Für die neue B 10 wird auf der Schildwacht in die Tiefe gebohrt

Für die Planung der neuen Bundesstraße wird derzeit in Geislingen der Boden untersucht. Ein Bohrer steckt bereits 161 Meter tief in der Schildwacht.

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Das Rohr dreht sich immer weiter in den Boden hinein. Helmut Meißner, der die Bohrungen an diesem Punkt auf der Schild­wacht bewacht, weicht nicht von der Maschine. „Wir sind jetzt 40 Meter weit drin“, ruft er und ist bei dem Lärm nur schwer zu hören. Er steigt auf eine kleine Treppe, um die Messgeräte sehen zu können. Wenn die Bohrmaschine überfordert ist, nimmt der Druck zu, erklärt er. Meißner und seine Kollegen haben noch viel vor sich: Bis zu 290 Meter tief muss an manchen Stellen in die Schildwacht gebohrt werden, durch die irgendwann ein ungefähr zweieinhalb Kilometer langer Tunnel in knapp 200 Metern Tiefe verlaufen soll.

Seit zwei Wochen läuft die Hauptuntersuchung, bei der für den Neubau der B 10 im Streckenabschnitt Gingen-Ost bis Geislingen-Ost der Baugrund erkundet wird. Von den rund 3,7 Millionen Euro, die das Projekt kostet, fließt der Großteil in die Tiefbohrungen auf der Schildwacht. An fünf Punkten wird dort gebohrt, an einem wurden am Mittwoch bereits 161 Meter Tiefe erreicht.

„Aus den Erkundungen kann man auf Bodenparameter schließen, die man für die Planungen benötigt“, erklärt Geophysikerin Edith Herburger vom Regierungspräsidium Stuttgart. Sie betreut das Projekt zusammen mit Geologe Michael Münster von der Ingenieurgesellschaft Dr. Spang. Wie hart ist das Gestein und wo verlaufen seine unterschiedlichen Schichten? Welchen Widerstand hat der Boden? Wo sind Risse oder Löcher und wo fließt Wasser, das abgeleitet werden muss? Fragen wie diese werden mit den Untersuchungen beantwortet, erklärt Edith Herburger. „Der Grund muss tragfähig sein und so beschaffen sein, dass das Bauwerk nicht beeinträchtigt wird.“

Zahlreiche kleinere Bohrungen finden auf allen 50 bis 100 Metern der geplanten Neubaustrecke statt. Weitere Tiefbohrungen in Geislingen sind unter anderem dort geplant, wo die neue Bundesstraße über Brücken verlaufen soll. Je nach Bodenbeschaffenheit schaffe es die Maschine pro Tag bis zu 30 Meter weit in die Tiefe, sagt Michael Münster. Neben den Bohrungen kosteten aber vor allem der Auf- und Abbau, Transport und die Messungen Zeit. Sechs bis acht Wochen dauere im Schnitt eine Tiefbohrung.

Vor Beginn der Bohrungen auf der Schildwacht wurden die Eigentümer der zum Teil privaten Grundstücke informiert und eigens für die Untersuchung eine Wasserleitung auf den Berg verlegt. Das Wasser wird in den Boden gepumpt und kühlt die Bohrkrone, die sich an dem Bohrkopf mit rund 20 Zentimetern Durchmesser ins Gestein hineinfrisst. Zudem dient es als Schmiermittel, damit sich die Krone auch in festerem Grund frei drehen kann, erklärt Münster.

360-Grad-Fotos im Gestein

Ist der Bohrer ein Stück weit in den Boden vorgedrungen, wird das Material – der sogenannte Bohrkern – nach oben befördert, um dann im Labor untersucht zu werden. Dies geschieht über ein Innenrohr, damit nicht das gesamte Rohr in voller Länge herausgezogen werden muss. Erreicht die Maschine eine neue Gesteinsschicht, wird das Szenario wiederholt. Doch nicht nur, um Material zu gewinnen, wird gebohrt: In den Löchern selbst wird der Druck gemessen, und eine in die Tiefe geführte Kamera macht dort 360-Grad-Aufnahmen. „Damit sieht man jeden Riss, jede Schwächezone im Gebirge“, sagt der Geologe.

Im Lagerraum unter dem Baubüro in der Heidenheimer Straße liegen von der gesamten Neubaustrecke bereits zahlreiche Meter Bohrkern in Holzkisten, die aneinandergereiht sind. „Ein Zentimeter Gestein können durchaus 20 bis 30 Millionen Jahre sein“, sagt Münster. Man habe auch schon seltene Versteinerungen gefunden.

Der Boden von einem Bohrpunkt bei den Y-Häusern unterscheidet sich zum Beispiel deutlich von einem auf der Schild­wacht: Kies und Sand – Ablagerungen von der Fils – im Vergleich zum Kalkstein, typisch für die Schwäbische Alb. Auch Hohlräume tun sich bei den Bohrungen auf.

Die Ergebnisse der Untersuchung seien ein wesentlicher Bestandteil der Planungen, betont Edith Herburger. Der Streckenabschnitt der geplanten Straße zwischen Gingen-Ost bis Geislingen-Mitte ist im Bundesverkehrswegeplan als Maßnahme des vordringlichen Bedarfs enthalten, der Abschnitt Geislingen-Mitte bis Geislingen-Ost im weiteren Bedarf mit Planungsrecht. Bis zum Herbst sollen die Gutachten der Hauptuntersuchung zur Baugrunderkundung vorliegen und dem Bundesverkehrsministerium übergeben werden.

Das Projekt, das laut Regierungspräsidium eine der größten Erkundungskampagnen der Straßenbauverwaltung in den vergangenen zehn Jahren darstellt, sei eine „sehr aufwendige Geschichte“, sagt Herburger. Beeinträchtigungen – etwa im Verkehr – hielten sich jedoch in Grenzen, da überwiegend auf Wald- und Feldwegen gebohrt werde. Auch von Anwohnern sei der Widerstand gering: „Die meisten wollen ja unbedingt, dass die Straße gebaut wird.“

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