Fritz Marzian war schon öfter tot

Der Geislinger Fritz Marzian ist ein bekanntes Gesicht im 5-Täler-Bad. Sommers wie winters schwimmt der frühere Versicherungsvertreter im Kombibad täglich 40, beziehungsweise 80 Bahnen.

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Fritz Marzian in seinem Element: Er schwamm im vergangenen Jahr die Strecke Bremen - München.  Foto: 

"Schwimmen, schwimmen, schwimmen", antwortet Fritz Marzian, wenn man ihn nach seinen Hobbys fragt. Das sieht man dem 72-Jährigen an. Durchtrainiert und braungebrannt steigt er aus dem Schwimmerbecken des Geislinger Freibads, die blauen Augen strahlen, der silberne Haarkranz ist schnell trocken.

"Sobald das Freibad öffnet, schwimme ich nur noch im Freien. Bei jedem Wetter. Schlechtes Wetter ist für uns Schwimmer optimal, weil die anderen, die nur baden wollen, dann ins Hallenbad gehen. Dann haben wir die Bahnen für uns. Der Schulsport stört uns nicht." So äußert sich ein erfahrener Dauerschwimmer. Marzian ist deshalb glücklich mit dem Geislinger Kombibad. Schwimmen war schon immer sein Ding. Selbst als er noch als Geschäftsführer seiner Allianz-Versicherungsagentur zehn Stunden täglich zu tun hatte, nahm er sich täglich Zeit, in der Mittagspause im Freibad seine Bahnen zu ziehen. Erst seit klar war, dass in Geislingen ein Kombibad gebaut wird, besuchte Marzian auch das alte Hallenbad, "um dann im neuen von Anfang an mit dabei zu sein - winters wie sommers".

Während die meisten Dauerschwimmer, die wie Fritz Marzian fast täglich Schwimmsport betreiben, sich ein Zeitlimit setzen, nimmt sich der ehrgeizige Senior immer eine bestimmte Strecke vor: 40 Bahnen im Freibad, beziehungsweise 80 auf der 25-Meter-Bahn im Hallenbad. Bevor das nicht absolviert ist, steigt er nicht aus dem Becken. "Weil ich die Bahnen zähle, spreche ich beim Schwimmen auch nicht gern", erzählt der sonst redefreudige Rentner lachend. Er fügt jedoch hinzu: "Zum Schwätzen treffen sich ein paar von uns nach dem Schwimmen auf der ,Pressebank links vom Sprungbrett. Die heißt so, weil wir dort die Lokal- und die hohe Politik durchhecheln."

Fritz Marzian führt genau Buch über seine sportliche Leistung. 367 Kilometer schwamm er 2010, 389 Kilometer im Jahr darauf. Damit hatte er sein selbst gesetztes Jahresziel von 400 Kilometern fast geschafft. 2012 schoss er weit darüber hinaus: 588 Kilometer - das ist die Strecke von Bremen nach München. "Ich hab den Herren Jaeger und Cammerer vom Kombibad ein Lob ausgesprochen fürs neue Bad - und großspurig versprochen, 500 Kilometer zu schwimmen", schmunzelt Marzian. "Aber es lief richtig gut letztes Jahr im Freibad, ich stockte schließlich auf 50 Bahnen pro Tag auf."

Dabei leidet Marzian seit 1995 an einem Herzfehler. "Ich war schon öfters tot", wie ers formuliert. Der viermal verheiratete Vater von zwei Söhnen lebt mit dem dritten implantierten Defibrillator, seit er vor zwölf Jahren nach einem Herzstillstand reanimiert worden war. "Der Defi soll bei einem erneuten Herzstillstand nach sechs Sekunden loslegen mit Elektroschocks. Zum Glück hab ich ihn bis jetzt nie mehr gebraucht". Aber jedes Mal, wenn ein neuer Defi eingesetzt wird beziehungsweise bei den Elektrokardioversionen (Wiederherstellung des normalen Herzsinusrhythmuses nach Störungen), wurde das Herz "kurzzeitig ausgeschaltet", umschreibt er. 2005 folgte eine Operation am offenen Herzen, bei der die Aortenklappe ersetzt, zwei Bypässe gelegt und der zweite Defi eingesetzt wurde.

"Ich hab in 40 Jahren Selbstständigkeit nie krank gemacht. Das bedeutet jedoch, dass ich auch, wenn ich eine Grippe hatte, diese nie richtig auskurierte. Ich denke, das ist die Ursache für die Herzprobleme", mutmaßt Marzian.

Fritz Marzian liebt das Leben. Noch nie sei er ein Kind von Traurigkeit gewesen, sagt er mit einem Zwinkern, das Platz für Spekulationen lässt. Das gilt für sein Privatleben genauso wie für das berufliche. Er stammt aus Elbing in Westpreußen. 1945 - er war vier - flüchtete die Mutter mit den drei Kindern vor den Russen. Das Fluchtschiff "Gustloff" war überfüllt, sie fanden dafür Platz auf der kleineren "Lübeck" - ein Umstand, der der Familie das Leben rettete. Die Gustloff wurde bei dieser Überfahrt von einem sowjetischen U-Boot versenkt. Es gab vermutlich über 9000 Tote.

1953 zog die inzwischen sechs-köpfige Familie von Kleinschenkenberg in Schleswig-Holstein nach Göppingen. Eigentlich wollte Fritz Marzian nach der Realschule und einem Jahr Höhere Handelsschule eine Lehre zum Maschinenschlosser bei Böhringer machen. "Aber ich hab irgendwie den Anmeldetag verpasst", grinst er. So landete er als Lehrling bei einem "Helfer in Steuersachen", heute Steuerberater. "Das hat Spaß gemacht, im letzten Lehrjahr bekam ich statt des mickrigen Lehrlingsgehalts zwei Mark auf die Stunde, weil ich schon gut war", erinnert er sich. Es folgte die Bundeswehr, bei der er sich - fast - entschied, sich länger zu verpflichten, um Pilot zu werden. Eher durch Zufall landete Marzian schließlich bei der Versicherung, bekam eine Agentur in Geislingen und übte auch diesen Beruf mit Hingabe aus.

Vor sieben Jahren ging Fritz Marzian in Rente. Wenn er nicht schwimmt, liest er gern. Seit 44 Jahren ist er Mitglied im Schützenverein. 24 Jahre leitete er den Männergesangverein "Eintracht Altenstadt". Dafür erhielt er die Landesehrennadel. Dem CDU-Stadtverband gehört er seit 40 Jahren, davon acht Jahre im Vorstand, an.

Ansonsten ist er ein "Gewohnheitsmensch". Morgens gibts ein Bananen-Müsli, nach dem Schwimmen ein Stück Hefezopf, das er in den Kaffee eintunkt. So gewissenhaft Fritz Marzian bei seiner Haushaltsführung oder seiner Sportdokumentation ist, so lässig sieht er die Pflichten im Garten - dort darf wachsen, was Gott wachsen lässt. Ein Kontrapunkt.

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