Flüchtlingen helfen, Traumatisches zu bewältigen

Seit Herbst finden traumatisierte Flüchtlinge Hilfe bei der Caritas in Geislingen. Annagreta König gehört zu den Therapeuten, die sie betreuen.

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In der Betreuung von Flüchtlingen geht die Tübinger Traumatherapeutin Annagreta König auch mal unkonventionelle Wege.  Foto: 

Wer sich mit Asylbewerbern darüber unterhält, was sie in ihrer Heimat und auf der Flucht erlebt haben, der kann es oft nicht fassen: Die Frauen, Männer und Kinder berichten scheinbar ungerührt von Krieg und Bomben, Toten und Verstümmelten sowie Erschöpfung und Todesangst auf dem Weg nach Europa. Tränen und Verzweiflung zeigen sie trotz der grauenhaften Erlebnisse selten, stattdessen wirken sie eher abgeklärt oder resigniert.

Therapeutin Annagreta König weiß: Es handelt sich um eine normale Abwehrreaktion des Körpers. "Niemand ist dazu in der Lage, sich permanent mit den erlebten Schrecken auseinanderzusetzen. Man schützt sich vor den Traumata, indem man sie wegrationalisiert."

Erst zeitversetzt setzten bei den meisten Stress-Symptome ein: etwa Schlaflosigkeit, Panikattacken, Aggressionen oder Drogenmissbrauch. Bis es soweit ist, kann es viele Jahre dauern.

Annagreta König rechnet deshalb damit, dass die große Anzahl an Hilfebedürftigen erst noch kommen wird. Schon jetzt aber - genauer seit Oktober - betreut die Tübinger Therapeutin für Psychotraumatologie und Traumatherapie mit zwei Kolleginnen bei der Caritas Fils-Neckar-Alb in Geislingen traumatisierte Flüchtlinge. Die Diözese Rottenburg-Stuttgart hat zunächst für drei Jahre Mittel aus dem "Zweckerfüllungsfonds Flüchtlingshilfen" bereitgestellt. Die Therapie ist kostenlos, das Angebot auf diese Weise niederschwellig. Ehrenamtliche oder die Ämter geben Tipps, wer Hilfe gebrauchen könnte. Da die Krankenkassen nicht involviert sind, entfällt die langwierige Dokumentationspflicht. Das Ziel formuliert Annagreta König so: "Wir wollen die Menschen darin unterstützen, dass es ihnen besser geht und dass sie das Schwierige, das sie erlebt haben, besser bewältigen können."

Sechs Klienten betreut die 48-Jährige bislang, zwei weitere Anmeldungen liegen vor. Weil die Nachfrage sich noch in Grenzen hält, ist derzeit eine besonders intensive Betreuung möglich - mit wöchentlichen Terminen in der Anfangsphase. König: "Wenn die Zahl der behandlungsbedürftigen Personen steigt, müssen wir schauen, was wir anbieten können."

In der Arbeit mit Flüchtlingen gälten sowieso etwas andere Regeln als in einer herkömmlichen Traumatherapie, erklärt die Tübingerin: Da ist erstmal die Sprachbarriere, die sich mit Dolmetschern aber leicht überwinden lasse. Dass eine weitere Person mit im Raum sitzt, sei kein Problem, Verschwiegenheit gilt für alle Beteiligten. Da der Übersetzer häufig aus demselben Kulturkreis wie der Klient stamme, könne er zur moralischen Stütze werden. Annagreta König selbst schätzt es, dass ihr der Vorgang des Übersetzens Zeit verschafft, das Besprochene zu reflektieren. Ihre Klienten besucht sie auch mal in den Unterkünften oder telefoniert ihnen für die Treffen hinterher. Dinge, die sie sonst als Therapeutin nicht machen würde. Um die Flüchtlinge gut betreuen zu können, sei es aber wichtig, ihr Umfeld kennenzulernen und sie besonders zu stützen, sagt sie.

Doch eine richtige, umfassende Therapie zu bieten, das sei angesichts der Umstände meist gar nicht möglich, bedauert Annagreta König. Denn so lange es keine äußere Sicherheit für die Flüchtlinge gebe - in Form einer Aufenthaltserlaubnis, einer Arbeitsstelle und einer Wohnung sowie der Gewissheit, dass es Angehörigen und Freunden in der Heimat gut geht -, gelinge es in der Regel auch nicht, die Traumata vollständig aufzuarbeiten. "Da wünsche ich mir, jedem zumindest einen Job anbieten zu können", sagt sie: "Wer sich betätigt, ist nicht nur abgelenkt, sondern fühlt sich auch gebraucht und kann so seine Ressourcen stärken."

Weil das aber nicht möglich ist, bringt die Therapeutin ihren Klienten Techniken bei, die dabei helfen sollen, die Psyche zu stabilisieren und sich selbst und die eigenen Gefühle zu regulieren. Das geht zum Beispiel mit der Imagination eines Tresors, in dem man unerwünschte Bilder wegschließen kann. Oder mit Ressourcenübungen, die den Blickwinkel aufs Leben verändern können. "Es ist frustrierend, dass die äußeren Bedingungen so schwierig sind, aber mit einer Anleitung kann es immerhin gelingen, die Lebensqualität stark zu verbessern", sagt sie.

Ob die Geschichten, die die Flüchtlinge ihr erzählen, immer in allen Details stimmen, interessiert Annagreta König übrigens nicht. "Darum geht es mir nicht: Ich nehme die Menschen mit ihren Symptomen an und versuche, ihnen zu helfen."

Flüchtlinge im Porträt

Serie Seit dem 29. Januar haben wir in zwölf Folgen Flüchtlinge vorgestellt: Familien, Einzelpersonen und Jugendliche erzählten in der GEISLINGER ZEITUNG, weshalb sie ihr Heimatland verlassen haben, was ihnen auf ihrer Flucht widerfahren ist und wie sie sich in Geislingen, ihrem neuen Zuhause, fühlen. Wir beenden die Serie fürs Erste kommende Woche mit einem Ausblick: Wie geht es den Menschen, die wir vorgestellt haben? Haben sie ihre Aufenthaltserlaubnis bekommen, vielleicht sogar schon eine Ausbildungs- oder Arbeitsstelle und eine eigene Wohnung gefunden?

SWP

Zur Person

Vita Annagreta König ist 48 Jahre alt, verheiratet und hat drei Kinder. Sie hat Politikwissenschaft und Rhetorik in Tübingen sowie Transkulturelle Psychiatrie in Paris studiert. Annagreta König ist ausgebildete Therapeutin für Psychotraumatologie und Traumatherapie, außerdem Ehe-Familien-Lebensberaterin. Neben ihrer Tätigkeit für die Caritas in Geislingen hat sie eine Praxis in Tübingen.

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