der Stadtkirche den Zuhörern die Glaubensgeschichte des Christentums näher.

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Dr. Rolf Noormann ist Pfarrer in Denkendorf und Dozent für Kirchengeschichte an der Uni Heidelberg. Er bot bei seinem Vortrag in der Geislinger Stadtkirche Einblick in die Enstehungsgeschichte des Neuen Testaments und die theologische Selbstfindung der Alten Kirche während der ersten Jahrhunderte der Kirchengeschichte. Im Mittelpunkt standen dabei die Fragen, welche Bedeutung Jesus Christus für die frühen Christen hatte und wie es dazu kam, dass gerade die Schriften, die wir als Neues Testament kennen, kanonisiert wurden.

Am Anfang der Kirchengeschichte stand ein langwieriges Ringen um Bedeutung und Wesen Jesu, das von einer großen Vielfalt gekennzeichnet war, erläutert Noormann. In den ersten Jahrhunderten der Kirchengeschichte kamen immer wieder neue theologische Fragen auf, die beantwortet werden mussten. Im Laufe der Zeit kristallisierte sich schließlich aus den Antworten zu diesen Fragen sowie aus dem Zusammentreffen des christlichen Gedankenguts mit der griechischen und römischen Kultur und in Abgrenzung zu als ketzerisch empfundenen Glaubenssystemen wie dem Marcionismus und der Gnosis so etwas wie eine verbindlich geltende christliche Theologie heraus.

Am Anfang der christlichen Theologie - etwa 30 Jahre nach Jesu Tod und damit vor Niederschrift der vier Evangelien - standen Glaubensbekenntnisse. Das älteste überlieferte findet man im ersten Korintherbrief. Darin geht es nicht um das Leben und Handeln Jesus, sondern die Bedeutung seines Todes für die Jünger und die Auferstehung stehen im Mittelpunkt. Ostern wird zum entscheidenden Ereignis und die Vorstellung, dass Jesus für die Sünden der Menschen gestorben sei zu einer zentralen Aussage des Christentums.

In späteren Glaubensbekenntnissen werden Aussagen zum göttlichen Wesen Jesu und seiner göttlichen Vor- und Nachgeschichte ergänzt. Dies gipfelt im Eröffnungskapitel des Johannesevangeliums, in dem Jesus mit dem "Logos", dem Wort Gottes, gleichgesetzt wird. Das Wort war auch das Instrument Gottes bei der Schöpfung der Welt, so Noormann: "Der Logos, durch den Gott die Welt geschaffen hat und von dem die Welt abhängt, kommt durch Jesu Geburt in die Welt." Etwa zur gleichen Zeit wird es auch üblich, Jesus in den Glaubensbekenntnissen mit Titeln zu belegen, die im Alten Testament Gott vorbehalten werden. Mit diesen theologischen Gedanken kommen im zweiten Jahrhundert nach Christus schließlich weitere Fragen auf. Glauben die Christen etwa an zwei Götter oder eine Götterfamilie? Bedeutet Jesu Geburt die Menschwerdung Gottes oder die Gottwerdung des Menschen?

Abschließend geklärt wurden diese Fragen erst im Jahr 325 beim Ersten Konzil von Nicäa, das von Konstantin I. einberufen wurde. Nach dem Nizänum ist Jesus von gleicher Substanz wie Gott-Vater - ihm gebühren demnach die selben Attribute - und vom Vater gezeugt, nicht geschaffen.

Bis ungefähr 150 n. Chr. gab es kaum Bemühungen, den Inhalt des christlichen Glaubens verbindlich festzulegen, betont Noormann. Mit den vier verschiedenen Evangelien, die vier unterschiedliche theologische Porträts von Jesus Christus zeichnen, herrschte von Anfang an eine große Vielfalt. Erst ab Mitte des zweiten Jahrhunderts wurde versucht, der immer weiter zunehmenden theologischen Vielfalt Grenzen zu setzen - vor allem in Abgrenzung zum Marcionismus, der das Alte Testament als Zeugnis eines alten und bösen Gottes verwarf, und der dualistischen Geheimlehrer der Gnostiker.

Bis man sich auf eine verbindliche Auswahl von gültigen Schriften - also das Neue Testament - einigte, sollte es allerdings noch bis ins vierte Jahrhundert dauern. Mit den Schriften des Neuen Testaments sei es gelungen, etwas von der Vielfalt und auch den Widersprüchen innerhalb der theologischen Auseinandersetzungen der Alten Kirche einzufangen, meint Noormann.

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