Gewalt an Frauen gibt es auch vor der Haustür

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    Keine leichte Kost: Der Dokumentarfilm „Unter aller Augen“, der das Thema Gewalt gegen Frauen beleuchtet. Foto: 
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    Claudia Schmid im Gloria Kino. Foto: 
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Es war keine leichte Kost, die am Mittwochabend im Geislinger Gloria Kino zu sehen war. Wohl deshalb zog es an diesem Abend nicht allzu viele Zuschauer in den Kinosaal: Nur etwa 25 Besucher, darunter eine Hand voll Männer, waren gekommen, um sich in dem Dokumentarfilm „Unter aller Augen“ der Regisseurin Claudia Schmid aus Köln mit einem heftigen und noch immer tabuisierten Thema zu beschäftigen: psychische, körperliche und sexuelle Gewalt an Frauen.

Es handelte sich um eine Sondervorstellung, die im Rahmen der Veranstaltungen zum Weltfrauentag gezeigt wurde. Initiiert wurde sie von der Beauftragten für Chancengleichheit der Geislinger Stadtverwaltung, Brigitte Wasberg, und der Chancenbeauftragten des Landkreises Göppingen, Lidwine Reustle, in Kooperation mit der Familie Kern vom Gloria-Kino-Center.

Der 90-minütige Film ging unter die Haut, er wühlte auf, machte betroffen und schockierte. So erfuhren die Zuschauer, dass etwa 40 Prozent aller Frauen schon einmal Opfer von körperlicher oder sexueller Gewalt durch Männer wurden. In Deutschland sei es mehr als ein Drittel aller Frauen. Fast die Hälfte davon habe noch nie darüber gesprochen. In allen Fällen gehe es um Kontrolle, Macht, Isolation und Ausbeutung.

Die Regisseurin hat unterschiedliche Länder bereist, um dort betroffene Frauen zu interviewen. Sie war in Benin, Bangladesch und in der Demokratischen Republik Kongo; aber auch in Deutschland hat sie für den Film eine Frau befragt, die über Jahre hinweg Schreckliches durch ihren Mann erleiden musste.

Bei den Gesprächen mit den Frauen sei es wichtig gewesen, vorsichtig vorzugehen, um sie nicht zu gefährden oder sie erneut zu traumatisieren, sagte die Filmemacherin, die bei der Vorstellung anwesend war und nach dem Film von ihrer Arbeit berichtete. „Ich hatte eine Absprache mit den Frauen: Sie konnten ,Stopp‘ sagen, und ich bohrte nicht weiter“, betonte Claudia Schmid. Die Frauen waren trotzdem bereit, viele Details aus ihrem Leben und ihren Schicksalen teilweise unter Tränen zu erzählen. „Ich verfälsche nichts, und ich lasse keine Dinge weg, nur weil sie unerträglich sind“, erklärte die Regisseurin.

Da war zum Beispiel Minara aus Bangladesch, die mit 14 Jahren gegen ihren Willen verheiratet wurde. Ihr Ehemann schlug sie drei Jahre lang, bis Minara es nicht mehr aushielt und zu ihrer Mutter zurückkehrte. Kurze Zeit später wurde das Mädchen erneut zwangsverheiratet, mit einem 45-jährigen Mann, vor dem sie sich ekelte. Minara schaffte es, sich zu befreien und mit der Unterstützung einer Hilfsorganisation ganz von vorne anzufangen. Erschreckend waren auch die Erzählungen von Yolande aus Benin in Westafrika, die von ihrem Mann mit Säure schwer verletzt wurde. Die Frau zeigte Fotos von ihrem lädierten Körper.

Zwischen den Erzählungen der Frauen ließ die Regisseurin auch Männer zu Wort kommen. So sagte beispielsweise ein afrikanischer Mann: „Gott erschuf zuerst den Mann. Die Frau ist nur die Rückseite.“ Ein anderer Afrikaner erklärte: „Wenn sie irgendwo hingeht ohne meine Erlaubnis, dann kann ich sie nicht mehr meine Frau nennen.“

Besonders wühlte der Fall der deutschen Frau auf – vor allem deshalb, weil es so schwer vorstellbar ist, dass es diese Brutalität gegenüber Frauen nicht nur in der Dritten Welt, sondern auch hier vor der Haustür gibt. „In Deutschland findet die Destabilisierung der Frauen über die Psyche statt“, erklärte Claudia Schmid. Die betroffenen Frauen würden gefügig gemacht. Und je gebildeter der Mann sei, desto perfider sei die Gewalt.

Die Regisseurin hat bereits zwei Filme zu diesem Thema gedreht. An einem dritten arbeitet sie momentan. Dieser soll ausschließlich von deutschen Frauen handeln, die Gewalt erfahren haben.

Die Filmemacherin möchte die Gesellschaft mit ihren Filmen wachrütteln. Sie will die Menschen auffordern einzugreifen, wenn sie spüren, dass in ihrem Umfeld eine Frau von ihrem Mann schlecht behandelt wird. „Ich möchte, dass sich etwas ändert“, verdeutlichte Claudia Schmid. „Gewalt an Frauen ist ein riesengroßes Thema in der ganzen Welt.“ Doch nur, wenn die Gesellschaft aufmerksamer wäre und die Gewalt nicht verdrängen würde, könnte den betroffenen Frauen geholfen werden.

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