Flüchtlinge und Arbeitsmarkt: Am Anfang steht die Sprache

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Sommer und Herbst 2015: Im Landkreis Göppingen sucht man fieberhaft nach Unterkünften für Menschen, die aus den Krisengebieten in Syrien, Afghanistan und Afrika flüchten. Es werden in aller Eile Notunterkünfte gebaut, Turnhallen zweck­entfremdet und privater Wohnraum umgestaltet, um den vielen Menschen, die aus den Erstaufnahmestellen kommen, eine vorläufige Bleibe anbieten zu können. Mittlerweile ist der Zustrom etwas abgeebbt und es geht in erster Linie um die Integration dieser Menschen, deren Hoffnung zumeist darin beruht, hier eine neue Zukunft, ein neues Leben zu beginnen. Integration heißt dabei das Schlüsselwort. Wie komplex dabei die Abläufe sind, darüber klärte jüngst die Göppinger Agentur für Arbeit bei einem Hintergrundgespräch auf. Einen Erfolg kann es nur in einem Netzwerk geben, machte gleich zu Beginn Pressesprecherin Kerstin Fickus deutlich, die zum Treffen Winfried Hüntelmann, den Chef der Göppinger Arbeitsagentur, sowie Werner Schreiner Geschäftsführer des Jobcenters Esslingen und Marco Lehnert vom Jobcenter Göppingen mitgebracht hatte.

4300 geflüchtete Menschen werden momentan von der Göppinger Agentur für Arbeit und den Jobcentern in Esslingen und Göppingen betreut, davon sind 1030 arbeitslos gemeldet. Die Agentur ist für die Landkreise Esslingen und Göppingen zuständig. „Wir möchten etwas Transparenz in das Thema bringen“, machte Hüntelmann deutlich, auf das Ziel dieses Gesprächs mit den Medien eingehend. Denn in der Tat hat wohl kaum jemand eine Vorstellung davon, was täglich im Hintergrund – auch in den beiden Landkreisen ­ ­– abläuft, um die geflüchteten, teilweise traumatisierten Menschen in unsere Gesellschaft einzugliedern. Die größte Zahl der Flüchtlinge  kommt aus Syrien, dahinter folgen zahlenmäßig Flüchtlinge aus den Ländern Irak, Afghanistan, Pakistan, Iran, Eritrea, Nigeria und Somalia. 75 Prozent dieser Flüchtlinge sind jünger als 35 Jahre, ergänzt Hüntelmann die Statistik.

So unterschiedlich wie diese Menschen selbst und die Kulturen, aus denen sie zu uns kommen, sind auch  ihre Voraussetzungen, um in die Arbeitswelt eingegliedert werden zu können. Etwa ein Viertel habe Fachhochschul- oder Hochschulreife (auf deutsche Verhältnisse bezogen), knapp 20 Prozent einen mittleren Bildungs- oder einen Hauptschulabschluss, jeweils über 27 Prozent sind ohne Schulabschluss oder haben dazu keine tauglichen Angaben parat. Wo es natürlich durchweg mangelt, das sind die Sprachkenntnisse. Wenn überhaupt eine Zweitsprache halbwegs gesprochen wird, dann ist das zumeist Englisch. Und wenn die Experten von der Arbeitsagentur von Alphabetisierung sprechen, dann meinen sie zunächst einmal das Erlernen der lateinischen Schriftzeichen.

Bei allen Integrationsbemühungen, für die sehr gut vernetzte Integrationsstellen bei der Agentur für Arbeit in Esslingen und Göppingen eingerichtet wurden, stehen also Sprachkurse für die Flüchtlinge. Die Wartezeiten auf solche Kurse betragen derzeit etwa sechs Wochen, sofern die Menschen alphabetisiert sind. „Das ist der Flaschenhals“, sagt Marco Lehnert. So ist das Potenzial ausbildungsreifer Flüchtlinge in  diesem Jahr noch gering. In den kommenden Jahren werden sie allerdings auf vielerlei Weise, beispielsweise in Praktika, den unterschiedlichsten berufsvorbereitenden oder qualifizierenden Maßnahmen, aber auch direkt in Ausbildungen gehen. Teilweise geschieht das schon parallel zu den Sprachkursen. „Manche wollen natürlich auch nur einfach arbeiten“, weiß Wilfried Hüntelmann, was allerdings nicht unbedingt einfacher ist, denn Qualifizierung ist heute auf dem Arbeitsmarkt das A und O.

Und das unterstreichen die Experten von der Agentur noch ganz besonders:  Die Integration und Betreuung von Flüchtlingen geht nicht zu Lasten anderer Arbeitsloser. Auch für diese werde immer nach individuellen Lösungen gesucht. Die Ausbildung zur Fachkraft braucht  einfach Zeit.

Integrationsstelle: Die Idee der Integrationsstelle für Arbeit und Ausbildung ist, Flüchtlingen einen schnellen und einfachen Zugang zu Unterstützungsangeboten zu ermöglichen. Die  Flüchtlinge sollen zügig für Ausbildung und qualifizierte Arbeit vorbereitet werden. Zu den Aufgaben der Inte­grationsstelle gehört auch die Gewährung von Leistungen zum Lebensunterhalt nach dem Sozialgesetzbuch II. Die Integrationsstellen arbeiten mit Krankenkassen, Sozialbetreuern, betreuenden Organisationen und Ehrenamtlichen zusammen.

Integrationsgesetz: Die gesetzlichen Regelungen verschaffen Arbeitgebern Sicherheiten. Während anerkannte Flüchtlinge ohnehin Zugang zum Arbeitsmarkt haben, können geduldete Flüchtlinge eine dreijährige Ausbildung absolvieren und auf jeden Fall danach noch zwei Jahre in Deutschland bleiben. Flüchtlinge müssen sich aber auch selbst um Integration bemühen.

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