Gert Lohrmann: Visionär ohne große Worte

Gert ist da. Ganz groß stehts auf dem Fahrschulauto, nicht zu übersehen - denn Gert Lohrmann gehört zu denen, die immer auf der Straße sind. Als Stadtrat kennt er deshalb jeden Winkel der Stadt Geislingen.

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Einer, der so viel in der Stadt unterwegs ist, muss wissen, was den Bürger berührt und wos klemmt. So dachten sich wohl vor Jahren auch die Organisatoren der Zukunftskonferenz - und luden den bis dahin kommunalpolitisch völlig unbefleckten Fahrlehrer Gert Lohrmann zur Mitarbeit ein. Später, als sich aus dieser Konferenz ein Umweltstammtisch entwickelt hatte, lockten ihn 2004 die Freien Wähler zur Kandidatur für die Gemeinderatswahl. Mit deren Zielen konnte er sich identifizieren: "I bin an keiner politischen Farb interessiert", sagt er. Dass es aber auch im Gemeinderat nicht ohne Parteipolitik abgeht, hat er inzwischen zur Kenntnis genommen.

Mit derlei Machtspielen will er nichts zu tun haben. Eigentlich ist er ein eher unpolitischer Mensch. Den Sprung in den Gemeinderat hatte er weder 2004 noch fünf Jahre später geschafft. Dann jedoch stand er auf dem Nachrückerplatz und kam vor zwei Jahren für den verstorbenen Werner Puder ins Gremium. Schnell wurde ihm klar, dass es auch für einen Selbstständigen nicht ganz so einfach ist, die nachmittäglichen Sitzungen im Tagesplan unterzubringen. Er sei zwar sein eigener Chef, doch müsse er sich an den Wünschen der Kundschaft - sprich: Fahrschüler - orientieren. Trotz eines Angestellten und einiger Aushilfen. Nicht jede Sitzung kann er deshalb wahrnehmen, doch wenns um Bau- Verkehrssachen geht, hat er die örtlichen Gegebenheiten während seiner Übungsfahrten bestens im Blick. Der behördlichen Verkehrsschau gehört er ohnehin seit Langem an - nicht als FWler, für die sein Fraktionskollege Hans-Ulrich Sihler in diesem Gremium sitzt, sondern in seiner Eigenschaft als Fahrlehrer.

Seine Begeisterung für Autos, die sich bereits im Kindesalter bemerkbar machte, hat ihm ein weiteres Ehrenamt eingebracht: Verkehrsreferent des ADAC. Er wird um Stellungnahmen und Vorschläge gebeten, wenn Clubmitglieder aus dem Raum Geislingen ein verkehrstechnisches Anliegen haben. Dieses Amt hat er von seinem Vater übernommen, der die Fahrschule vor 50 Jahren in Amstetten im Gasthof "Alte Post" gegründet hat; in Amstetten ist sie nach wie vor ansässig, hat aber auch Standorte in Geislingen und Kuchen. Amstetten war wohl als Standort gewählt worden, weil sich die Familie traditionell eng mit der Alb verbunden fühlte, meint Gert Lohrmann, dessen Großvater in Waldhausen der "Kirchenbauer" war.

Den Vater freilich hats einst als Kfz-Mechaniker nach Göppingen verschlagen. Dessen Wunsch, aus einer der vielen Tankstellen, dies damals an jeder Ecke gab, einen "Bremsendienst" aufzubauen, machte ein schwerer Betriebsunfall zunichte. Im Krankenhaus, so weiß Sohn Gert aus Erzählungen, habe ein anderer Patient seinem Vater geraten: "Mach doch Fahrlehrer." Eine gute Idee.

Mittlerweile in Kuchen wohnhaft, florierte das neue Geschäft recht gut, zumal die Konkurrenz noch gering war. Der Sohn trat ziemlich schnell in die Fußstapfen des Vaters. Nach dem Abitur am Technischen Gymnasium in Göppingen hat er eigenen Worten zufolge "et gwusst, was i tun soll". Also wurde er Fahrlehrer. Er absolvierte die dreivierteljährige Ausbildung in Bielefeld und war mit 21 Jahren Baden-Württembergs jüngster Fahrlehrer. Dank einer Sondergenehmigung durfte er bereits mit 22 Jahren - ein Jahr früher als üblich - den Beruf ausüben. Die Zeit dahin überbrückte er als Lkw-Fahrer, womit er die Praxis-Voraussetzung erwarb, um auch Fahrlehrer für Lkw sein zu können.

Doch er wollte noch mehr. Trotz knapp bemessener Zeit studierte er an der Fachhochschule Kempten fünf Semester Maschinenbau - kein einfaches Unterfangen, zumal er am Wochenende als Fahrlehrer im Auto saß. Und dennoch entschied er sich danach für ein weiteres Studium, das er in Geislingen als Diplom-Betriebswirt Fachrichtung Automobilwirtschaft (FH) abschloss. Ein bisschen stolz, aber bescheiden, wie er sich gibt, merkt er an: "Dofür, dass i bloß im Auto sitz, ein interessanter Werdegang."

Bereits seit 13 Jahren ist er nun Inhaber der Fahrschule und wird im Büro tatkräftig von seiner Ehefrau unterstützt. Und natürlich erfordern die drei Kinder (8, 15, und 16 Jahre alt) die ganze Aufmerksamkeit. Sehr viel Zeit für anderes bleibt kaum - doch freut sich Lohrmann auf sonntägliche Spaziergänge mit der Familie auf die Alb. Dann ist da für den Autofreak auch noch der 36 Jahre alte Mercedes, mit dem er gerne übers Land fährt. Oder sein Unimog, den er für die Schulungen zum Traktor-Führerschein nutzen kann.

Als Stadtrat ist er nach zwei Jahren der Meinung, dass die Verwaltung "alles gut organisiert und im Griff hat". Lob auch für den Kämmerer: "Ma hot nicht das Gefühl, dass das Geld verprasst wird."

Ein Mann großer Worte ist er nicht, dafür aber der stille Visionär. "Mehr Miteinander" schwebt ihm vor, gemeinsames Zupacken, mehr Bürgerengagement. "Warum einen Kreisverkehr nicht gemeinsam bauen?", fragt er. In den Neuwiesen wäre damit der Verkehr in geordnete Bahnen zu lenken. Innerörtliche Staus ließen sich durch intelligente Ampelschaltungen vermeiden. Auch eine "Warentauschbörse" schwebt ihm vor: Der eine bringt was, der andere nimmt was. Und er wagt sich sogar an Vorschläge heran, die in manchen Ohren wie reine Phantastereien klingen mögen: Als Touristenattraktion eine Seilbahn vom 5-Täler-Bad zum Tegelberg oder nach Oberböhringen. Auch zur Belebung der Oberen Stadt hätte er eine Idee: Die Fußgängerzone wieder einbahnig für Autos zu öffnen - mit Schrittgeschwindigkeit.

Ganz persönlich

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