Glaube bedeutet Auseinandersetzung

Wie haben Sie es mit der Religion? Vielen Menschen scheint die Frage nichts mehr zu bedeuten. Ein Trugschluss? Ein Gespräch über die Glaubwürdigkeit und über Chancen, die Religion bietet.

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  • Sprechen über die Bedeutung der Kirche (von links): Martin Ehrler, Dekan des katholischen Dekanats Göppingen-Geislingen, Martin Elsässer, evangelischer Dekan des Kirchenbezirks Geislingen und Thomas Seitz, Pastor der Liebenzeller Gemeinschaft. 1/4
    Sprechen über die Bedeutung der Kirche (von links): Martin Ehrler, Dekan des katholischen Dekanats Göppingen-Geislingen, Martin Elsässer, evangelischer Dekan des Kirchenbezirks Geislingen und Thomas Seitz, Pastor der Liebenzeller Gemeinschaft. Foto: 
  • Glaube ist Vertrauen und Herausforderung: Martin Ehrler, Martin Elsässer und Thomas Seitz. 2/4
    Glaube ist Vertrauen und Herausforderung: Martin Ehrler, Martin Elsässer und Thomas Seitz. Foto: 
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Im Kanzlerduell vor der Wahl mussten Angela Merkel und Martin Schulz die Frage beantworten, wann sie das letzte Mal in der Kirche waren. Hat Sie das überrascht?

Ehrler: Ich war überrascht, dass die Frage so direkt kam. Zu fragen, wann jemand das letzte Mal gebetet hat, ist sehr persönlich. Ich hätte eher damit gerechnet, dass die beiden Kanzlerkandidaten die karitative Arbeit der Kirche beurteilen sollen.

Elsässer: Glaube ist zwar eine persönliche, aber auch eine gesellschaftliche Geschichte. Außerdem sind Religion und Politik heute noch miteinander verwoben.

Ehrler: Das sieht man allein schon in der Person Angela Merkels, die ja Pfarrers­tochter ist.

Die beiden wirkten bei der Frage aber sehr ertappt, beinahe so, als sei die Religion gar nicht so wichtig für sie.

Seitz: Die Zeitpläne der beiden sind so straff strukturiert, dass es ihnen im Wahlkampf sicher nicht immer möglich war, sonntags einen Gottesdienst zu besuchen. Wahrscheinlich zögerten sie deswegen.

Dennoch scheint die Kirche immer mehr an Relevanz zu verlieren. Ist der Mitgliederschwund eine Krise des Glaubens oder eine Krise der Religion?

Elsässer: Weder noch. Es ist eine Krise der bei uns verfassten Form von Religion, also als Volkskirche. Ein Beispiel: Heute gibt es immer mehr privatrechtlich organisierte Minderheitskirchen.

Ehrler: In Deutschland hängt der Mitgliederschwund zudem am demografischen Wandel. Denken Sie mal an die fallenden Geburtenzahlen. Wobei ich aber sagen muss, dass unsere Gemeinde sehr wohl Zuwachs hat. Wir sehen das an den Kindertagesstätten, die randvoll sind. Und wir spüren das auch in anderen Gemeinden.

Und bei einer Messe ist das auch zu erleben?

Ehrler: Schauen Sie in den kroatischen Gottesdienst, wenn Sie wieder in St. Maria sind. Die kriegen ihre Leute da nicht in der Kirche unter, so viele sind das. Die bringen da an einem Sonntagmorgen problemlos 350 Leute in die Kirche. Wir haben großen Zuzug aus Kroatien, Rumänien, Ungarn und Polen. Wir haben seit etwa zwei Jahren wachsende Gemeindezahlen. Aber es stimmt schon, dass die allgemeine Tendenz rückgängig ist.

Elsässer: Das ist ja das Faszinierende bei einer Weltreligion wie dem Christentum. Es gibt so viele unterschiedliche Nationalitäten, die im Glauben vereint sind. Allerdings sehe ich da den Zusammenhang, dass religiöses Bewusstsein zurzeit wieder stark von nationalem Bewusstsein geprägt ist. Kroaten beispielsweise halten ihren Gottesdienst auf ganz eigene Weise. Das ist aber nicht abwertend gemeint.

Wie zeigt sich diese Verbindung von nationalem und religiösen Denken?

Ehrler: Die Form ist gleich, aber der Ausdruck ist anders. Bei den Kroaten darf die Messe auch mal etwas später beginnen und dafür länger dauern. Bei den Deutschen wundern sich schon einige, was der Pfarrer macht, wenn es geklingelt hat, er aber noch in der Sakristei ist.

Mir ist aufgefallen, dass sich einige AfD-Anhänger auf den christlichen Glauben berufen, um sich von Muslimen oder Flüchtlingen abzugrenzen. Haben Sie das auch erlebt, und wie haben Sie das empfunden?

Seitz: Ich habe das sehr negativ empfunden. Sie wollen halt Konservative einfangen. Ich hatte einen Flyer der AfD gesehen, auf dem sie mit christlichen Inhalten geworben haben. Vieles davon halte ich nur für einen frommen Deckmantel. Das ist für mich nur Stimmenfang.

Also wird die Kirche instrumentalisiert?

Ehrler: Da gab es AfD-Politiker, die das Abendland retten wollten, indem sie christliche Weihnachtslieder singen. Das ging dann aber nicht, weil sie die Texte nicht kannten. Manche Zeitungen haben das schön glossiert.

Elsässer: Wobei ich schon denke, dass es in unseren Gemeinden Menschen gibt, die sich von ihrer Grundstimmung her der AfD nahe fühlen. Gerade gleichgeschlechtliche Ehen lösen bei vielen Unbehagen aus. In unserem Nachbarbezirk Göppingen lebt zudem der AfD-Politiker Volker Münz, der Kirchengemeinderat in Uhingen ist und der Bezirkssynode angehört. Und das macht einigen Bauchschmerzen (wir berichteten).

In unserem Wahlforum kam die Frage auf, wie Volker Münz die christliche Nächstenliebe verbinden kann mit der Asylpolitik der AfD. Er sagte, in der Bibel stehe nirgendwo geschrieben, dass man die Grenzen öffnen muss.

Ehrler: Aus christlicher Perspektive ist die Antwort klar. In der Ursprungserzählung im Exodus heißt es: „Ihr wart selber Fremde.“ Und wenn man es theologisch auf die Spitzen treiben möchte, kann man hervorheben, dass wir alle Fremde sind. Unsere Heimat ist auch nicht hier auf der Erde. Wie das Gesetz der Nächstenliebe umzusetzen ist, steht so nicht in der Bibel, aber dass man Fremden beistehen, mit ihnen teilen und ihnen eine Lebensweise ermöglichen soll, die notwendig ist, gehört zur Nächstenliebe.

Seitz: Dazu stehen wir, und natürlich nicht nur, weil es in der Bibel steht, sondern weil wir davon überzeugt sind.

Die Glaubwürdigkeit der Kirche leidet auch unter der Wissenschaft. Werden Sie sauer, wenn ein Neurowissenschaftler sagt, der Mensch sei nur sein Gehirn, habe aber keine davon unabhängige Seele?

Ehrler: Nein, weil das schon in seiner eigenen Wissenschaft umstritten ist. Man hat schon viele Dinge behauptet, die nicht stimmten. Ich bin sogar optimistisch: Wissenschaft ist im wahrsten Sinne demokratisch, weil die Meinungen auseinandergehen und akzeptiert werden, letztlich sich aber das durchsetzt, was wahr ist.

Seitz: Jede Generation muss ihren Glauben neu definieren und leben lernen. Klar, dass manche sagen, es geht den Bach runter. Aber ich sehe schon bei unserer Jugend, dass sie den Glauben ganz neu für sich entdeckt.

Ärgert es Sie, dass heutzutage so viele der Religion nicht mehr zuhören, obwohl längst nicht bewiesen ist, wie die Welt entstanden ist und dass der Mensch keine Seele hat? Meistens dürfen Physiker auf diese Fragen antworten.

Ehrler: Das sind Grenzüberschreitungen. Ich glaube, das ist eine Retourkutsche, wenn auch vielleicht keine bewusste. Aber die Kirche hat historisch gesehen lange die Naturwissenschaften beherrscht, jetzt kommt die Grenzüberschreitung von der anderen Seite wieder zurück. Ich wundere mich manchmal schon, wenn dann Physiker zu Fragen interviewt werden, die eigentlich theologisch oder philosophisch zu beantworten wären. Aber ich sehe das letztlich entspannt. Mit denen kann man ja reden.

Elsässer: Ich weiß auch nicht, wie viel darüber heute noch in Familien geredet wird. Da müsste man ja unerkannt Gast sein. Aber ich befürchte schon, dass die Auseinandersetzung mit dem eigenen Glauben deutlich abgenommen hat. Ich will das aber nicht dramatisieren und behaupten, das sei ein Untergang.

Ehrler: Das sind Fragen, die anstrengend sind. Da muss man was investieren. Und wir leben eben in einer Zeit einfacher Antworten und da sind wir auch schon wieder bei der AfD. Einfache Antworten haben etwas Verlockendes, meist wird damit aber nicht erfasst, was wahr ist.

Also ist die Kirche zu kompliziert für diese Welt?

Elsässer: Ja, für manches schon.

Was bedeutet für Sie Glaube?

Elsässer: Vertrauen auf Gottes Liebe.

Seitz: Zuversicht auf das, was man nicht sieht.

Ehrler: Glaube hilft mir, mein Leben zu verstehen, es zu leben und mit Hoffnung in die Zukunft zu gehen.

Oft führt das Leid zum Glauben ...

Elsässer: Menschen, die einen Lebenspartner verloren haben, finden gerade in Krisenzeiten den Mut zum Glauben. Glaube gibt Kraft, Orientierung und Gemeinschaft. Nicht zufällig ist das Christentum als Witwenreligion entstanden.

Ehrler: Erfahrenes Leid wirft eben Fragen auf. Warum ich? Warum jetzt? Was kann ich noch hoffen? Der Mensch braucht oft die Not, um etwas zu überdenken. Läuft alles reibungslos, dann reflektiert er nicht: Woher kommt das denn? Wer schenkt mir das? Da muss doch einer dahinterstehen!

Seitz: Ich denke an die Klagepsalme in der Bibel: Ich weiß nicht mehr weiter. Jemand klagt seine Not heraus, blickt von seinem Elend aber weg und schaut auf Gott. Und im Gottvertrauen findet er Trost und das holt ihn wieder raus.

Aber er bekommt keine Sicherheit. Der Gläubige behandelt etwas Unsicheres dann so als wäre es sicher.

Seitz: Darin liegt aber sein Mut. Glaube ist Mut. Außerdem darf ich dann erleben, wie mir der Glaube weitere Kraft gibt.

Ist die Kraft, die der Glaube gibt, immer da?

Elsässer: Glaube ist eine Auseinandersetzung. Wenn ich spüre, wie mich der Glaube trägt, dann kann ich ihn wahrnehmen, aber in einer anderen Situation kann es ganz anders sein. Deswegen kann man eigentlich gar nicht davon reden, einen Glauben zu haben. Die Realität des Lebens führt nicht automatisch zum Glauben. Es ist die Konfrontation mit Leid, die dorthin führt. Da muss man begreifen: Wo kann ich schreien? Wo kann ich klagen? Wann muss ich still sein?

Das klingt nach einem Kampf mit sich selbst: Kann der Glaube da überhaupt vom Leid erlösen?

Elsässer: Der Glaube kann mich nicht vom Leid erlösen, aber Gott. Mein Glaube erlöst mich nicht, aber mein Glaube, dass es da jemanden gibt, der mich erlöst. Das ist nicht das Gleiche! Denn, wäre es anders, würde der Glaube zu einem Werk, mit dem ich mich selber erlösen kann. Man darf das nicht mit einem Mechanismus verwechseln. Ich weiß, wir leben in einer Leistungsgesellschaft und es heißt immer, wir könnten alles verändern. So wachsen wir auf, aber es gibt Grenzen für uns. Da ist der evangelische Glaube nicht modern, weil er sagt, da kommt es nicht nur auf dich an. Klar aber ist, dass ich mich Gott nähern kann durch das Vertrauen, das im Glauben liegt.

Ist es unmoralisch einen religiösen Menschen anzugreifen, ohne überhaupt einen Gegenbeweis gegen Gott zu haben? Immerhin werden Gläubige oft verhöhnt?

Ehrler: Es ist allgemein eine Frage des Respekts. In Dingen, die einem wichtig, für die Persönlichkeit vielleicht sogar essentiell sind, sollte man jemanden mit Sensibilität begegnen.

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