Genau betrachtet: Wenn Gott existiert, will er den Atheismus

Brauchen wir Gott überhaupt – oder er uns?! Wenn Gott existiert, dann will er den Atheismus. Ein Kommentar zum Religionsphilosophie-Seminar an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt in Geislingen.

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Das Ostlandkreuz thront hoch über Geislingen.  Foto: 

Geislinger HfWU-Studenten diskutieren mit dem Philosoph Anton Schmitt über Ethik und Gott. Schmitt hat vollkommen recht, wenn er sagt, dass wir Gott nicht für die Ethik brauchen. Meine Frage ist: Ob wir Gott überhaupt brauchen – und er uns?! Um die Spekulation auf die Spitze zu treiben: Wenn Gott existiert, dann will er den Atheismus.

Gläubige verlangen teilweise recht viel von Atheisten, sehr viel mehr als ihnen klar zu sein scheint. Arthur Schopenhauer hatte es einst so treffend formuliert: „Da haben sie denn sich auf die Behauptung geworfen, das Dasein Gottes sei zwar keines Beweises fähig, bedürfe aber auch desselben nicht: denn es verstünde sich von selbst.“

Natürlich versteht es sich nicht von selbst. Die Existenz Gottes einfach so anzunehmen, kann kein Atheist.

Der Lampertheimer Philosoph Anton Schmitt diskutiert mit Studenten der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt (HfWU) Nürtingen-Geislingen über Gott, weil die Frage nach ihm eine existenzielle sei. Die Frage scheint genauso notwendig wie die Anklage, sonst würde die Theodizee-Frage wohl auch nicht mehr gestellt werden. Vielleicht schon nicht mehr nach Gottfried Wilhelm Leibniz, der im 17. Jahrhundert für meinen Geschmack die poetischste und beste Antwort auf diese anklagende Frage gab. Leibniz argumentierte, dass Gott die beste aller möglichen Welten aus unendlichen Möglichkeiten auswählt.

Aus Logik folgt kein Sein

Aber selbstverständlich beantwortet auch das nicht jede Frage, und die sogenannten Gottesbeweise sind letztlich auch alle nur logisch begründet – aber Logik erschafft nicht die Realität, und sie gibt erstaunlich selten Auskunft darüber, was wirklich ist. Logik ist lediglich ein Instrument, um die Welt ein bisschen besser zu verstehen. Ich hab’ es mit Immanuel Kant, der betonte, dass aus Begriffen keine Existenz folgen müsse. Obwohl der Aufklärer die sogenannten Gottesbeweise widerlegte, sah er eine vernünftige Möglichkeit an Gott zu glauben.

Ich tue das nicht. Ich sehe keine vernünftige Möglichkeit. Und ich weiß gar nicht, warum das wichtig sein soll, an Gott zu glauben.

Aus ethischen Gründen sicher nicht. Es gibt herzensgute Atheisten, die sensible und moralische Menschen sind. Es gibt viele philosophische Ethiken, die ganz auf Gott verzichten. John Stuart Mill stellte die Frage nach der Nützlichkeit als Ursache. Kant sah die Vernunft als Grundlage der Ethik. Beiden folgten viele, beide wurden heftig kritisiert. Neue „gottlose“ Ethiken wurden geschrieben, und die Welt lief und läuft trotzdem weiter – und das, obwohl keine philosophische Ethik zur Staatsethik wurde.

Durch das Nichts

Wir Menschen kämpfen uns durchs Leben. Vielleicht taumeln wir nur fragend durchs Nichts, aber wir kommen (taumelnd) weiter mit unserer Welt- und Selbsterkenntnis. Auch dafür brauchen wir Gott nicht. Unterrichtet werden wir von ihm ohnehin nicht. Die Welt wendet uns nicht ihr lesbares Antlitz zu, das wir nur zu entziffern bräuchten, wie Michel Foucault einmal schrieb.

Bleibt also die Frage, ob wir für ihn glauben. Für Gott.

Auch das ist unsinnig. Wenn Gott existiert, dann ganz sicher nicht, weil seine (oder vielleicht – ihre?) Existenz von unserem Glauben abhängig ist. Gott kann es herzlich egal sein, ob wir an ihn glauben. Er zeigt sich nicht, weil er es entweder nicht kann (Vollkommenheit?) oder weil er es nicht will.

Atheismus als Geschenk?!

Ich halte letzteres für logisch. Oder mit anderen Worten ausgedrückt: Ich glaube, dass Gott den Atheismus will. Wenn Gott existiert, dann schenkt er uns Menschen vielleicht die größte aller möglichen Freiheiten: uns selbst frei von ihm zu denken.

Das könnte ihm auch deswegen recht sein, weil viele Kriege wegen der Religion geführt wurden, weil Tiere auch aus christlichen Überzeugungen als minderwertige Lebewesen betrachtet werden, weil Attentäter für metaphysische Überzeugungen sich selbst und andere töteten. Die Liste an historischen und gegenwärtigen Verfehlungen ist ziemlich lang (nicht nur beim Christentum). Und nun zu argumentieren, Religion würde zu Gewaltzwecken instrumentalisiert werden, wäre sehr einseitig.

Stellt sich natürlich nur die Frage, warum Gott, wenn er sich komplett raushält, überhaupt seinen Sohn Jesus auf die Welt schickte, damit dieser durch Gott zu uns spricht. Das wäre ja ein Widerspruch. Folglich war Jesus auch nicht der Sohn Gottes. Aber letztlich könnte mir mit solchen Spekulationen ja jeder Gläubige mit David Hume antworten: „Unsere begrenzte Erfahrung versetzt uns nicht in die Lage, über die Gesamtheit der Dinge irgendeine Hypothese aufzustellen, die als wahrscheinlich gelten kann.“ Recht hätte jeder, der mich so kritisiert, aber befriedigend ist diese Antwort nicht.

Einander Hoffnung geben

Persönlich halte ich es aber für vernünftig, uns frei von Gott zu denken, weil in unserer heutigen Welt sehr viel Selbstverantwortung und Mitgefühl gefordert ist – und zwar wegen anderer Lebewesen, den Menschen und den Tieren. Nicht aber wegen oder für Gott. Glaube gibt vielleicht Hoffnung. Hoffnung sollten Menschen aber für sich und ihre Mitgeschöpfe selbst schaffen.

Im Studium Generale wird Philosophie an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt in Geislingen unterrichtet:

- Anton Schmitt unterrichtet Religionsphilosophie

- Philosophie und Ökonomie können voneinander lernen

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